Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

922. An Goethe

Weimar, den 24. Mai 1803

Ich wünsche Ihnen Glück, daß Sie sich Ihres Stoffs so gut erwehren. Möchten Sie einmal alle diese Schlacken aus Ihrem reinen Sonnenelement heraus schleudern, wenn auch ein Planet daraus werden sollte, der sich dann ewig um Sie herum bewegt.

Ich habe jetzt auch meine Noth mit dem Stoffe anderer Art; denn da ich eben daran bin, ein Wort über den tragischen Chor zu sagen, welches an der Spitze meiner Braut von Messina stehen soll, so drückt das ganze Theater mit sammt dem ganzen Zeitalter auf mich ein, und ich weiß kaum wie ich es abfertigen soll. Übrigens interessirt mich diese Arbeit, ich will suchen etwas recht Ordentliches zu sagen, und der Sache die uns gemeinsam wichtig ist, dadurch zu dienen.

Mit Cotta ist neulich alles abgethan worden, wie Sie es wünschen. Über den Druck der natürlichen Tochter werden Sie selbst Frommann seine Instructionen geben. Ehlers habe ich die zehn Louisdor auf Cotta’s Rechnung pränumerirt.

Cotta scheint wegen Cellini’s bessern Muth zu haben; es sind wenigstens viele Exemplare davon auf Commission bestellt worden, so daß das Werk doch nun von dem Strom des Handels und der Literatur ergriffen worden. Er hat mir kein Exemplar davon geben können, ich muß mir also eins von Ihnen ausbitten.

[Humboldt hat wieder geschrieben und läßt Sie schönstens grüßen. Es ist ordentlich Krankheit, wie er mitten in Rom nach dem Übersinnlichen und Unsinnlichen schmachtet, so daß Schellings Schriften jetzt seine heftigste Sehnsucht sind; er wird ihn nun bald selbst zu sehen bekommen und dann wahrscheinlich im Vatikan die Gespräche beim Jenaischen Fuchsthurm erneuren. Ich zweifle, ob er es lange dort aushalten wird.]*

Hier schicke ich Ihnen einige poetische Fabricate. Das Siegesfest ist die Ausführung einer Idee, die unser Kränzchen mir vor anderthalb Jahren gegeben hat, weil alle gesellschaftlichen Lieder, die nicht einen poetischen Stoff behandeln, in den platten Ton der Freimaurer-Lieder verfallen. Ich wollte also gleich in das volle Saatenfeld der Ilias hineinfallen und mir da holen was ich nur schleppen konnte.

Leben Sie recht wohl und bleiben Sie auch nicht zu lange. Zelter, höre ich reist, am 1. Juni von Dresden ab.

Sch.

* Nicht bei H, zitiert nach S

H 902 | S 911 | B 916