953. An Goethe

[Weimar, den 12. oder 13. Januar 1804]

Indem ich mich erkundige, wie es mit Ihrer Gesundheit steht, frage ich zugleich an, ob Sie sich gestimmt und aufgelegt fühlen, von etwas Poetischem Notiz zu nehmen. Denn in diesem Fall wollte ich Ihnen den großen ersten Act des Tell zuschicken, welchen ich an Iffland abzusenden gedrungen werde, und nicht gern ohne Ihr Urtheil aus den Händen geben möchte. Unter allen den widerstreitenden Zuständen, die sich in diesem Monat häufen, geht doch die Arbeit leidlich vorwärts, und ich habe Hoffnung, mit Ende des kommenden Monats ganz fertig zu seyn.

Die Recension, die Sie mir geschickt, ist mir ganz ungenießbar und fast unverständlich; ich fürchte dieser böse Casus wird Ihnen noch oft vorkommen. Von dem recensirten Buch habe ich mir keinen Begriff daraus schöpfen können.

Die Stael habe ich gestern bei mir gesehen, und sehe sie heut wieder bei der Herzogin Mutter. – Es ist das Alte mit ihr; man würde sich an das Faß der Danaiden erinnern, wenn einem nicht der Oknos mit seinem Esel dabei einfiele.

Sch.

H 938 | S 942 | B 946

952. An Goethe

[Weimar, den 10. Januar 1804]

Wie ich gestern Nachts nach Hause kam, fiel mir plötzlich ein, daß ich Hrn. Genast neue Räthsel zur morgenden Turandot versprochen, und um doch einigermaßen Wort zu halten, setzte ich mich noch vor Schlafengehen hin, ein paar Ideen dazu in Verse zu bringen; so habe ich also den werthen Gast, den Sie mir in die Tasche gesteckt, erst diesen Augenblick wo ich aufgestanden, zur Hand genommen und werde diesen Abend davon Bericht abstatten können.

Die neuen Figuren im Theaterpersonal will ich nützlichst in der Jungfrau unterzubringen suchen.

Sch.

Datierung handschriftlich von Goethe; vermutlich falsch, lt. B: 8. März 1803

H 934 | S 941 | B 905

951. An Goethe

[Weimar, zwischen dem 5. und 7. Januar 1804]

Zu einem Geburtstagsstück scheint mir der Mithridat im Nothfall zu brauchen; er giebt, da man nichts Besseres hat, doch eine ernste und vornehme Darstellung. Ich habe deßwegen das noch bei mir stagnirende Manuscript gestern mobil gemacht, und den ersten Act mit dem was ich dabei angestrichen an Bode gegeben, der jetzt eben daran ist die bemerkten Stellen zu ändern. Wenn er damit zurecht kommt, welches sich binnen wenigen Tagen ausweisen muß, so könnte das Stück am Ende kommender Woche abgeschrieben und ausgetheilt seyn, und es blieben dann immer noch vierzehn Tage zum Einstudiren.

Geist sagte gestern, daß das Concert und Souper auf dem Stadthause wieder abgesagt worden. Da ich nichts Officielles darüber vernommen, so bitte ich nur um ein Wort mündlich, wie es damit steht. Meyern sende ich das Augusteum. Von Frau von Stael habe ich nichts gehört; ich hoffe sie ist mit Herrn Benjamin Constant beschäftigt. Was gäbe ich um Ruhe, Freiheit und Gesundheit in den nächsten vier Wochen; dann wollte ich weit kommen.

Sch.

H 933 | S 940 | B 945

950. An Schiller

Weimar, am 4. Januar 1804

Beiliegendes Blättchen wollte besonders abschicken als mir die Balladen wieder in die Hände fielen, welche ich schon vor einiger Zeit erhielt; sie haben etwas Gutes ohne gut zu seyn. Ich wünsche Ihr Urtheil zu hören.

G.

H 932 | S 939 | B 944

949. An Goethe

[Weimar, den 31. Dezember 1803]

Ich wollte schon bei Ihnen anfragen, wie Sie es diesen Abend halten wollten, als ich Ihre Sendung erhielt, die mir sehr erfreulich war. Das Programm ist voll Gehalt und Leben, und füllt einem den ganzen Geist mit einer Welt von Ideen an. Das Polygnotische Wesen nimmt sich prächtig aus und scheint einen neuen Tag zu verkündigen. Mündlich mehr; ich werde mich gegen acht Uhr einstellen.

