926. An Goethe

Lauchstedt, den 6. Juli 1803

Ich kann die Jagemann nicht abreisen lassen, ohne Ihnen ein kleines Lebenszeichen zu geben. Es gefällt mir hier bis jetzt sehr wohl, der Ort und die Gelegenheiten der Gesellschaft haben einen freundlichen Eindruck auf mich gemacht, und wenn man sich einmal frisch resolvirt gar nichts zu thun, so läßt sich’s unter dem Treiben einer Menge, die auch nichts zu thun hat, ganz leidlich müßig gehen. Länger freilich als acht oder zwölf Tage möchte ich einen solchen Zustand nicht aushalten.

Das Theatergebäude hat mich in dieser kurzen Zeit seine Vorzüge und auch seine Mängel erfahren lassen. Was die letztern betrifft, so finde ich daß die Stimmen an Deutlichkeit verlieren, besonders aber ist das Dach wegen seiner Form und dünnen Bauart der Witterung zu sehr ausgesetzt. In der Braut v. M. fiel ein Gewitter mit viel Regen ein, welcher so heftig schallend auf die Dachung schlug, daß man ganze Viertelstunden lang auch keine einzige zusammenhängende Rede verstehen konnte, wie sehr die Schauspieler auch ihre Stimmen anstrengten. Und den Tag darauf, wo ich das leere Schauspielhaus besichtigte, sah man die häßlichen Spuren des hereingedrungenen Regens an der schön gemalten Decke.

Die natürliche Tochter hat vielen Beifall gefunden, besonders die letzte Hälfte, wie dieß auch in Weimar der Fall war. Einige Bemerkungen, die ich bei dieser Gelegenheit gemacht, will ich Ihnen mündlich mittheilen. Die Jagemann hat sich, ungeachtet sie heiser war und gar nicht glaubte, spielen zu können, sehr gut gehalten, und dann hat Becker auch recht gut gesprochen, und auch Haide hat Beifall gefunden.

Es führt zu nützlichen Betrachtungen zuweilen ein andres Publicum zu sehen, und hier ist noch dazu ein doppeltes, weil der Sonntag ganz andre Menschen in der Komödie versammelt.

Ich werde vielleicht die Mara, die ich zu Weimar versäumen mußte, hier oder in Halle noch hören. Auf den Fall daß sie hieher kommt, habe ich mich, auf Ansuchen der Badegesellschaft, bei der Wöchnern verbürgt, daß es Ihnen nicht zuwider seyn werde, zu diesem Concert das Schauspielhaus zu nehmen. Ich muß dem Genast das Zeugniß geben, daß er recht wachsam und eifrig für’s Ganze sorgt und auf den Nutzen der Cassa so wie auf die Ehre der Gesellschaft bedacht ist.

An Schmalz, der zur natürlichen Tochter hier war, habe ich eine sehr schätzbare Bekanntschaft gemacht, und dieser einzige Abend hat uns einander gleich recht nahe gebracht. Es ist eine Freude mit einem so klaren, jovialen und rüstigen Geschäftsmann zu leben, der weder Pedant noch affectirt ist. Auch Niemeyers waren an jenem Abend hier, und ich habe ihnen versprechen müssen, diese Woche nach Halle zu kommen. Leider werde ich Wolfen dort nicht finden, da er in’s Pyrmonter Bad gereist ist. Der Herzog von Württemberg hat sich hier sehr angenehm betragen, und alles in gute Laune gesetzt; die ersten Zeiten meines Hierseins sind durch ihn sehr belebt und erheitert worden. Sonst ist die Gesellschaft hier ziemlich behaglich, zutraulich und fröhlich, nur muß man es mit der Ausbeute des Gesprächs nicht genau nehmen. Mit einigen jungen Männern, besonders aus Berlin, habe ich indessen doch verschiedene nicht uninteressante Unterhaltung gehabt.

Leben Sie recht wohl und lassen Sie den alten Götz nur recht vorwärtsschreiten. Meyern viele Grüße.

Sch.

H 908 | S 915 | B 920

925. An Schiller

Jena, den 5. Juli 1803

Wegen dem Druck des verschiedenen Zeugs, das ich in die Welt sende, bin ich hier, um mit Frommann Abrede zu nehmen, der in seiner Sache gut eingerichtet ist und dem es an einem fürtrefflichen Maître en page nicht fehlt, daher dieß Geschäft mit wenigem abgemacht ist.

