Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe

185. An Goethe

[Jena, 6. Juli 1796]

Ich wollte mich diesen Nachmittag mit Ihnen und dem Meister beschäftigen, aber ich habe keinen freien Augenblick gehabt, und mein Zimmer wurde nicht leer von Besuchen. Jetzt da ich schreibe ist die Kalbische und Steinische Familie da; man spricht sehr viel von der Idylle und meint, daß „sie Sachen enthalte, die noch gar nicht seyen von einem Sterblichen ausgesprochen worden.“ – Trotz aller Entzückung darüber skandalisirte sich doch die Familie Kalb an dem Päckchen, das dem Helden nachgetragen würde, welches sie für einen großen Fleck an dem schönen Werke hält. Das Product sey so reich, und der Held führe sich doch wie ein armer Mann auf.

Sie können denken, daß ich bei dieser Kritik aus den Wolken fiel. Es war mir so neu, daß ich glaubte, sie spräche von einem andern Producte. Ich versicherte ihr aber, daß ich mich an einer solchen Art von Armuth nicht stieße, wenn nur der andere Reichthum da sey.

Leben Sie recht wohl. Auf den Freitag mehr.

Sch.

H 183 | S 184 | B 185