931. An Goethe

[Weimar, den 14. September 1803]

Ich höre, daß Sie heute eine Leseprobe von Julius Cäsar haben und wünsche guten Succeß. Mich sperrt ein heftiger Schnupfen noch zu Hause ein und macht mir den Kopf sehr wüste.

Die zwei theatralischen Recruten habe ich gestern gesehen, sie stellen sich recht gut dar, und mit dem Dialekt des einen gehts doch noch leidlicher, als ich erwartet hatte. Von ihrem guten Willen wird mehr als von ihrem Talent zu hoffen sein.

Grüner hätte großes Verlangen in der Jungfrau von Orleans als Gespenst aufzutreten. In mancher Rücksicht würde ihm diese Art der Einführung nicht ungünstig seyn. Außerdem daß die Rolle klein und also sehr genau einzulernen ist, kann sie auch mit einer gewissen Monotonie gesprochen werden und verlangt wenig Bewegung. Das Seltsame wird sich darin mit dem Neuen gut verbinden, und Graff, der sich jetzt des Umziehens wegen mit dieser Rolle nur plagt, wird gern davon befreit werden.

Beckern habe ich noch nicht allein sprechen können.

Leben Sie recht wohl. Ich wünsche sehr Sie bald wieder zu sehen.

Sch.

H 913 | S 920 | B 925

930. An Goethe

[Weimar, den 12. September 1803]

Es kommen mir heute so viele dringende Briefexpeditionen zusammen, daß ich vor neun Uhr nicht fertig werden und also nicht kommen kann.

Aus beiliegendem Brief ersehen Sie leider, daß unser Freund Humboldt einen harten Verlust erlitten hat. Schreiben Sie ihm, wenn Sie können, ein Wort des Antheils. Er dauert mich sehr, weil gerade dieses Kind das hoffnungsvollste war von allen.

Den Brief erbitte ich mir wieder zurück.

Sch.

H 912 | S 919 | B 924

929. An Schiller

Weimar, den 6. September 1803

Heute ist es das erstemal, daß mir die Sache Spaß macht. Sie sollten den Wust von widersprechenden und streitenden Nachrichten sehen! Ich lasse alles heften und regalire Sie vielleicht einmal damit, wenn alles vorbei ist. Nur in einem solchen Moment kann man am Moment Interesse finden. Nach meinem Nilmesser kann die Verwirrung nur um einige Grade höher steigen, nachher setzt sich der ganze Quark wieder nach und nach, und die Landleute mögen dann säen! Ich freue mich Ihrer Theilnehmung und sehe Sie bald.

G.

H 915 | S 918 | B 923

928. An Goethe

[Weimar, August 1803 ?]

Ich bin von der Hitze und dem verwünschten Barometerstand so angegriffen, daß ich mich nicht entschließen kann vor die Thüre zu gehen, auch bin ich keines ordentlichen Gedankens fähig.

Fühle ich mich erleichtert, so seh’ ich Sie vielleicht heut Abend nach dem Nachtessen noch ein Stündchen. Haben Sie irgend ein Novum zum Lesen so bitte ich darum.

Sch.

H 910 | S 917 | B 922

927. An Goethe

Weimar, am 9. August 1803

Dem Überbringer dieses, Herrn Arnold aus Straßburg, bitte ich Sie einige Augenblicke zu schenken und ihm ein freundliches Wort zu sagen. Er hängt an dem deutschen Wesen mit Ernst und Liebe; er hat sich’s sauer werden lassen etwas zu lernen, und reist mit den besten Vorsätzen zurück, um etwas Würdiges zu leisten. Von Göttingen, wo er studirt, und von Straßburg, wo er die schreckliche Revolutionszeit verlebte, kann er Ihnen manches erzählen.

Sie sind mir neulich ganz unvermuthet entwischt, nachdem ich von Jena zurückgekommen; aber ich höre von Meyern daß Sie übermorgen wieder hier seyn werden. Ich wünsche gute Geschäfte, ich selbst stehe noch immer auf meinem alten Fleck und bewege mich um den Waldstettersee herum. Die Reise nach Jena an dem heißen Tage hat mich aber so angegriffen, daß ich sie jetzt noch fühle. Was sagen Sie dazu, daß nun auch die Lit. Zeitung aus Jena auswandert?

Leben Sie recht wohl und kommen Sie bald mit guten Früchten Ihrer Einsamkeit zurück.

Sch.

H 911 | S 916 | B 921

926. An Goethe

Lauchstedt, den 6. Juli 1803

Ich kann die Jagemann nicht abreisen lassen, ohne Ihnen ein kleines Lebenszeichen zu geben. Es gefällt mir hier bis jetzt sehr wohl, der Ort und die Gelegenheiten der Gesellschaft haben einen freundlichen Eindruck auf mich gemacht, und wenn man sich einmal frisch resolvirt gar nichts zu thun, so läßt sich’s unter dem Treiben einer Menge, die auch nichts zu thun hat, ganz leidlich müßig gehen. Länger freilich als acht oder zwölf Tage möchte ich einen solchen Zustand nicht aushalten.