Loder ist eben von Halle zurückgekehrt, wo er sich ein Haus gemiethet hat. Wenn ich mit ihm über seinen neuen Zustand spreche, so freut mich’s herzlich daß seine Würfel so gefallen sind. Welcher Lebemann möchte gern, wie wir andern wunderlichen Argonauten, den eignen Kahn über die Isthmen schleppen? Das sind Abenteuer älterer, unfähiger Schifffahrer, worüber die neuaufgeklärte Technik lächelt. Versäumen Sie ja nicht sich in Halle umzusehen, wozu Sie so manchen Anlaß finden werden. Ob ich überhaupt komme weiß ich nicht. Die noch drei brauchbaren Monate, nach meiner Weise, zu nutzen und das von außen Geforderte nothdürftig zu leisten, ist jetzt mein einziger Wunsch.

Das altdeutsche, wieder erstandene Drama bildet sich, mit einiger Bequemlichkeit um. Ich wüßte nicht zu sagen ob sich’s organisirt, oder krystallisirt; welches denn doch zuletzt, nach dem Sprachgebrauch der verschiedenen Schulen, auf Eins hinauslaufen könnte.

Übrigens bekömmt es uns ganz wohl, daß wir mehr an Natur als an Freiheit glauben, und die Freiheit, wenn sie sich ja einmal aufdringt, geschwind als Natur tractiren; denn sonst wüßten wir gar nicht mit uns selbst fertig zu werden, weil wir sehr oft in den Fall kommen, wie Bileam, da zu segnen wo wir fluchen sollten.

Möge Ihnen viel Freude auf Ihrer Fahrt gewährt seyn; denn es ist für Sie doch immer eine große Resignation sich in das zu begeben was man Welt heißt: in das abgeschmackte, momentane Bruchstück, das recht artig wäre, wenn sie es nicht wollten für ein Ganzes gelten lassen.

Zu der Beilage sage ich nichts, weil sie sich selbst gewaltig ausspricht. Es ist Ihnen aber vielleicht in diesem Moment doch bedeutend genug.

Nur daß Sie körperlich nicht leiden mögen, wünsche ich, und wenns möglich ist daß Sie sich in der Bewegung des Strudels behaglich finden. Ich erwarte kein Schreiben von Ihnen, nur ein freundliches Willkommen, wenn wir uns wiedersehen, da ich manche Sonderlichkeiten werde zu erzählen haben.

G.

H 907 | S 914 | B 919

924. An Schiller

Weimar, den 23. Juni 1803

Hier das erste Concept. Lassen Sie uns das Eisen, da es heiß ist, schmieden! Wenig wird zu brauchen seyn. Zu mancherlei Betrachtungen giebt dieser erste Versuch Anlaß.

Mündlich mehr. Mögen Sie wohl heute kommen und wann?

G.

H 906 | S 913 | B 918

923. An Schiller

Weimar, den 15. Juni 1803

Hier überschicke ich meine Lieder, mit Bitte das Einzelne und Ganze zu beherzigen, auch dem fünften eine Überschrift zu geben.

Heute Abend seh’ ich Sie ja wohl bei mir.

G.

H 905 | S 912 | B 917

922. An Goethe

Weimar, den 24. Mai 1803

Ich wünsche Ihnen Glück, daß Sie sich Ihres Stoffs so gut erwehren. Möchten Sie einmal alle diese Schlacken aus Ihrem reinen Sonnenelement heraus schleudern, wenn auch ein Planet daraus werden sollte, der sich dann ewig um Sie herum bewegt.

Ich habe jetzt auch meine Noth mit dem Stoffe anderer Art; denn da ich eben daran bin, ein Wort über den tragischen Chor zu sagen, welches an der Spitze meiner Braut von Messina stehen soll, so drückt das ganze Theater mit sammt dem ganzen Zeitalter auf mich ein, und ich weiß kaum wie ich es abfertigen soll. Übrigens interessirt mich diese Arbeit, ich will suchen etwas recht Ordentliches zu sagen, und der Sache die uns gemeinsam wichtig ist, dadurch zu dienen.

Mit Cotta ist neulich alles abgethan worden, wie Sie es wünschen. Über den Druck der natürlichen Tochter werden Sie selbst Frommann seine Instructionen geben. Ehlers habe ich die zehn Louisdor auf Cotta’s Rechnung pränumerirt.

Cotta scheint wegen Cellini’s bessern Muth zu haben; es sind wenigstens viele Exemplare davon auf Commission bestellt worden, so daß das Werk doch nun von dem Strom des Handels und der Literatur ergriffen worden. Er hat mir kein Exemplar davon geben können, ich muß mir also eins von Ihnen ausbitten.

