969. Goethe an Schiller

Weimar, am 8. Februar 1804

Mit den besten Grüßen hierbei verschiedenes:

1. Drei Stück Allgemeine Zeitung, wovon besonders eines, wegen einer merkwürdigen Schulchrie, wichtig ist.

2. Einige Rollen die noch im Macbeth zu besetzen sind, weßhalb ich auch die Austheilung überschicke.

3. Ihr schönes Berglied.

4. Ein, ich fürchte, abermals verunglückter Versuch ein griechisches Trauerspiel heranzurücken; besonders scheint mir der an den alten für uns vielleicht schweren Schritt des Trimeters ohne Vermittlung angeknüpfte Chor sehr unglücklich.

Mögen Sie mich heute Abend besuchen, so befehlen Sie dem Überbringer die Stunde des Wagens.

G.

H 950 | S 958 | B 962

968. An Goethe

[Weimar, den 28. Januar 1804]

In meiner Abgeschiedenheit worin ich jetzt den ganzen Tag zubringe, ist mir so ein freundlicher Gruß zum Abend ein rechtes Labsal, und Sie werden mich ordentlich verwöhnen. Auf die zwei Nova bin ich sehr begierig. Der Gegenstand des Gemäldes scheint mir ganz excellent zu sein und dazu geeignet ein Kunstwerk vom ersten Rang hervorzubringen, weil er zwei ganz entgegengesetzte Zustände sinnlich vereinigt.

Ich habe Ihnen nichts ähnlicher Art zu berichten. Neben meinem Pensum, das langsam fortrückt und wenigstens nicht stockt, habe ich die Memoiren von einem tüchtigen Seemann gelesen, die mich im mittelländischen und indischen Meer herumgeführt haben, und in ihrer Art bedeutend genug sind. Schlafen Sie recht wohl; ich hoffe, Ihnen bald wieder etwas schicken zu können.

Sch.

H 949 | S 957 | B 959

967. An Schiller

Weimar, am 28. Januar 1804

Indem ich frage wie Sie sich befinden, und zugleich versichre, daß es mir, unter der Bedingung daß ich zu Hause bleibe, ganz leidlich gehen kann, gebe ich Nachricht von zwei Kunstwerken die bei mir angelangt sind.

Erstlich ein Gemälde von einem alten Manieristen aus dem siebzehnten Jahrhundert, vorstellend jene Weiber, die sich entblößen, um das fliehende Heer aufzuhalten und es gegen die Feinde zurückzutreiben, mit so viel Geist, Humor und Glück vorgestellt, daß es ein wahrhaftes Behagen erregt.

Zweitens ein Stück von Calderon. Fernando, Prinz von Portugal, der zu Fetz in der Sclaverei stirbt, weil er Ceuta, das man als Lösepreis für ihn fordert, nicht will herausgeben lassen. Man wird, wie bei den vorigen Stücken, aus mancherlei Ursachen im Genuß des Einzelnen, besonders beim ersten Lesen, gestört; wenn man aber durch ist und die Idee sich wie ein Phönix aus den Flammen vor den Augen des Geistes emporhebt, so glaubt man nichts Vortrefflichers gelesen zu haben. Es verdient gewiß neben der Andacht zum Kreuze zu stehen, ja man ordnet es höher, vielleicht weil man es zuletzt gelesen hat und weil der Gegenstand so wie die Behandlung im höchsten Sinne liebenswürdig ist. Ja ich möchte sagen, wenn die Poesie ganz von der Welt verloren ginge, so könnte man sie aus diesem Stück wieder herstellen.

Fügen Sie nun zu diesen günstigen Aspecten irgend einen Act von Tell hinzu, so kann mich in der nächsten Zeit kein Übel anwehen.

Ruhe zu Nacht und gute Stimmung bei Tage wünscht herzlich

G.

H 948 | S 956 | B 958

966. An Schiller

[Weimar,] am 26. Januar 1804

Frau von Stael war heute bei mir mit Müller, wozu der Herzog bald kam, wodurch die Unterhaltung sehr munter wurde und der Zweck, eine Übersetzung des Fischers durchzugehen, vereitelt wurde.

Hier schicke ich meinen Adelung; verzeihen Sie daß ich den Ihrigen wohleingepackt an Voß geschickt habe, der dessen zu einer Recension von Klopfstocks grammatischen Gesprächen höchst nöthig bedurfte. Auch sende die ersten Stücke Zeitungen außer 1 und 2 und was mir sonst an dieser Sendung auch fehlt.

Ihr Gedicht ist ein recht artiger Stieg auf den Gotthardt, dem man sonst noch allerlei Deutungen zufügen kann, und ist ein zum Tell sehr geeignetes Lied.

Morgen Abend um fünf Uhr kommt Benj. Constant zu mir; mögen Sie mich später besuchen, so soll mir’s sehr angenehm sein.

Wohl zu schlafen wünschend.

G.

H 947 | S 955 | B 961

965. An Goethe

[Weimar, den] 26. Januar 1804

Mein Schwager läßt Sie schönstens grüßen. Die Verlobung ist am Neujahr russischen Kalenders, oder am 13. Januar des unsrigen, gefeiert worden. Die Vermählung geht noch im Februar vor sich.

Cotta erkundigt sich sehr angelegentlich nach der Fortsetzung der natürlichen Tochter. Möchte ich ihm etwas Hoffnung geben können!