Haben Sie die Güte mir eine Nota über die an Wolzogen überlassenen Zeichnungen zu schicken, so will ich sie gleich bezahlen.

Sch.

H 931 | S 938 | B 943

948. An Schiller

Weimar, am 31. December 1803

Hier, mein Werthester, die Aushängebogen des Programms auf Actenweise geheftet, bis ich Ihnen ein besseres Exemplar zuschicken kann. Möchten doch unsere Bemühungen Ihnen einigen Beifall ablocken.

Ich gehe heute Abend nicht in die Komödie; wie halten Sie es? Mögen Sie mich vielleicht gegen acht Uhr besuchen, und alsdann Wolf bei mir erwarten, welcher wohl in das Schauspiel gehen wird?

G.

H 930 | S 937 | B 942

947. An Goethe

Weimar, den 21. December 1803

Der rasche und wirklich anstrengende Wechsel von productiver Einsamkeit und einer ganz heterogenen Societäts-Zerstreuung hat mich in dieser letzten Woche so ermüdet, daß ich durchaus nicht zum Schreiben kommen konnte, und es meiner Frau überließ, Ihnen eine Anschauung von unsern Zuständen zu geben.

Frau von Stael wird Ihnen völlig so erscheinen, wie Sie sie sich a priori schon construirt haben werden: es ist alles aus Einem Stück und kein fremder, falscher und pathologischer Zug an ihr. Dieß macht daß man sich trotz des immensen Abstands der Naturen und Denkweisen vollkommen wohl bei ihr befindet, daß man alles von ihr hören und ihr alles sagen mag. Die französische Geistesbildung stellt sie rein und in einem höchst interessanten Lichte dar. In allem was wir Philosophie nennen, folglich in allen letzten und höchsten Instanzen, ist man mit ihr im Streit und bleibt es trotz alles Redens. Aber ihr Naturell und Gefühl ist besser als ihre Metaphysik, und ihr schöner Verstand erhebt sich zu einem genialischen Vermögen. Sie will alles erklären, einsehen, ausmessen, sie statuirt nichts Dunkles, Unzugängliches, und wohin sie nicht mit ihrer Fackel leuchten kann, da ist nichts für sie vorhanden. Darum hat sie eine horrible Scheu vor der Idealphilosophie, welche nach ihrer Meinung zur Mystik und zum Aberglauben führt, und das ist die Stickluft wo sie umkommt. Für das was wir Poesie nennen, ist kein Sinn in ihr; sie kann sich von solchen Werken nur das Leidenschaftliche, Rednerische und Allgemeine zueignen, aber sie wird nichts Falsches schätzen, nur das Rechte nicht immer erkennen. Sie ersehen aus diesen paar Worten, daß die Klarheit, Entschiedenheit und geistreiche Lebhaftigkeit ihrer Natur nicht anders als wohlthätig wirken können. Das einzige Lästige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit ihrer Zunge, man muß sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln um ihr folgen zu können. Da sogar ich, bei meiner wenigen Fertigkeit im französisch reden, ganz leidlich mit ihr fortkomme, so werden Sie, bei Ihrer größeren Übung, eine sehr leichte Communication mit ihr haben.

Mein Vorschlag wäre, Sie kämen den Sonnabend herüber, machten erst die Bekanntschaft und gingen dann den Sonntag wieder zurück um Ihr Jenaisches Geschäft zu vollenden. Bleibt Madame de Stael länger als bis Neujahr, so finden Sie sie hier, und reist sie früher ab, so kann sie Sie ja in Jena vorher noch besuchen. Alles kommt jetzt darauf an, daß Sie eilen eine Anschauung von ihr zu bekommen, und sich einer gewissen Spannung zu entledigen. Können Sie früher kommen als Sonnabends, desto besser.

Leben sie recht wohl. Meine Arbeit hat in dieser Woche freilich nicht viel zugenommen, aber doch auch nicht ganz gestockt. Es ist recht schade, daß uns diese interessante Erscheinung zu einer so ungeschickten Zeit kommt, wo dringendere Geschäfte, die böse Jahrszeit und die traurigen Ereignisse über die man sich nicht ganz erheben kann, zusammen auf uns drücken.

Sch.

