826. An Schiller

Oberroßla, den 27. April 1801

Indessen Sie allerlei außerordentliche theatralische Ergötzlichkeiten genießen, muß ich auf dem Lande verweilen und mich mit allerlei gerichtlichen Händeln, Besuchen in der Nachbarschaft und sonstigen realistischen Spässen unterhalten. Kann ich es möglich machen, so komme ich Sonnabends. Sagen Sie mir doch ein Wort wie es mit Nathan geht, und ob die tapfere Jungfrau sich weiters producirt hat. Von mir kann ich weiter nichts sagen als daß mir der hiesige Aufenthalt physisch nicht übel bekommt und daß ich wohl damit zufrieden seyn kann, da ich von meinem reconvalescirenden Zustand ohnehin keine Wunder erwarten darf. Leben Sie recht wohl und erfreuen mich bald mit einigen Zeilen.

G.

H 176 | S 175 | B 176

Keine Kommentare

825. An Schiller

Weimar, den 20. April 1801

Nehmen Sie mit Dank das Stück wieder. Es ist so brav, gut und schön, daß ich ihm nichts zu vergleichen weiß.

Lassen Sie uns gegen Abend zusammen spazieren und zusammen bleiben.

Morgen geh’ ich wieder auf’s Land.

G.

H 813 | S 815 | B 817

Keine Kommentare

824. An Goethe

[Weimar, den 18. April 1801.]

Hier sende ich Ihnen das verlangte Werk, nebst dem Entwurf der Rollenbesetzung. Auf dem Exemplar für’s Theater sind ungefähr sechs Blätter weniger.

Den Nathan will ich heute vornehmen und Ihnen auf den Abend in der Oper eine Definitivantwort darüber sagen.

Sch.

H 818 | S 814 | B 816

Keine Kommentare

823. An Schiller

Weimar, den 15. April 1801

Auch ich freue mich recht sehr wieder in Ihrer Nähe zu seyn und besonders an diesem Tage anzukommen der eine solche Epoche macht.

Heute Abend um sieben Uhr finden sie mich zu Hause. Will Niethammer zum Abendessen auch von den Unsern seyn, so heiße ich ihn willkommen.

Viele Grüße an Ihre liebe Frau, der ich noch einen Dank für ihren Freundlichen Brief schuldig bin.

Viel Glück zur Vollendung Ihres Werkes.

G.

H 812 | S 813 | B 815

Keine Kommentare

822. An Goethe

[Weimar, den 15. April 1801.]

Ich heiße Sie herzlich willkommen in Weimar, und freue mich, nach einer so langen Abwesenheit wieder mit Ihnen vereinigt zu seyn. Lassen sie mich doch wissen, ob Sie heute Abend zu Hause bleiben oder ob ich Sie in der Komödie finde.

Ich werde heute mit meinem Stücke fertig, und dieser Tag ist mir also doppelt werth. Weil mir aber das Wetter zusetzt, und meine Arbeit mich in den letzten Tagen etwas angegriffen, so befinde ich mich nicht ganz wohl.

Meine Frau grüßt Sie auf’s beste. Auch Niethammer, der diesen Morgen angekommen, empfiehlt sich Ihrem Andenken.

Sch.

H 811 | S 812 | B 814

Keine Kommentare

821. An Goethe

Weimar, den 3. April 1801

Am Mittwoch bin ich wieder hier eingetroffen, und habe sehr beklagt, Sie nicht zu finden. Möge Ihnen indessen der Aufenthalt auf dem Lande nur recht günstig seyn! Ich will während Ihrer Abwesenheit mein Geschäft so weit als möglich zu fördern suchen, daß ich es Ihnen bald nach Ihrer Zurückkunft geendigt vorlegen kann. In etwa vierzehn Tagen hoffe ich am Ziele zu seyn. Von meinem letzten Act augurire ich viel Gutes, er erklärt den ersten, und so beißt sich die Schlange in den Schwanz. Weil meine Heldin darin auf sich allein steht, und im Unglück von den Göttern deserirt ist, so zeigt sich ihre Selbstständigkeit und ihr Charakteranspruch auf die Prophetenrolle deutlicher. Der Schluß des vorletzten Acts ist sehr theatralisch und der donnernde Deus ex machina wird seine Wirkung nicht verfehlen.

Meyer hat meinen kleinen Ernst gemalt, wie Sie wissen; das Bild ist fertig und sehr schön ausgefallen, daß es Sie gewiß auch erfreuen wird. Es ist so bedeutend gefaßt und sehr angenehm behandelt; auch die Ähnlichkeit fehlt nicht, so schwer es auch hielt, den Kleinen in eine ruhige Positur zu bringen.

