956. An Schiller

[Weimar, den 14. Januar 1804]

Auf Ihre freundlichen Abendworte erwiedere ich folgendes: Ich wünsche recht herzlich Sie bald zu sehen, ob ich mich gleich sehr in Acht nehmen muß. Eine Unterredung mit Hrn. Voigt ist mir gestern gar nicht wohl bekommen. Ich fühle jetzt erst daß ich schwach bin.

An Ihrer Exposition habe ich mich recht gelabt und indessen davon gezehrt. Es ist recht gut daß Sie den Widerspruch gegen die zudringliche Nachbarin durch eine solche gleichzeitige That äußern, sonst müßte der Zustand auch ganz unerträglich seyn.

Da ich jetzt krank und grämlich bin, so kommt es mir fast unmöglich vor, jemals wieder solche Discurse zu führen. Man begeht doch eigentlich eine Sünde gegen den heiligen Geist, wenn man ihr auch nur im mindesten nach dem Maule redt. Wäre sie bei Jean Paul in die Schule gegangen, so hielte sie sich nicht so lange in Weimar auf; sie mag’s auf ihre Gefahr nur noch drei Wochen probiren.

Ich bin die Zeit über immer beschäftigt gewesen, und da ich nichts leisten konnte, habe ich manches gethan und gelernt; nur muß ich mit den Gegenständen wechseln und Pausen dazwischen machen.

Die angekommenen Hackert’schen Landschaften haben mir auch einen heiteren Morgen gemacht; es sind ganz außerordentliche Werke, von denen man, wenn sich auch manches dabei erinnern läßt, doch sagen muß, daß sie kein anderer Lebender machen kann, und wovon gewisse Theile niemals besser gemacht worden sind.

Leben Sie recht wohl und wenn Sie morgen nach Hofe fahren, so kommen Sie einen Augenblick vorher zu mir; mein Wagen kann Sie abholen und so lange warten.

Das Rütli wird mir große Freude machen. Ich verlange sehr das was einzeln so gut eingeführt ist, nun im Ganzen beisammen zu sehen.

G.

H 941 | S 945 | B 949

955. An Goethe

[Weimar, den 14. Januar 1804]

Daß Sie mit meinem Eingang in den Tell zufrieden sind, gereicht mir zu einem großen Trost, dessen ich unter der gegenwärtigen Stickluft besonders bedürftig war. Auf den Montag will ich Ihnen das Rütli senden, welches jetzt in’s Reine geschrieben wird: es läßt sich als ein Ganzes für sich lesen.

Ich bin ungeduldig verlangend, Sie wieder zu sehen. Wann öffnen Sie Ihre Pforte wieder?

Heute regt sich nach vier Wochen wieder eine Lust bei mir nach der Komödie. In dieser ganzen Zeit hab’ ich keinen Trieb gespürt, besonders da meistens um meine eigene Haut gespielt wurde.

Madame de Stael will noch drei Wochen hier bleiben. Trotz aller Ungeduld der Franzosen wird sie, fürchte ich doch an ihrem eigenen Leib die Erfahrung machen, daß wir Deutschen in Weimar auch ein veränderliches Volk sind, und daß man wissen muß zu rechter Zeit zu gehen.

Lassen Sie mich vor Schlafengehen noch ein Wort von sich hören.

Sch.

H 940 | S 944 | B 948

954. An Schiller

Weimar, am 13. Januar 1804

Das ist freilich kein erster Act, sondern ein ganzes Stück und zwar ein fürtreffliches, wozu ich von Herzen Glück wünsche und bald mehr zu sehen hoffe. Meinem ersten Anblick nach ist alles so recht, und darauf kommt es denn wohl bei Arbeiten, die auf gewisse Effecte berechnet sind, hauptsächlich an. Zwei Stellen nur habe ich eingebogen. Bei der einen wünschte ich, wo mein Strich lauft, noch einen Vers, weil die Wendung gar zu schnell ist.

Bei der andern bemerke ich so viel: der Schweizer fühlt nicht das Heimweh, weil er an einem andern Orte den Kuhreigen hört, denn er wird, so viel ich weiß, sonst nirgends geblasen; sondern eben weil er ihn nicht hört, weil seinem Ohr ein Jugendbedürfniß mangelt. Doch will ich dieß nicht für ganz gewiß geben. Leben Sie recht wohl und fahren Sie fort uns durch Ihre schöne Thätigkeit wieder ein neues Lebensinteresse zu verschaffen; halten Sie sich auch wacker im Hades der Societät und flechten Sie Schilf und Rohr nur fein zum derben Stricke, damit es doch auch etwas zu kauen gebe.

