Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

200. An Schiller

Weimar, 28. Juli 1796

Sie haben so oft, nebst anderen Freunden gewünscht, daß unsere Schauspieler manchmal in Jena spielen möchten; so eben tritt eine Epoche ein, wo wir sie von Lauchstädt aus zu Ihnen schicken können; ist alsdann das Theater einmal eingerichtet, so versteht sich daß die Sache im Gang bleiben kann. Schreiben Sie mir doch ein wenig die Disposition der Gemüther, bringen Sie besonders die Frauen in Bewegung.

Der Herzog hat (unter uns gesagt) mir die Sache ganz überlassen; an Gotha hat man ein Compliment hierüber gemacht, und sie haben auch nichts dagegen; doch soll und mag ich die Sache nicht ohne Beistimmung der Akademie vornehmen. Ich werde sie aber nicht eher durch den Prorector an den Senat bringen, als bis ich gewiß Majora vor mir habe. Lassen Sie also durch Ihre Bekannte und Freunde das Wünschenswerthe einer solchen neuen Erscheinung recht ausbreiten und geben mir bald Nachricht wie es aussieht?

Ich wünschte die Mère coupable auf kurze Zeit zu haben; ist sie noch in Ihren Händen, oder können sie solche geschwind haben, so kann Hofkammerrath Kirms, der dieses bringt, sie Abends mitnehmen.

Hier ein Brief von meiner Mutter.

Schreiben Sie mir wie die Ihrigen sich befinden.

Übrigens ist alles in solcher Confusion und Bewegung, daß die ästhetische Stimmung, die erforderlich wäre, den Roman nach unseren Wünschen zu vollenden, nur als eine Wundergabe erwartet werden kann. Indessen ist auch daran nicht ganz zu verzweifeln. Leben Sie recht wohl

G.

H 200 | S 199 | B 200