Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

239. An Goethe

Jena, den 31. Oktober 1796

Ich begrüße Sie in Ihrem einsamen Thal und wünsche, daß Ihnen die holdeste aller Musen da begegnen möge. Wenigstens können Sie dort das Städtchen Ihres Hermanns finden, und einen Apotheker oder ein grünes Haus mit Stuckaturarbeit gibt es dort wohl auch.

Körner hat mir heute über Ihren Meister geschrieben. Ich lege seinen Brief bei; er wird Sie in Ihrer Einsamkeit nicht übel stimmen.

Von Leipzig habe ich auch wieder einen Brief, worin man meldet, daß die sämmtlichen Exemplarien, welche ich vorräthig hingesandt, vergriffen seyen, und dringend um neue schreibt. Es sind nämlich außer denen für Cotta und seinen District 900–1000 Exemplare in Paketen an bestimmte Buchhandlungen verpackt worden, und außer diesen habe ich nach und nach 435 an den Commissionär geschickt, wenn etwa nachgefordert würden. Diese letzten sind also weg, und so ist es wahrscheinlich genug, daß jene, die in Paketen verschickt worden, nicht retour kommen werden. Selbst die schadhaften sind, bis auf ein einziges Exemplar, verkauft. Ich habe deßwegen alles was ich noch hier habe, zusammengesucht und auch an — geschrieben, mir, wenn sie dazu kommen kann, die bei Ihnen noch vorräthig liegenden auf Druckpapier zu senden. Alles zusammen möchte kaum 73 Exemplare betragen, und also schwerlich zureichen, weil mir der Commissionär schreibt, daß noch sehr viel bestellt sey. Deßwegen habe ich heute an Cotta geschrieben und ihn zu einer neuen Auflage ermuntert, die ich hier, sowohl des Risico als der lästigen Besorgung wegen, nicht gern veranstalten mag. Es ist seine Sache, er mag sich also rathen, und der Zeitgewinn von zwölf bis vierzehn Tagen ist so beträchtlich nicht.

Die Gothaischen Epigramme sind zwar noch ganz liberal ausgefallen, aber ich gestehe doch, daß mir diese Art, unsere Sache zu nehmen, gerade die allerfatalste ist. Es blickt nichts daraus hervor, als eine Schonung der Leerheit und Flachheit, und ich weiß nichts Impertinenteres, als von einer Seite dem Erbärmlichen nachzulaufen, und dann, wenn jemand demselben zu Leibe geht, zu thun, als ob man es bloß geduldet hätte; erst es dem Guten entgegen zu setzen, und dann sich zu stellen, als ob es grausam wäre, es mit demselben vergleichen zu wollen. Der Pentameter:

Unser Wasser erfrischt etc.

ist merkwürdig, und ganz erstaunlich expressiv für diese ganze Classe.

Leben Sie recht wohl und denken Sie unserer mit Liebe. Humboldt ist noch nicht hier. Alles grüßt Sie auf’s beste.

Sch.

H 239 | S 238 | B 239