Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

237. An Goethe

Jena, den 28. Oktober 1796

Sie erhalten hier das neunte Horenstück, sechs Exemplare für Sie, eins für den Herzog und eins für Meyern. Inlage an Herdern und Knebeln bitte abgeben zu lassen.

Heute Vormittag ist Fr. v. Humboldt mit ihren Kindern hier angekommen. Er ist noch in Halle bei Wolfen, und wird in drei Tagen hier sein.

Humboldts waren auch in den letzten Tagen, als unser Almanach dahin kam, in Berlin. Er soll gewaltiges Aufsehen da gemacht haben.

Nicolai nennt ihn den Furienalmanach. Zöllner und Biester sollen ganz entzückt darüber seyn. (Sie sehen daß es uns mit Biestern gelungen ist.) Dieser findet die Xenien noch viel zu mäßig geschrieben. Ein anderer meinte, jetzt wäre noch eine Landplage mehr in der Welt, weil man sich jedes Jahr vor dem Almanach zu fürchten habe. Meyer, der Poet, meinte, wir beide hätten einander in den Xenien selbst heruntergerissen, und ich habe das Distichon: Wohlfeile Achtung S. 221 auf Sie gemacht!!

Woltmann war gestern bei mir und wollte wissen, daß Wieland von den Xenien gesagt habe: Er bedaure nur, daß Voß darin gelobt sey, weil so viel andere ehrliche Leute mißhandelt wären. Woltmann glaubt steif und fest, daß mit dem nekrologischen Raben, der hinter Wieland krächze, niemand als Böttiger gemeint sey.

Endlich ist denn der erste gedruckte Angriff auf die Xenien geschehen, und wenn alle dem gleich sind, so haben wir freilich nichts dabei zu thun. Dieser Angriff steht in – dem Reichsanzeiger. Schütz hat ihn mir communicirt; er besteht aus einem Distichon, wo aber der Pentameter – vor dem Hexameter steht. Sie können sich nichts erbärmlichers denken. Die Xenien werden hämisch gescholten.

Die jungen Nepoten hat Schlegel noch nicht heraus. Er fragte uns heute wieder darnach.

Was Sie aber belustigen wird ist ein Artikel in dem neuen Leipziger Intelligenzblatt, welches in Folio herauskommt. Hier hat ein ehrlicher Anonymus sich der Horen gegen Reichardt angenommen. Zwar sind beide nicht genannt, aber unverkennbar bezeichnet. Er rügt es sehr scharf, daß dieser Herausgeber von zwei Journalen das erste in dem andern unverschämt lobe, und gegen ein anderes Journal einen schändlichen Neid blicken lasse. Vor jetzt wolle er es bei diesem Winke bewenden lassen; aber er droht ihm hart zu Leib zu rücken, wenn dieser Wink nichts fruchte.

Für heute sey es mit diesen Novitäten genug. Wir sind hier ganz wohl auf; ich rücke langsam in meiner Arbeit fort.

Leben Sie recht wohl.

Sch.

Den Voßischen Almanach hab’ ich gesehen. Er ist miserable.

H 237 | S 236 | B 237