[Humboldt hat wieder geschrieben und läßt Sie schönstens grüßen. Es ist ordentlich Krankheit, wie er mitten in Rom nach dem Übersinnlichen und Unsinnlichen schmachtet, so daß Schellings Schriften jetzt seine heftigste Sehnsucht sind; er wird ihn nun bald selbst zu sehen bekommen und dann wahrscheinlich im Vatikan die Gespräche beim Jenaischen Fuchsthurm erneuren. Ich zweifle, ob er es lange dort aushalten wird.]*

Hier schicke ich Ihnen einige poetische Fabricate. Das Siegesfest ist die Ausführung einer Idee, die unser Kränzchen mir vor anderthalb Jahren gegeben hat, weil alle gesellschaftlichen Lieder, die nicht einen poetischen Stoff behandeln, in den platten Ton der Freimaurer-Lieder verfallen. Ich wollte also gleich in das volle Saatenfeld der Ilias hineinfallen und mir da holen was ich nur schleppen konnte.

Leben Sie recht wohl und bleiben Sie auch nicht zu lange. Zelter, höre ich reist, am 1. Juni von Dresden ab.

Sch.

* Nicht bei H, zitiert nach S

H 902 | S 911 | B 916

921. An Schiller

Jena, am 22. Mai 1803

Mit ein Paar Worten muß ich Ihnen nur sagen: daß es mir dießmal, bis auf einen gewissen Grad, mit der Farbenlehre zu gelingen scheint. Ich stehe hoch genug um mein vergangenes Wesen und Treiben, historisch, als das Schicksal eines Dritten anzusehen. Die naive Unfähigkeit, Ungeschicklichkeit, die passionirte Heftigkeit, das Zutrauen, der Glaube, die Mühe, der Fleiß, das Schleppen und Schleifen und dann wieder der Sturm und Drang, das alles macht in den Papieren und Acten eine recht interessante Ansicht; aber, unbarmherzig excerpire ich nur und ordne das auf meinem jetzigen Standpunct Brauchbare, das übrige wird auf der Stelle verbrannt. Man darf die Schlacken nicht schonen, wenn man endlich das Metall heraus haben will.

Wenn ich das Papier los werde, habe ich alles gewonnen: denn das Hauptübel lag darin, daß ich, ehe ich der Sache gewachsen war, immer wieder einmal schriftlich ansetzte, sie zu behandeln und zu überliefern. Dadurch gewann ich jedesmal. Nun aber liegen von Einem Capitel manchmal drei Aufsätze da, wovon der erste die Erscheinungen und Versuche lebhaft darstellt, der zweite eine bessere Methode hat und besser geschrieben ist, der dritte, auf einem höhern Standpunkt beides zu vereinigen sucht und doch den Nagel nicht auf den Kopf trifft. Was ist nun mit diesen Versuchen zu thun? sie auszusaugen gehört Muth und Kraft, und Resolution sie zu verbrennen, denn Schade ist’s immer. Wenn ich fertig bin, in sofern ich fertig werden kann, so wünsche ich mir sie gewiß wieder, um mich mir selbst historisch zu vergegenwärtigen, und ich komme nicht zum Ziel, wenn ich sie nicht vertilge.

Und so viel von meinen Freuden und Leiden. Schreiben Sie mir auch bald was, wie es Ihnen geht.

Hermann und sein Gefolge hat sich also schlecht exhibirt. Das goldene Zeitalter hat seine Nachkömmlinge nicht sonderlich versorgt.

Leben Sie recht wohl.

G.

H 901 | S 910 | B 915

920. An Goethe

Weimar, den 20. Mai 1803

Hier sende ich Ihnen die Vossische Prosodie wieder; ich bin nicht weit darin gekommen. Man kann sich gar zu wenig allgemeines daraus nehmen, und für den empirischen Gebrauch, etwa zum Anfragen in zweifelhaften Fällen, wo sie vortreffliche Dienste thun könnte, fehlt ihr ein Register, wo man sich das Orakel bequem holen könnte. Ihr Gedanke sie zu schematisiren, ist das einzige Mittel, sie brauchbar zu machen.

Die Herrmannsschlacht habe ich gelesen, und mich zu meiner großen Betrübniß überzeugt, daß sie für unsern Zweck völlig unbrauchbar ist. Es ist ein kaltes, herzloses, ja fratzenhaftes Product, ohne Anschauung für den Sinn, ohne Leben und Wahrheit, und die paar rührenden Situationen, die sie enthält, sind mit einer Gefühllosigkeit und Kälte behandelt, daß man indignirt wird.

Mein kleines Lustspiel hat das Publicum sehr belustigt und macht sich auch wirklich recht hübsch. Es ist mit vieler guten Laune gespielt worden, ob es gleich nicht zum besten einstudirt war, und unsere Schauspieler, wie Sie wissen, gern sudeln, wenn sie nicht durch den Vers in Respect erhalten werden. Da Plan und Gedanke nicht mein gehörten und die Worte extemporirt wurden, so habe ich mich um die Vorstellung selbst keines Verdienstes zu rühmen.