Das Theatergebäude hat mich in dieser kurzen Zeit seine Vorzüge und auch seine Mängel erfahren lassen. Was die letztern betrifft, so finde ich daß die Stimmen an Deutlichkeit verlieren, besonders aber ist das Dach wegen seiner Form und dünnen Bauart der Witterung zu sehr ausgesetzt. In der Braut v. M. fiel ein Gewitter mit viel Regen ein, welcher so heftig schallend auf die Dachung schlug, daß man ganze Viertelstunden lang auch keine einzige zusammenhängende Rede verstehen konnte, wie sehr die Schauspieler auch ihre Stimmen anstrengten. Und den Tag darauf, wo ich das leere Schauspielhaus besichtigte, sah man die häßlichen Spuren des hereingedrungenen Regens an der schön gemalten Decke.

Die natürliche Tochter hat vielen Beifall gefunden, besonders die letzte Hälfte, wie dieß auch in Weimar der Fall war. Einige Bemerkungen, die ich bei dieser Gelegenheit gemacht, will ich Ihnen mündlich mittheilen. Die Jagemann hat sich, ungeachtet sie heiser war und gar nicht glaubte, spielen zu können, sehr gut gehalten, und dann hat Becker auch recht gut gesprochen, und auch Haide hat Beifall gefunden.

Es führt zu nützlichen Betrachtungen zuweilen ein andres Publicum zu sehen, und hier ist noch dazu ein doppeltes, weil der Sonntag ganz andre Menschen in der Komödie versammelt.

Ich werde vielleicht die Mara, die ich zu Weimar versäumen mußte, hier oder in Halle noch hören. Auf den Fall daß sie hieher kommt, habe ich mich, auf Ansuchen der Badegesellschaft, bei der Wöchnern verbürgt, daß es Ihnen nicht zuwider seyn werde, zu diesem Concert das Schauspielhaus zu nehmen. Ich muß dem Genast das Zeugniß geben, daß er recht wachsam und eifrig für’s Ganze sorgt und auf den Nutzen der Cassa so wie auf die Ehre der Gesellschaft bedacht ist.

An Schmalz, der zur natürlichen Tochter hier war, habe ich eine sehr schätzbare Bekanntschaft gemacht, und dieser einzige Abend hat uns einander gleich recht nahe gebracht. Es ist eine Freude mit einem so klaren, jovialen und rüstigen Geschäftsmann zu leben, der weder Pedant noch affectirt ist. Auch Niemeyers waren an jenem Abend hier, und ich habe ihnen versprechen müssen, diese Woche nach Halle zu kommen. Leider werde ich Wolfen dort nicht finden, da er in’s Pyrmonter Bad gereist ist. Der Herzog von Württemberg hat sich hier sehr angenehm betragen, und alles in gute Laune gesetzt; die ersten Zeiten meines Hierseins sind durch ihn sehr belebt und erheitert worden. Sonst ist die Gesellschaft hier ziemlich behaglich, zutraulich und fröhlich, nur muß man es mit der Ausbeute des Gesprächs nicht genau nehmen. Mit einigen jungen Männern, besonders aus Berlin, habe ich indessen doch verschiedene nicht uninteressante Unterhaltung gehabt.

Leben Sie recht wohl und lassen Sie den alten Götz nur recht vorwärtsschreiten. Meyern viele Grüße.

Sch.

H 908 | S 915 | B 920

925. An Schiller

Jena, den 5. Juli 1803

Wegen dem Druck des verschiedenen Zeugs, das ich in die Welt sende, bin ich hier, um mit Frommann Abrede zu nehmen, der in seiner Sache gut eingerichtet ist und dem es an einem fürtrefflichen Maître en page nicht fehlt, daher dieß Geschäft mit wenigem abgemacht ist.

Loder ist eben von Halle zurückgekehrt, wo er sich ein Haus gemiethet hat. Wenn ich mit ihm über seinen neuen Zustand spreche, so freut mich’s herzlich daß seine Würfel so gefallen sind. Welcher Lebemann möchte gern, wie wir andern wunderlichen Argonauten, den eignen Kahn über die Isthmen schleppen? Das sind Abenteuer älterer, unfähiger Schifffahrer, worüber die neuaufgeklärte Technik lächelt. Versäumen Sie ja nicht sich in Halle umzusehen, wozu Sie so manchen Anlaß finden werden. Ob ich überhaupt komme weiß ich nicht. Die noch drei brauchbaren Monate, nach meiner Weise, zu nutzen und das von außen Geforderte nothdürftig zu leisten, ist jetzt mein einziger Wunsch.

