Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

266. An Schiller

[Weimar, den 27. Dezember 1796]

Durch Zufall ist die erste Seite leer geblieben.

Ihr Paket erhalte ich zu einer Zeit, da ich so äußerst zerstreut bin, daß ich weder die Sache, wie sie verdient, überdenken, noch darüber etwas beschließen kann. Lassen Sie mich also nur vorläufig eine ohngefähre Meinung sagen und übereilen Sie nichts. Der Gegner hat sich zu seiner Replik alle Zeit genommen, lassen Sie uns ja, da uns kein Termin zwingt, den Vorteil der reifsten Überlegung nicht leidenschaftlich aus der Hand geben. Sie ist um desto nötiger als die Sache prosaisch verhandelt werden soll, und das erste Wort ist von der größten Bedeutung. Meo voto müßte unsere Prosa so ästhetisch als möglich sein, ein rednerischer, juristischer, sophistischer Spaß, der durch seine Freiheit und Übersicht der Sache wieder an die Xenien selbst erinnerte. Ihr Aufsatz scheint mir zu ernsthaft und zu gutmüthig. Sie steigen freiwillig auf den Kampfplatz, der dem Gegner bequem ist, Sie kontestieren litem und lassen sich ein, ohne von den Exzeptionen Gebrauch zu machen, die so schön bei der Hand liegen. Flüchtig betrachtet sehe ich die Sache so an:

Ein ungenannter Herausgeber von zwei Journalen greift einen genannten Herausgeber von einem Journal und einem Almanach deshalb an, daß er in eigenen Gedichten verläumdet und als Mensch angegriffen worden sei.

Nach meiner Meinung muß man ihn bei dieser Gelegenheit aus seinem bequemen Halbincognito heraustreiben und zuerst von ihm verlangen, daß er sich auf seinen Journalen nenne, damit man doch auch seinen Gegner kennen lerne; zweitens, daß er die Gedichte wieder abdrucken lasse, die er auf sich zieht, damit man wisse wovon die Rede sei und worüber gestritten wird. Diese beiden Präliminarfragen müssen erst erörtert sein, ehe man sich einläßt, sie inkommodieren den Gegner aufs äußerste und er mag sich benehmen, wie er will, so hat man Gelegenheit, ihn zu persiflieren, die Sache wird lustig, die Zeit wird gewonnen, es erscheinen gelegentlich noch mehrere Gegner denen man immer beiher etwas abgeben kann, das Publikum wird gleichgültig, und wir sind in jedem Sinne im Vortheil.

Ich finde auf der Reise gewiß so viel Humor und Zeit um einen solchen Aufsatz zu versuchen, da wir Freunde haben die sich für uns interessieren so lassen Sie uns nicht unberathen zu Werke gehen. Seitdem ich Ihnen jene Bemerkungen über die Elegie danke, habe ich manches erfahren und gedacht, und ich wünsche Ihnen bei der gegenwärtigen

[Rest des Briefes fehlt; nicht bei H, zitiert nach S.]

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