Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

209. An Schiller

Weimar, 10. August 1796

Mein Paket war gemacht; ich hoffte wieder einige gute Zeit mit Ihnen zuzubringen. Leider halten mich verschiedene Umstände zurück, und ich weiß nicht, wenn ich Sie sehen werde.

Was Sie eigentlich von den Herkulanischen Entdeckungen zu wissen wünschen, möchte ich näher wissen, um Ihnen zweckmäßig aushelfen zu können. Ich schicke Ihnen hierbei den Volkmann; auch ist in der Büttnerischen Bibliothek ein Buch:

Beschreibung von Heracleia, aus dem Italiänischen des Don Marcello Venuti. Frankfurt und Leipzig 1749.

Schicken Sie mir doch mein Blatt über die Schmetterlinge zurück. Das Phänomen scheint allgemein zu sein; ich habe es indessen bei andern Schmetterlingen und auch bei Schlupfwespen bemerkt. Ich bin mehr als jemals überzeugt, daß man durch den Begriff der Stetigkeit den organischen Naturen trefflich beikommen kann. Ich bin jetzt daran mir einen Plan zur Beobachtung aufzusetzen, wodurch ich im Stande seyn werde jede einzelne Bemerkung an ihre Stelle zu setzen, es mag dazwischen fehlen was will; habe ich das einmal gezwungen, so ist alles, was jetzt verwirrt, erfreulich und willkommen. Denn wenn ich meine vielen, ungeschickten Collectaneen ansehe, so möcht eich wohl schwerlich Zeit und Stimmung finden sie zu sondern und zu nutzen.

Der Roman giebt auch wieder Lebenszeichen von sich. Ich habe zu Ihren Ideen Körper nach meiner Art gefunden; ob Sie jene geistigen Wesen in ihrer irdischen Gestalt wieder kennen werden, weiß ich nicht. Fast möchte ich das Werk zum Drucke schicken, ohne es Ihnen weiter zu zeigen. Es liegt in der Verschiedenheit unserer Naturen, daß es Ihre Forderungen niemals ganz befriedigen kann; und selbst das giebt, wenn Sie dereinst sich über das Ganze erklären, gewiß wieder zu mancher schönen Bemerkung Anlaß.

Lassen Sie mich von Zeit zu Zeit etwas vom Almanach hören. Hier ein kleiner Beitrag; ich habe nichts dagegen, wenn Sie ihn brauchen können, daß mein Name darunter stehe. Eigentlich hat eine arrogante Äußerung des Herrn Richter, in einem Briefe an Knebel, mich in diese Disposition gesetzt.

Lassen Sie mich ja wissen was Humboldt schreibt.

In einigen Tagen wird Herr Legationsrath Mattei sich bei Ihnen melden; nehmen Sie ihn freundlich auf; er war Hofmeister bei dem Grafen Forstenburg, natürlichem Sohn des Herzogs von Braunschweig, und zugleich an dessen Mutter, Frau von Brankoni, attachirt und hat mit beiden ein ziemliches Stück Welt gesehen. Leben Sie recht wohl.

G.

H 209 | S 208 | B 209