Er schreibt mir daß er mein Exemplar seiner Allgemeinen Zeitung, welches bisher immer über Jena gegangen, künftig dem Ihrigen beischließen werde. Vielleicht hat er schon den Anfang damit gemacht, in welchem Fall ich darum bitte.

Den Adelung erbitte mir wenn Sie ihn nicht mehr brauchen. Ich habe allerlei Fragen an dieses Orakel zu thun. Hier lege sich eine kleine poetische Aufgabe zum Dechiffriren bei.

Was beginnen Sie heut und morgen? Die lang projectirte französische Vorlesung der Madame de Stael soll, wie ich höre, morgen vor sich gehen. Sind Sie aber morgen Abend zu Hause und aufgelegt, so lade ich mich bei Ihnen ein, denn mich sehnt darnach, Sie zu sehen.

Sch.

H 946 | S 954 | B 960

964. An Goethe

[Weimar, den 24. Januar 1804]

Dank Ihnen für den freundlichen Abendgruß. Ich habe heute bei dem besten Vorsatz nicht viel leisten können, weil ich mit meinem Schlaf zu sehr in Unordnung bin. Auch spüre ich die Folgen des langen Eingesperrtseins an einer Schwere und Dumpfheit des Gemüts. ich muß eilen einmal wieder an die frische Luft zu kommen.

Es freut mich zu hören, daß Müller wenigstens einige Wochen bleiben wird.

Haben Sie die Hallische Literatur-Zeitung nicht gesehen? Sie fängt an mit einer Rezension der Natürlichen Tochter, die it einem vollkommen guten Willen für das Werk gemacht ist und auch nicht die entfernteste Spur einer Tücke verrät. Wahrschienlich haben die Herren etwas recht Großes zu leisten geglaubt, daß sie diesen Effort von Gerechtigkeit ausüben, oder haben sie feurige Kohlen auf Ihr Haupt sammeln wollen. Sonst ist nicht viel in dieser Zeitung zu finden.

Leben Sie recht wohl.

S.
Nicht bei H, zitiert nach S

H – | S 953 | B 957

963. An Schiller

[Weimar, den 24. Januar 1804]

Noch eine Abendanfrage wie Sie sich befinden. Mit mir geht es ganz leidlich. Heute Abend war Johannes von Müller bei mir, und hatte große Freude an meinen Münzschubladen. Da er so unerwartet unter lauter alte Bekannte kam, so sah man recht wie er die Geschichte in seiner Gewalt hat; denn selbst die meisten untergeordneten Figuren waren ihm gegenwärtig, und er wußte von ihren Umständen und Zusammenhängen. Ich wünsche zu hören daß die Schweizer Helden sich gegen ihre Übel wacker gehalten haben.

G.

H 945 | S 952 | B 956

962. An Schiller

[Weimar, den 23. Januar 1804]

Hier die neuen Zeitungen, mit Bitte sie sodann an Meyer zu schicken, besonders empfehle ich Nro. 13. Ist denn doch nichts Neues unter der Sonne! Und hat nicht unsere vortreffliche Reisende mir heute früh, mit der größten Naivetät, versichert, daß sie meine Worte, wie sie solcher habhaft werden könne, sämmtlich werde drucken lassen? Diese Nachricht von Rousseau’s Briefen macht wirklich der gegenwärtigen Dame bei mir ein böses Spiel. Man sieht sich selbst und das frazenhafte französische Weiberbestreben im (diamantnen – adamantinen) Spiegel. Die besten Wünsche für Ihr Wohl.

G.

H 935 | S 951 | B 955

961. An Schiller

Weimar, am 23. Januar 1804

Eben war ich im Begriff anzufragen, wie es Ihnen gehe, denn bei diesem langen Auseinandersein wird es einem doch zuletzt wunderlich.

Heute habe ich zum erstenmal Madame von Stael bei mir gesehen; es bleibt immer dieselbe Empfindung; sie gerirt sich mit aller Artigkeit noch immer grob genug als Reisende zu den Hyperboreern, deren capitale alte Fichten und Eichen, deren Eisen und Bernstein sich noch so ganz wohl in Nutz und Putz verwenden ließen; indessen nöthigt sie einen doch die alten Teppiche als Gastgeschenk und die verrosteten Waffen zur Vertheidigung hervorzuholen.

Gestern habe ich Müller gesehen, wahrscheinlich wird er heute wieder kommen. Ich werde Ihren Gruß ausrichten. Er ist über das Weimarische Lazareth freilich betroffen, denn es muß recht übel aussehen wenn der Herzog selbst auf dem Zimmer bleibt. Bei allen diesen Unbilden habe ich den Trost, daß Ihre Arbeiten nicht ganz unterbrochen worden, denn das ist das Einzige von dem was ich übersehe, das unersetzlich wäre; das wenige, was ich zu thun habe, kann noch allenfalls unterbleiben. Halten Sie sich ja stille, bis Sie wieder zur völligen Thätigkeit gelangen. Wegen Müllers hören Sie morgen bei Zeiten etwas. Das schönste Lebewohl.

Auch die neue Literaturzeitung schicke vielleicht noch heute Abend.

G.

H 944 | S 950 | B 954

960. An Schiller

Weimar, am 18. Januar 1804

Hier kommt auch das Rütli zurück, alles Lobes und Preises werth. Der Gedanke, gleich eine Landesgemeinde zu constituiren, ist fürtrefflich, sowohl der Würde wegen, als der Breite die es gewährt. Ich verlange sehr das Übrige zu sehen. Alles Gute zur Vollendung.

G.

H 943 | S 949 | B 953