Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

258. An Goethe

Jena, den 12. Dezember 1796

Hier kommt das eilfte Horenstück. Mit dem Botenmädchen sende ich morgen den Rest. Ich bitte Sie nun, von dem Titelkupfer des Almanachs noch so geschwind als möglich hundert und fünfzig Abdrücke mache zu lassen, wozu ich Papier sende. Gar sehr wünschte ich, daß ich Freitag früh entweder alles oder doch die Hälfte davon erhalten könnte.

Leider habe ich durch Schlaflosigkeit und fatales Befinden wieder etliche schöne Tage für meine Geschäfte verloren.

Dafür bin ich gestern über Dierot gerathen, der mich recht entzückt und meine innersten Gedanken bewegt hat. Fast jedes Dictum ist ein Lichtfunken, der die Geheimnisse der Kunst beleuchtet, und seine Bemerkungen sind so sehr aus dem Höchsten und aus dem Innersten der Kunst, daß sie auch alles was nur damit verwandt ist beherrschen, und eben sowohl Fingerzeige für den Dichter als für den Maler sind. Gehört die Schrift nicht Ihnen selbst zu, daß ich sie länger behalten und wieder bekommen kann, so werde ich sie mir verschreiben.

Da ich zufällig an den Diderot zuerst gerathen, so bin ich noch nicht weiter an der Stael’schen Schrift; beide Werke sind mir aber jetzt ein rechtes Geistesbedürfniß, weil meine eigene Arbeit, in der ich ganz lebe und leben muß, meinen Kreis so sehr beschränkt.

Hier etwas von dem Neuesten über die Xenien. Ich werde, wenn der Streit vorbei ist, Cotta vermögen, alles was gegen die Xenien geschrieben worden, auf Zeitungspapier gesammelt drucken zu lassen, daß es in der Geschichte des deutschen Geschmacks ad Acta kann gelegt werden.

Auf die neue Auflage sind jetzt so viele Bestellungen gemacht, daß sie bezahlt ist. Selbst hier herum, wo so viel Exemplare zerstreut worden, werden noch nachgekauft.

Agnes von Lilien macht allgemeines Glück und mein ehemaliger Schwager Beilwitz nebst seiner Frau haben es mit einem ganz erstaunlichen Interesse und Bewunderung zusammen gelesen, welche sie herzlich verdrießen wird, wenn sie das Wahre erfahren sollten.

Leben Sie recht wohl; alle Freunde grüßen und umarmen Sie aufs herzlichste.

Sch.

N. S.

Stellen Sie sich vor, daß Cotta die erste Kupferplatte, die Sie über Frankfurt an ihn geschickt, den 4. December noch nicht gehabt, und vielleicht auch jetzt noch nicht hat. Die zweite später abgegangene ist bei ihm angelangt.

H 176 | S 257 | B 258