Es hat mir leid gethan, meinen Garten gerade jetzt, da das Wetter so schön geworden, zu verlassen; doch habe ich mich auch wieder nach Haus zurückgesehnt; und zum Glück bin ich hier gleich wieder in meine Arbeit herein gekommen.

Ich habe Verlangen wieder einige Zeilen von Ihnen zu sehen, denn in Roßla liegen sie uns doch, so nah es ist, wie am Ende der Welt. Leben Sie recht wohl, und alles Gute sey mit Ihnen.

Sch.

H 810 | S 811 | B 813

Keine Kommentare

820. An Schiller

Oberroßla, den 6 März 1800 [recte: 3. oder 4. April 1801]

Ich wünsche Glück zu Ihrer Zurückkunft nach Weimar und hoffe Sie bald wieder zu sehen, entweder daß Sie mich besuchen, oder daß ich mich auch wieder nach der Stadt verfüge.

Mein hiesiger Aufenthalt bekommt mir sehr gut, theils weil ich den ganzen Tag mich in freier Luft bewege, theils weil ich durch die gemeinen Gegenstände des Lebens depotentiirt werde, wodurch eine gewisse Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit in meinen Zustand kommt, die ich lange nicht mehr kannte.

Was die Fragen betrifft die Ihr letzter Brief enthält, bin ich nicht allein Ihrer Meinung, sondern ich gehe noch weiter. Ich glaube daß alles was das Genie, als Genie thut, unbewußt geschehe. Der Mensch von Genie kann auch verständig handeln, nach gepflogener Überlegung, aus Überzeugung; das geschieht aber alles nur so nebenher. Kein Werk des Genie’s kann durch Reflexion und ihre nächsten Folgen verbessert, von seinen Fehlern befreit werden; aber das Genie kann sich durch Reflexion und That nach und nach dergestalt hinaufheben, daß es endlich musterhafte Werke hervorbringt. Je mehr das Jahrhundert selbst Genie hat, desto mehr ist das Einzelne gefördert.

Was die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so glaube ich auch daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die Dichtkunst verlangt im Subject, das sie ausüben soll, eine gewisse gutmüthige, in’s Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen unschuldigen productiven Zustand und setzen, für lauter Poesie, an die Stelle der Poesie, etwas das nun ein für allemal nicht Poesie ist, wie wir in unsern Tagen leider gewahr werden; und so verhält es sich mit den verwandten Künsten, ja der Kunst im weitesten Sinne.

Dieß ist mein Glaubensbekenntniß, welches übrigens keine weiteren Ansprüche macht.

Von Ihrer neusten Arbeit hoffe ich sehr viel Gutes. Das Werk ist gut aufgefaßt, und wenn Sie sich genug Muße geben, so wird es sich von selbst ründen. An Faust ist in der Zeit auch etwas geschehen. Ich hoffe daß bald in der großen Lücke nur der Disputationsactus fehlen soll, welcher denn freilich als ein eigenes Werk anzusehen ist und aus dem Stegreife nicht entstehen wird.

Die famose Preisfrage habe ich diese Zeit auch nicht aus der Acht gelassen. Ich habe, um eine empirische Unterlage zu meinen Betrachtungen zu gewinnen, angefangen mir ein Anschauen der europäischen Nationen zu bilden. Nach der Linkischen Reise habe ich noch manches über Portugal gelesen und werde nun nach Spanien übergehen. Wie sehr sich alles ins Enge ziehe, wenn man solche Betrachtungen recht von innen herausnimmt, werde ich täglich mehr überzeugt.

Ritter besuchte mich einen Augenblick und hat meine Gedanken auch auf die Farbenlehre geleitet. Die neuen Entdeckungen Herschels, welche durch unsern jungen Naturforscher weiter fortgesetzt und ausgedehnt worden, schließen sich gar schön an jene Erfahrung an, von der ich Ihnen mehrmals gesagt habe, daß die bononischen Leuchtsteine an der gelbrothen Seite des Spectrums kein Licht empfangen, wohl aber an der blaurothen. Die physischen Farben identificiren sich hierdurch mit den chemischen. Mein Fleiß, den ich in dieser Sache nicht gespart habe, setzt mich bei Beurtheilung der neuen Erfahrungen in die größte Avantage, wie ich denn auch gleich neue, die Sache weiter auszuführende Versuche ausgesonnen habe; ich sehe vor mir, daß ich dieses Jahr wenigstens wieder ein paar Capitel der Farbenlehre schreiben werde. Ich wünsche Ihnen das Neuste bald vorzutragen.

Möchten Sie mich wohl Donnerstags mit Professor Meyer besuchen? Bereden Sie es doch mit diesem, dem ich das Nähere geschrieben habe.

Leben Sie indeß recht wohl.

G.