Gruß und Heil!

G.

H 939 | S 943 | B 947

953. An Goethe

[Weimar, den 12. oder 13. Januar 1804]

Indem ich mich erkundige, wie es mit Ihrer Gesundheit steht, frage ich zugleich an, ob Sie sich gestimmt und aufgelegt fühlen, von etwas Poetischem Notiz zu nehmen. Denn in diesem Fall wollte ich Ihnen den großen ersten Act des Tell zuschicken, welchen ich an Iffland abzusenden gedrungen werde, und nicht gern ohne Ihr Urtheil aus den Händen geben möchte. Unter allen den widerstreitenden Zuständen, die sich in diesem Monat häufen, geht doch die Arbeit leidlich vorwärts, und ich habe Hoffnung, mit Ende des kommenden Monats ganz fertig zu seyn.

Die Recension, die Sie mir geschickt, ist mir ganz ungenießbar und fast unverständlich; ich fürchte dieser böse Casus wird Ihnen noch oft vorkommen. Von dem recensirten Buch habe ich mir keinen Begriff daraus schöpfen können.

Die Stael habe ich gestern bei mir gesehen, und sehe sie heut wieder bei der Herzogin Mutter. – Es ist das Alte mit ihr; man würde sich an das Faß der Danaiden erinnern, wenn einem nicht der Oknos mit seinem Esel dabei einfiele.

Sch.

H 938 | S 942 | B 946

952. An Goethe

[Weimar, den 10. Januar 1804]

Wie ich gestern Nachts nach Hause kam, fiel mir plötzlich ein, daß ich Hrn. Genast neue Räthsel zur morgenden Turandot versprochen, und um doch einigermaßen Wort zu halten, setzte ich mich noch vor Schlafengehen hin, ein paar Ideen dazu in Verse zu bringen; so habe ich also den werthen Gast, den Sie mir in die Tasche gesteckt, erst diesen Augenblick wo ich aufgestanden, zur Hand genommen und werde diesen Abend davon Bericht abstatten können.

Die neuen Figuren im Theaterpersonal will ich nützlichst in der Jungfrau unterzubringen suchen.

Sch.

Datierung handschriftlich von Goethe; vermutlich falsch, lt. B: 8. März 1803

H 934 | S 941 | B 905

951. An Goethe

[Weimar, zwischen dem 5. und 7. Januar 1804]

Zu einem Geburtstagsstück scheint mir der Mithridat im Nothfall zu brauchen; er giebt, da man nichts Besseres hat, doch eine ernste und vornehme Darstellung. Ich habe deßwegen das noch bei mir stagnirende Manuscript gestern mobil gemacht, und den ersten Act mit dem was ich dabei angestrichen an Bode gegeben, der jetzt eben daran ist die bemerkten Stellen zu ändern. Wenn er damit zurecht kommt, welches sich binnen wenigen Tagen ausweisen muß, so könnte das Stück am Ende kommender Woche abgeschrieben und ausgetheilt seyn, und es blieben dann immer noch vierzehn Tage zum Einstudiren.

Geist sagte gestern, daß das Concert und Souper auf dem Stadthause wieder abgesagt worden. Da ich nichts Officielles darüber vernommen, so bitte ich nur um ein Wort mündlich, wie es damit steht. Meyern sende ich das Augusteum. Von Frau von Stael habe ich nichts gehört; ich hoffe sie ist mit Herrn Benjamin Constant beschäftigt. Was gäbe ich um Ruhe, Freiheit und Gesundheit in den nächsten vier Wochen; dann wollte ich weit kommen.

Sch.

H 933 | S 940 | B 945

950. An Schiller

Weimar, am 4. Januar 1804

Beiliegendes Blättchen wollte besonders abschicken als mir die Balladen wieder in die Hände fielen, welche ich schon vor einiger Zeit erhielt; sie haben etwas Gutes ohne gut zu seyn. Ich wünsche Ihr Urtheil zu hören.

G.

H 932 | S 939 | B 944

949. An Goethe

[Weimar, den 31. Dezember 1803]

Ich wollte schon bei Ihnen anfragen, wie Sie es diesen Abend halten wollten, als ich Ihre Sendung erhielt, die mir sehr erfreulich war. Das Programm ist voll Gehalt und Leben, und füllt einem den ganzen Geist mit einer Welt von Ideen an. Das Polygnotische Wesen nimmt sich prächtig aus und scheint einen neuen Tag zu verkündigen. Mündlich mehr; ich werde mich gegen acht Uhr einstellen.

