Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

253. An Schiller

Weimar, den 7. Dezember 1796

Das Werk der Madame Stael liegt hiebei; es wird Sie gewiß erfreuen. Den Gedanken es für die Horen zu nutzen habe ich auch schon gehabt; es ließe sich vielleicht machen, daß man aus dem ganzen die eminentesten Stellen aushübe und sie in einer Folge hinstellte. Lesen Sie deshalb das Werk mit dem Bleistift in der Hand und streichen an, und bitten Sie Herrn von Humboldt um ein gleiches, dadurch erhält meine Wahl eine schnellere Bestimmung; sobald ich es zurück erhalte, kann ich anfangen. Eine Sendung Cellini ist fertig, wenn Sie derselben bedürfen.

Sie finden auch wieder eine Elegie, der ich Ihren Beifall wünsche. Indem ich darin mein neues Gedicht ankündige, gedenke ich damit auch ein neues Buch Elegien anzufangen. Die zweite wird wahrscheinlich die Sehnsucht ein drittesmal über die Alpen zu gehen enthalten, und so werde ich weiter, entweder zu Hause, oder auf der Reise fortfahren.

Mit dieser, wünschte ich, eröffneten Sie das neue Jahr der Horen, damit die Menschen durchaus sehen, daß man auf alle Weise fest steht und auf alle Fälle gerüstet ist.

Den Dyk’schen Ausfall habe ich, da ich die Deutschen so lange kenne, nicht besonders gefunden; wir haben dergleichen noch mehr zu erwarten. Der Deutsche sieht nur Stoff, und glaubt wenn er gegen ein Gedicht Stoff zurückgäbe, so hätte er sich gleichgestellt; über das Sylbenmaß hinaus erstreckt sich ihr Begriff von Form nicht.

Wenn ich aber aufrichtig sein soll, so ist das Betragen des Volks ganz nach meinem Wunsche; denn es ist eine nicht genug gekannte und geübte Politik, daß jeder, der auf einigen Nachruhm Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, alles was sie gegen ihn in petto haben, von sich zu geben. Den Eindruck davon vertilgt er durch Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half’s manchen bescheidnen, verdienstvollen und klugen Mann, den ich überlebt habe, daß er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Unthätigkeit, Schmeichelei,Rücken und Zurechtlegen, einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem Tode sitzt der Advocat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebärde.

Ich hoffe daß die Xenien auf eine ganze Weile wirken und den bösen Geist gegen uns in Thätigkeit erhalten sollen; wir wollen indessen unsere positiven Arbeiten fortsetzen und ihm die Qual der Negation überlassen. Nicht eher als bis sie wieder ganz ruhig sind und sicher zu seyn glauben, müssen wir, wenn der Humor frisch bleibt, sie noch einmal recht aus dem Fundament ärgern.

Lassen Sie mir so lange als möglich die Ehre als Verfasser der Agnes zu gelten. Es ist recht Schade, daß wir nicht in dunklern Zeiten leben; denn da würde die Nachwelt eine schöne Bibliothek unter meinem Namen aufzustellen haben. Neulich versicherte mich jemand, er habe eine ansehnliche Wette verloren, weil er mich hartnäckig für den Verfasser des Herrn Starke gehalten.

Auch mir geht ein Tag nach dem andern, zwar nicht unbeschäftigt, doch leider beinahe unbenutzt herum. Ich muß Anstalt machen meine Schlafstelle zu verändern, damit ich morgens vor Tage einige Stunden im Bette dictiren kann. Möchten Sie doch auch eine Art und Weise finden, die Zeit, die nur eigentlich höher organisirten Naturen kostbar ist, besser zu nutzen. Leben Sie recht wohl und grüßen alles, was Sie umgibt.

G.

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