H 929 | S 936 | B 941

946. An Goethe

Weimar, den 14. December 1803

Gegen Ihre Gründe, warum Sie jetzt nicht hieher kommen wollen, läßt sich gar nichts einwenden, ich habe sie dem Herzog auch möglichst geltend zu machen gesucht. Der Frau von Stael wird und muß es auch viel angenehmer seyn, Sie ohne den Train von Zerstreuungen zu sehen, und Ihnen selbst kann bei dieser Einrichtung diese Bekanntschaft wirklich ein Vergnügen seyn, da sie sonst nur eine unerträgliche Last gewesen wäre.

Ich nehme wahren Antheil an dem Fortgang Ihrer jetzigen Geschäfte, die nun einmal eine Nothwendigkeit sind, wenn sie auch nach innen nichts erbauen und begründen. Meine Geschäfte gehen auch ihren Gang fort, und es fängt doch endlich an, etwas zu werden. Aber da man mich von Berlin aus drängt und treibt und mich also ewig an den Drachen erinnert, der das Werk so wie es warm aus der Feder kommt, fressen und verschlingen wird, so macht mir das auch keinen guten Muth. Das ganz Niederträchtige des Berlinischen Theaters habe ich mir erst neuerdings wieder aus Cordemanns Bericht versinnlicht.

Daß Böttiger nach Berlin kommt, ist nun gewiß, wir wollen ihm von Herzen glückliche Reise wünschen. Möge ihm nur ein glücklicher Nachfolger werden. Ich habe an Riemern gedacht; es wäre doch sehr zu wünschen, einen solchen Menschen festzuhalten.

Leben Sie recht wohl, bleiben Sie gesund und heiter, und fahren Sie säuberlich mit der Pilgerin, die zu Ihnen wallet. So wie ich etwas Näheres erfahre, gebe ich Ihnen Nachricht.

Sch.

Der Herzog läßt mir zur Antwort sagen, er würde Ihnen selbst schreiben und mit mir in der Komödie reden.

Halten Sie nur fest, wenn er sich Ihnen auch nicht gleich fügen sollte.

H 928 | S 935 | B 940

945. An Schiller

Jena, am 13. December 1803

Vorauszusehen war es daß man mich, wenn Madame de Stael nach Weimar käme, dahin berufen würde. Ich bin mit mir zu Rathe gegangen, um nicht vom Augenblick überrascht zu werden, und hatte zum voraus beschlossen hier zu bleiben. Ich habe, besonders in diesem bösen Monat, nur gerade so viel physische Kräfte um nothdürftig auszulangen, da ich zur Mitwirkung an einem so schweren und bedenklichen Geschäft verpflichtet bin. Von der geistigsten Übersicht bis zum mechanischen typographischen Wesen muß ich’s wenigstens vor mir haben und der Druck des Progamms, der wegen der Polygnotischen Tabellen recht viele Dornen hat, fordert meine öftere Revision. Wie viel Tage sind denn noch hin, daß alles fertig seyn und bei einer leidenschaftlichen Opposition mit Geschick erscheinen soll? Sie, werther Freund, sehen gewiß mit Grausen meine Lage an, in der mich Meyer trefflich soulagirt, die aber von niemand kann erkannt werden; denn alles was nur einigermaßen möglich ist, wird als etwas Gemeines angesehen. Deßhalb möcht ich Sie recht sehr bitten mich zu vertreten; denn niemanden fällt bei dieser Gelegenheit der Taucher wohl ein als mir, und niemand begreift mich als Sie. Leiten Sie daher alles zum Besten, in so fern es möglich ist. Will Madame de Stael mich besuchen, so soll sie wohl empfangen seyn. Weiß ich es vier und zwanzig Stunden voraus, so soll ein Theil des Loderischen Quartiers meublirt seyn, um sie aufzunehmen, sie soll einen bürgerlichen Tisch finden, wir wollen uns wirklich sehen und sprechen, und sie soll bleiben so lange sie will. Was ich hier zu thun habe ist in einzelnen Viertelstunden gethan, die übrige Zeit soll ihr gehören; aber in diesem Wetter zu fahren, zu kommen, mich anzuziehen, bei Hof und in Societät zu seyn, ist rein unmöglich, so entschieden als es jemals von Ihnen, in ähnlichen Fällen, ausgesprochen worden.

