Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

257. An Goethe

Jena, den 10. Dezember 1796

Es sollte mich recht freuen, meinen Schwager in Weimar angestellt zu wissen, besonders seiner eigenen Ausbildung wegen. Er hat Kopf und hat Charakter und das einzige, woran es ihm bis jetzt noch fehlte, war ein bildender Einfluß von außen und eine feste Bestimmung für seine Fähigkeit. Beides findet er in Weimar, und Sie selbst werden, wenn Sie ihn näher kennen, nicht ungern auf ihn wirken.

In Stuttgart fehlte es ihm seit dem Tod des Herzogs Karl, der viel auf ihn gehalten, an einer bestimmten und würdigen Beschäftigung, da er nur eine leere Hofstelle bekleidet und doch Kraft und Willen zu etwas Besserm in sich fühlt. Wenn ihm in Weimar nur der Punkt gezeigt wird, worauf er seine Fähigkeit richten soll, so wird er es mit Ernst tun und gewiß nichts Gemeines leisten. Er leibt unsern Herzog persönlich und wird sich darum doppelte Mühe geben, seine Achtung zu verdienen. Es ist nicht unbedeutend zu erwähnen, daß er sich für die Welt und für die Kunst zugleich gebildet hat, also à deux mains zu gebrauchen ist; für die Kunst ist er freilich noch lange nicht ausgebildet, aber er hat gewiß einen guten Grund darin gelegt.

Für seinen übrigen Charakter stehe ich, wie man überhaupt für jemand stehen kann. Ich habe ziemlich lange und in einer gewissen Suite mit ihm gelebt und bin, je länger ich ihn kenne, immer zufriedener mit ihm gewesen, denn er ist wirklich mehr als er scheint. Seine Bescheidenheit und gründliche Rechtschaffenheit wird ihn dem Herzog gewiß empfehlen.

Leben Sie wohl für heute. Diderots Schrift wird uns manchen Stoff zum Gespräch geben, wie ich merke; einiges was ich zufällig aufgeschlagen, ist doch trefflich.

Sch.

[Nicht bei H, zitiert nach S.]

H – | S 256 | B 257