Das altdeutsche, wieder erstandene Drama bildet sich, mit einiger Bequemlichkeit um. Ich wüßte nicht zu sagen ob sich’s organisirt, oder krystallisirt; welches denn doch zuletzt, nach dem Sprachgebrauch der verschiedenen Schulen, auf Eins hinauslaufen könnte.

Übrigens bekömmt es uns ganz wohl, daß wir mehr an Natur als an Freiheit glauben, und die Freiheit, wenn sie sich ja einmal aufdringt, geschwind als Natur tractiren; denn sonst wüßten wir gar nicht mit uns selbst fertig zu werden, weil wir sehr oft in den Fall kommen, wie Bileam, da zu segnen wo wir fluchen sollten.

Möge Ihnen viel Freude auf Ihrer Fahrt gewährt seyn; denn es ist für Sie doch immer eine große Resignation sich in das zu begeben was man Welt heißt: in das abgeschmackte, momentane Bruchstück, das recht artig wäre, wenn sie es nicht wollten für ein Ganzes gelten lassen.

Zu der Beilage sage ich nichts, weil sie sich selbst gewaltig ausspricht. Es ist Ihnen aber vielleicht in diesem Moment doch bedeutend genug.

Nur daß Sie körperlich nicht leiden mögen, wünsche ich, und wenns möglich ist daß Sie sich in der Bewegung des Strudels behaglich finden. Ich erwarte kein Schreiben von Ihnen, nur ein freundliches Willkommen, wenn wir uns wiedersehen, da ich manche Sonderlichkeiten werde zu erzählen haben.

G.

H 907 | S 914 | B 919

924. An Schiller

Weimar, den 23. Juni 1803

Hier das erste Concept. Lassen Sie uns das Eisen, da es heiß ist, schmieden! Wenig wird zu brauchen seyn. Zu mancherlei Betrachtungen giebt dieser erste Versuch Anlaß.

Mündlich mehr. Mögen Sie wohl heute kommen und wann?

G.

H 906 | S 913 | B 918

923. An Schiller

Weimar, den 15. Juni 1803

Hier überschicke ich meine Lieder, mit Bitte das Einzelne und Ganze zu beherzigen, auch dem fünften eine Überschrift zu geben.

Heute Abend seh’ ich Sie ja wohl bei mir.

G.

H 905 | S 912 | B 917

922. An Goethe

Weimar, den 24. Mai 1803

Ich wünsche Ihnen Glück, daß Sie sich Ihres Stoffs so gut erwehren. Möchten Sie einmal alle diese Schlacken aus Ihrem reinen Sonnenelement heraus schleudern, wenn auch ein Planet daraus werden sollte, der sich dann ewig um Sie herum bewegt.

Ich habe jetzt auch meine Noth mit dem Stoffe anderer Art; denn da ich eben daran bin, ein Wort über den tragischen Chor zu sagen, welches an der Spitze meiner Braut von Messina stehen soll, so drückt das ganze Theater mit sammt dem ganzen Zeitalter auf mich ein, und ich weiß kaum wie ich es abfertigen soll. Übrigens interessirt mich diese Arbeit, ich will suchen etwas recht Ordentliches zu sagen, und der Sache die uns gemeinsam wichtig ist, dadurch zu dienen.

Mit Cotta ist neulich alles abgethan worden, wie Sie es wünschen. Über den Druck der natürlichen Tochter werden Sie selbst Frommann seine Instructionen geben. Ehlers habe ich die zehn Louisdor auf Cotta’s Rechnung pränumerirt.

Cotta scheint wegen Cellini’s bessern Muth zu haben; es sind wenigstens viele Exemplare davon auf Commission bestellt worden, so daß das Werk doch nun von dem Strom des Handels und der Literatur ergriffen worden. Er hat mir kein Exemplar davon geben können, ich muß mir also eins von Ihnen ausbitten.

[Humboldt hat wieder geschrieben und läßt Sie schönstens grüßen. Es ist ordentlich Krankheit, wie er mitten in Rom nach dem Übersinnlichen und Unsinnlichen schmachtet, so daß Schellings Schriften jetzt seine heftigste Sehnsucht sind; er wird ihn nun bald selbst zu sehen bekommen und dann wahrscheinlich im Vatikan die Gespräche beim Jenaischen Fuchsthurm erneuren. Ich zweifle, ob er es lange dort aushalten wird.]*

Hier schicke ich Ihnen einige poetische Fabricate. Das Siegesfest ist die Ausführung einer Idee, die unser Kränzchen mir vor anderthalb Jahren gegeben hat, weil alle gesellschaftlichen Lieder, die nicht einen poetischen Stoff behandeln, in den platten Ton der Freimaurer-Lieder verfallen. Ich wollte also gleich in das volle Saatenfeld der Ilias hineinfallen und mir da holen was ich nur schleppen konnte.

Leben Sie recht wohl und bleiben Sie auch nicht zu lange. Zelter, höre ich reist, am 1. Juni von Dresden ab.

Sch.

* Nicht bei H, zitiert nach S

H 902 | S 911 | B 916