Dieß alles sey Ihrer freundschaftlichen Leitung anheim gegeben, denn ich wünsche nichts mehr als diese merkwürdige, so sehr verehrte Frau wirklich zu sehen und zu kennen, und ich wünsche nichts so sehr, als daß sie diese paar Stunden Weges an mich wenden mag. Schlechtere Bewirthung, als sie hier finden wird, ist sie unterweges schon gewohnt. Leiten und behandeln Sie diese Zustände mit Ihrer zarten freundschaftlichen Hand und schicken Sie mir gleich einen Expressen, sobald sich etwas Bedeutendes ereignet.

Glück zu allem was Ihre Einsamkeit hervorbringt, nach eignem Wünschen und Wollen! Ich rudre in fremdem Element herum, ja, ich möchte sagen, daß ich nur drin patsche, mit Verlust nach außen und ohne die mindeste Befriedigung von innen oder nach innen. Da wir denn aber, wie ich nun immer deutlicher von Polygnot und Homer lerne, die Hölle eigentlich hier oben vorzustellen haben, so mag denn das auch für ein Leben gelten. Tausend Lebewohl im himmlischen Sinne!

G.

H 927 | S 934 | B 939

944. An Schiller

Jena, am 2. December 1803

Herr Regierungsrath Voigt hat mich diesen Nachmittag besucht und mich abgehalten Ihnen zu schreiben; dagegen habe ich ihn gebeten Sie bald zu sehen und Sie vom glücklichen Fortgang unserer literarischen Unternehmung zu unterrichten. Hätten Sie nicht für jetzt das bessere Theil erwählt, so würde ich Sie bitten uns bald ein Zeichen Ihrer Beistimmung zu geben.

Für mich ist dieses Wesen eine neue sonderbare Schule, die denn auch gut seyn mag, weil man mit den Jahren doch immer weniger productiv wird und also sich wohl um die Zustände der andern etwas genauer erkundigen kann.

Mich beschäftigt jetzt das Programm das in zwei Theile zerfällt, in die Beurtheilung des Ausgestellten und in die Belebung der Polygnotischen Reste. Jenen ersten Theil hat Meyer zwar sehr schön vorgearbeitet, indem er alles zu Beherzigende trefflich bedacht und ausgedrückt hat; doch muß ich noch einige Stellen ganz umschreiben, und das ist eine schwere Aufgabe.

Für die Polygnotischen Reste ist auch gethan was ich konnte; doch alles zuletzt zusammen zu schreiben und zu redigiren, nimmt noch einige Morgen weg; indessen führt diese Arbeit in sehr schöne Regionen und muß künftig unserm Institut eine ganz neue Wendung geben. Nun kommt auch noch der Druck hinzu, so daß ich das ganze Geschäft unter vierzehn Tagen nicht los werde. Das Programm wird dießmal ungefähr vier Bogen.

Voß habe ich erst einmal gesehen, da ich wegen der Nässe mich kaum bis an die Bachgasse getraue. Er hat nun Burkhardt Waldis an die Reihe genommen, um dessen Worte und Redensarten in’s Wörterbuch zu notiren. Ich muß mich erst wieder zu ihm und seinem Kreise gewöhnen und meine Ungeduld an seiner Sanftmuth bezähmen lernen. Dürfte ich an etwas Poetisches denken, so läse ich mit ihm wie sonst; denn da ist man gleich in der Mitte des Interesses.

Knebel hat sich bei Hellfeld, in Ihrer ehemaligen Nachbarschaft, am Neuthor, eingemiethet, weit genug von Vossen, um von dessen Rigorismus nicht incommodirt zu werden. Dafür wird er auch unserm Prosodiker das Wasser nicht trübe machen; denn dieser wohnt am Einfluß, er aber am Ausfluß des Baches.

Ihren Vorschlag, Fernow und Hegel zusammen zu bringen, habe ich in’s Werk zu setzen schon angefangen. Übrigens giebt es morgen Abend bei mir einen Thee, bei dem sich die heterogensten Elemente zusammenfinden werden.

Der arme Vermehren ist gestorben. Wahrscheinlich lebte er noch wenn er fortfuhr mittelmäßige Verse zu machen. Die Postexpedition ist ihm tödtlich geworden; und somit für heute ein freundliches Lebewohl.

G.

H 926 | S 933 | B 938