Haben Sie die Güte mir eine Nota über die an Wolzogen überlassenen Zeichnungen zu schicken, so will ich sie gleich bezahlen.

Sch.

H 931 | S 938 | B 943

948. An Schiller

Weimar, am 31. December 1803

Hier, mein Werthester, die Aushängebogen des Programms auf Actenweise geheftet, bis ich Ihnen ein besseres Exemplar zuschicken kann. Möchten doch unsere Bemühungen Ihnen einigen Beifall ablocken.

Ich gehe heute Abend nicht in die Komödie; wie halten Sie es? Mögen Sie mich vielleicht gegen acht Uhr besuchen, und alsdann Wolf bei mir erwarten, welcher wohl in das Schauspiel gehen wird?

G.

H 930 | S 937 | B 942

947. An Goethe

Weimar, den 21. December 1803

Der rasche und wirklich anstrengende Wechsel von productiver Einsamkeit und einer ganz heterogenen Societäts-Zerstreuung hat mich in dieser letzten Woche so ermüdet, daß ich durchaus nicht zum Schreiben kommen konnte, und es meiner Frau überließ, Ihnen eine Anschauung von unsern Zuständen zu geben.

Frau von Stael wird Ihnen völlig so erscheinen, wie Sie sie sich a priori schon construirt haben werden: es ist alles aus Einem Stück und kein fremder, falscher und pathologischer Zug an ihr. Dieß macht daß man sich trotz des immensen Abstands der Naturen und Denkweisen vollkommen wohl bei ihr befindet, daß man alles von ihr hören und ihr alles sagen mag. Die französische Geistesbildung stellt sie rein und in einem höchst interessanten Lichte dar. In allem was wir Philosophie nennen, folglich in allen letzten und höchsten Instanzen, ist man mit ihr im Streit und bleibt es trotz alles Redens. Aber ihr Naturell und Gefühl ist besser als ihre Metaphysik, und ihr schöner Verstand erhebt sich zu einem genialischen Vermögen. Sie will alles erklären, einsehen, ausmessen, sie statuirt nichts Dunkles, Unzugängliches, und wohin sie nicht mit ihrer Fackel leuchten kann, da ist nichts für sie vorhanden. Darum hat sie eine horrible Scheu vor der Idealphilosophie, welche nach ihrer Meinung zur Mystik und zum Aberglauben führt, und das ist die Stickluft wo sie umkommt. Für das was wir Poesie nennen, ist kein Sinn in ihr; sie kann sich von solchen Werken nur das Leidenschaftliche, Rednerische und Allgemeine zueignen, aber sie wird nichts Falsches schätzen, nur das Rechte nicht immer erkennen. Sie ersehen aus diesen paar Worten, daß die Klarheit, Entschiedenheit und geistreiche Lebhaftigkeit ihrer Natur nicht anders als wohlthätig wirken können. Das einzige Lästige ist die ganz ungewöhnliche Fertigkeit ihrer Zunge, man muß sich ganz in ein Gehörorgan verwandeln um ihr folgen zu können. Da sogar ich, bei meiner wenigen Fertigkeit im französisch reden, ganz leidlich mit ihr fortkomme, so werden Sie, bei Ihrer größeren Übung, eine sehr leichte Communication mit ihr haben.

Mein Vorschlag wäre, Sie kämen den Sonnabend herüber, machten erst die Bekanntschaft und gingen dann den Sonntag wieder zurück um Ihr Jenaisches Geschäft zu vollenden. Bleibt Madame de Stael länger als bis Neujahr, so finden Sie sie hier, und reist sie früher ab, so kann sie Sie ja in Jena vorher noch besuchen. Alles kommt jetzt darauf an, daß Sie eilen eine Anschauung von ihr zu bekommen, und sich einer gewissen Spannung zu entledigen. Können Sie früher kommen als Sonnabends, desto besser.

Leben sie recht wohl. Meine Arbeit hat in dieser Woche freilich nicht viel zugenommen, aber doch auch nicht ganz gestockt. Es ist recht schade, daß uns diese interessante Erscheinung zu einer so ungeschickten Zeit kommt, wo dringendere Geschäfte, die böse Jahrszeit und die traurigen Ereignisse über die man sich nicht ganz erheben kann, zusammen auf uns drücken.

Sch.

H 929 | S 936 | B 941