Das zweite Picardische Stück kann hier nicht mehr einstudirt werden, weil Graff und Becker in dem Niemeierischen Stück viel zu thun haben, das man in Lauchstedt produciren wird.

Ich wünsche Ihnen Glück daß Sie sich Ihr Gut mit Vortheil vom Hals geschafft haben, und jetzt wieder ein freier Mann sind.

Leben Sie recht wohl. Was Cotta uns neues mitbringt, werd’ ich melden und zugleich ein paar Gedichte mitschicken, die in diesen Tagen entstanden.

Sch.

Ich vergaß Ihnen von dem jungen Schauspieler Grimmer zu schreiben, den ich neulich habe lesen lassen. Ich schöpfe recht gute Hoffnung von ihm, er liest mit Sinn und weiß den Ton abzuwechseln, das leidenschaftliche trägt er mit Wärme, und die Verse mit Einsicht vor; es ist gewiß etwas von ihm zu hoffen.

Da ich nun zugleich vernehme, daß einige unserer Schauspieler, ich weiß nicht warum, gegen ihn wirken, so gebe ich Ihnen zu bedenken, daß dieß gerade einer der seltenen Fälle ist, wo man einen jungen bildungsfähigen Menschen von Anstand und Figur, unter sehr mäßigen Bedingungen, auf die Probe bekommen kann, und was besonders zu seinen Gunsten seyn möchte, ist dieses, daß er sich fast mehr zu Männer- als Jünglingsrollen zu qualificiren scheint. Da wir diesen Winter nun vollends einige größere Flüge machen wollen, wozu unser Personal nicht hinreicht, da auch diesen Sommer zu Lauchstedt Partie von ihm zu ziehen ist, so kann ich mir’s nicht versagen, Ihnen zum Vortheil des jungen Manns zu reden, der mir auch jetzt schon wenigstens so viel als Cordemann werth ist, und außerdem durch sein Benehmen Achtung und Zutrauen einflößt.

H 903, 904 | S 909 | B 914

919. An Schiller

Jena, den 20. Mai 1803

Heute Abend mit dem Boten sende ich den Aufsatz für Cotta. Indessen grüße ich Sie schönstens durch Überbringern, den ich, die chromatischen Acten zu holen, nach Weimar schicke, und durch welchen ich auch einige Nachricht von Ihnen zu erhalten hoffe.

Wie ist das neuliche Drama abgelaufen, und was ist sonst Merkwürdiges begegnet?

Das Farbenwesen denke ich hauptsächlich dadurch zu fördern, daß ich aus den Acten das brauchbare ziehe, die unnöthigen Papiere verbrenne, das übrig Bleibende in Ein Format zusammenschreiben lasse und nach dem Schema in Ordnung lege. Es wird sich alsdann zeigen daß schon viel gethan ist, und der Muth die Lücken auszufüllen wird zunehmen. Leben Sie recht wohl und gedenken mein.

G.

H 900 | S 908 | B 913

918. An Schiller

Jena, am 18. Mai 1803

Da ich durch den Eigensinn des Genius zwischen der deutschen Zeitmessung und der Farbenlehre hin und wieder getrieben werde, auch nach einem gesegneten Anfang hoffen kann einigermaßen zu prosperiren, wenn ich meinen hiesigen Aufenthalt verlängere, so überlege ich daß ich mit Herrn Cotta eigentlich weiter nichts zu verabreden habe, und daß ich also gar wohl hier bleiben kann. Sie erhalten daher Sonnabend früh durch die Boten einen kurzen Aufsatz über die typographischen Verhältnisse und eine Quittung über das Geld das Cotta mitzubringen gedenkt.

Es kann mich ängstigen daß der Mai schon vorüber und von keiner Seite was gethan ist.

Leben Sie recht wohl und erfreuen sich Ihres neuen Dramas.

G.

H 899 | S 907 | B 912

917. An Schiller

Jena, am 15. Mai 1803

Hier, mein Bester, die Papiere, die meine Gegenwart dießmal wohl ersetzen mögen. Grüßen Sie Cotta schönstens und hören sonst seine Entschlüsse und Beschlüsse. Ich befinde mich leidlich, doch muß ich an mehr Bewegung und Anregungen von außen denken. Wenn es so fort geht, concentrirt sich meine ganze Existenz innerhalb des Sömmeringischen Wassers. Mein Spiritus wird aufgewartet haben. Ich hoffe in diesen acht Tagen einen tüchtigen Ruck in der Ausarbeitung der Farbenlehre zu thun und denke das Wesen einmal derb anzugreifen; jetzt liegt es mir wie eine unabtragbare Schuld auf. Leben Sie wohl und thätig und mir gewogen.

G.

H 898 | S 906 | B 911