Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

232. An Goethe

Jena, den 18. oder 19. Oktober 1796

Unsre Dichterin hat vor ein paar Tagen an mich geschrieben und mir ihre Geschichte mit ihrem Mann und Liebhaber gebeichtet. Sie gesteht, das Leben mit jenem sei ihr fast unerträglich geworden und sie habe ihn vor einiger Zeit verlassen wollen. Doch habe sie sich zusammengenommen und sich zur Pflicht gemacht, ferner und verträglich mit ihm zu leben. Doch hätte sie notwendig noch vorher von ihrem Liebhaber Abschied nehmen müssen, dies sei die Veranlassung ihrer letzten Reise gewesen, und diesen Vorsatz habe sie wirklich, obgleich nicht ohne großen Kampf, vollführt. Von jetzt an hoffe sie alles zu ertragen und endlich noch mit ihrer Lage zufrieden zu geben.

Soweit ihr Geständnis, das sie mir ablegen zu müssen glaubte, wie sie schreibt, um doch von jemand richtig beurteilt zu werden. Ich habe Ursache zu glauben, daß es nicht so ganz aufrichtig war; unterdessen schrieb ich ihr, weil sich so etwas nicht wohl schriftlich verhandeln ließe, zu mir zu kommen. Jetzt soll ihr Mann mit ihr nach Gotha gereist sein.

Ich weiß nicht, wie ihr zu raten und zu helfen ist, denn sie schlägt, wie es scheint, zu ihren realistischen Zwecken gar zu sentimentalische Mittel ein. Fällt Ihnen etwas ein, so teilen Sie mirs mit, oder soll ich sie nach W[eimar] zu Ihnen schicken?

Gearbeitet habe ich noch nicht viel. Das Wetter hat mir in diesen Tagen sehr hart zugesetzt, und dann war eine große Briefschuld abzutragen.

Alles grüßt Sie.

Leben Sie recht wohl.

Sch.

[nicht bei H, zitiert nach S]

H – | S 231 | B 232