Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

149. An Schiller

Weimar, 30. Januar 1796

Der erste Act wäre überstanden! ein Aufzug, den ich zur gestrigen Redoute arrangiren half; es ging alles gut ab, obgleich der Saal übermäßig voll war. Da man jetzt bloß in Distichen spricht, so mußte der türkische Hof selbst sein Compliment an die Herzogin in dieser Versart darbringen, wie Sie aus der Beilage sehen werden. Eine andere Gesellschaft hatte einen Zug von gemischten Masken aufgeführt, unter welchen sich ein paar Irrlichter sehr zu ihrem Vortheil ausnahmen; sie waren sehr artig gemacht und streuten, indem sie sich drehten und schüttelten, Goldblättchen und Gedichte aus.

Die Disticha nehmen täglich zu, sie steigen nunmehr gegen zweihundert. Ich lege das neueste Modejournal bei, wegen der Abhandlung S. 18 über die Xenien. Der Verfasser denkt wohl nicht, daß ihm auch eins für’s nächste Jahr zubereitet werde. Wie arm und ungeschickt doch im Grund diese Menschen sind! nur zwei solcher Gedichtchen, und noch dazu so schlecht übersetzt, zur Probe zu geben! Es ist aber als wenn alles Geistreiche diesen feuerfarbnen Einband flöhe.

Ich habe die Abhandlung Cellini’s über die Goldschmieds- und Bildhauerarbeit von Göttingen erhalten; da ich ihn doch nun geschwind lesen und ausziehen muß, so wird die kleine Biographie wahrscheinlich dadurch gefördert werden. Leben Sie recht wohl und grüßen Ihre liebe Frau.

Fast hätte ich das Beste vergessen. Ich habe einen gar schönen und guten Brief von Meyer erhalten der seinen Zustand recht deutlich darstellt. Seine unwiderstehliche Neigung gründlich zu seyn und etwas ausführliches zu arbeiten, kommt bei der ungeheuern Menge von Gegenständen die er beschreibt und beurtheilt, und bei dem Reize anderer die er nachbilden möchte, sehr in’s Gedränge. Er fragt mich um Rath und ich werde ihn an seinen Genius zurückweisen.

In einem Brief an die Herzogin Mutter steht eine lustige Stelle über die Künstler, welche jetzt Kantische Ideen in allegorischen Bildern darstellen. Wenn es nicht bloß Persiflage ist, so haben wir da die tollste Erscheinung die vor dem jüngsten Tage der Kunst vorhergehen kann.

Aus Ihrem Briefe seh’ ich erst, daß die Monatschriften Deutschland und Frankreich Einen Verfasser haben. Hat er sich emancipirt, so soll er dagegen mit Karnevals-Gips-Dragéen auf seinen Büffelrock begrüßt werden, daß man ihn für einen Perückenmacher halten soll. Wir kennen diesen falschen Freund schon lange, und haben ihm bloß seine allgemeinen Unarten nachgesehen, weil er seinen besondern Tribut regelmäßig abtrug; sobald er aber Miene macht diesen zu versagen, so wollen wir ihm gleich einen Bassa von drei brennenden Fuchsschwänzen zuschicken. Ein Dutzend Disticha sind ihm schon gewidmet, welche künftigen Mittewoch, gibt es Gott, anlangen werden. Indessen nochmals ein Lebewohl.

G.

H 151 | S 148 | B 148