H 726 | S 810 | B 812

2 Kommentare

819. An Goethe

Jena, den 27. März 1801

Ich werde Jena nun bald verlassen, zwar mit keinen großen Thaten und Werken beladen, aber doch auch nicht ohne alle Frucht; es ist doch immer so viel geschehen als ich in eben so vieler Zeit zu Weimar würde ausgerichtet haben. Ich habe also zwar nichts in der Lotterie gewonnen, habe aber doch im Ganzen meinen Einsatz wieder.

Auch von der hiesigen Welt habe ich, wie es mir immer geht, weniger profitirt, als ich geglaubt hatte; einige Gespräche mit Schelling und Niethammern waren alles. Erst vor einigen Tagen habe ich Schelling den Krieg gemacht, wegen einer Behauptung in seiner Transcendental-Philosophie, daß „in der Natur von dem Bewußtlosen angefangen werde um es zum Bewußten zu erheben, in der Kunst hingegen man vom Bewußtseyn ausgehe zum Bewußtlosen.“ Ihm ist zwar hier nur um den Gegensatz zwischen dem Natur- und dem Kunstproduct zu thun, und in so fern hat er ganz recht. Ich fürchte aber daß diese Herren Idealisten ihrer Ideen wegen allzuwenig Notiz von der Erfahrung nehmen, und in der Erfahrung fängt auch der Dichter nur mit dem Bewußtlosen an, ja er hat sich glücklich zu schätzen, wenn er durch das klarste Bewußtseyn seiner Operationen nur so weit kommt, um die erste dunkle Totalidee seines Werks in der vollendeten Arbeit ungeschwächt wieder zu finden. Ohne eine solche dunkle, aber mächtige Totalidee die allem Technischen vorhergeht, kann kein poetisches Werk entstehen, und die Poesie, däucht mir, besteht eben darin, jenes Bewußtlose aussprechen und mittheilen zu können, d. h. es in ein Object überzutragen. Der Nichtpoet kann so gut als der Dichter von einer poetischen Idee gerührt seyn, aber er kann sie in kein Object legen, er kann sie nicht mit einem Anspruch auf Nothwendigkeit darstellen. Eben so kann der Nichtpoet so gut als der Dichter ein Product mit Bewußtseyn und mit Nothwendigkeit hervorbringen, aber ein solches Werk fängt nicht aus dem Bewußtlosen an, und endigt nicht in demselben. Es bleibt nur ein Werk der Besonnenheit. Das Bewußtlose mit dem Besonnenen vereinigt macht den poetischen Künstler aus.

Man hat in den letzten Jahren über dem Bestreben der Poesie einen höheren Grad zu geben, ihren Begriff verwirrt. Jeden der im Stande ist seinen Empfindungszustand in ein Object zu legen, so daß dieses Object mich nöthigt in jenen Empfindungszustand überzugehen, folglich lebendig auf mich wirkt, heiße ich einen Poeten, einen Macher. Aber nicht jeder Poet ist darum dem Grad nach ein vortrefflicher. Der Grad seiner Vollkommenheit beruht auf dem Reichthum, dem Gehalt, den er in sich hat und folglich außer sich darstellt, und auf dem Grad von Nothwendigkeit, die sein Werk ausübt. Je subjectiver sein Empfinden ist, desto zufälliger ist es; die objective Kraft beruht auf dem Ideellen. Totalität des Ausdrucks wird von jedem dichterischen Werk gefordert, denn jedes muß Charakter haben, oder es ist nichts; aber der vollkommene Dichter spricht das Ganze der Menschheit aus.

Es leben jetzt mehrere so weit ausgebildete Menschen, die nur das ganz vortreffliche befriedigt, die aber nicht im Stande wären, auch nur etwas Gutes hervorzubringen. Sie können nichts machen, ihnen ist der Weg vom Subject zum Object verschlossen; aber eben dieser Schritt macht mir den Poeten.

Eben so gab und gibt es Dichter genug, die etwas Gutes und Charakteristisches hervorbringen können, aber mit ihrem Product jene hohen Forderungen nicht erreichen, ja nicht einmal an sich selbst machen. Diesen nun, sage ich, fehlt nur der Grad, jenen fehlt aber die Art, und dieß meine ich wird jetzt zu wenig unterschieden. Daher ein unnützer und niemals beizulegender Streit zwischen beiden, wobei die Kunst nichts gewinnt; denn die ersten welche sich auf dem vagen Gebiet des Absoluten aufhalten, halten ihren Gegnern immer nur die dunkle Idee des Höchsten entgegen, diese hingegen haben die That für sich, die zwar beschränkt, aber reell ist. Aus der Idee aber kann ohne die That gar nichts werden.

Ich weiß nicht, ob ich mich deutlich genug ausgedrückt habe, ich möchte Ihre Gedanken über diese Materie wissen, welche einem durch den jetzigen Streit in der ästhetischen Welt so nahe gelegt wird.

Von hier aus werde ich Ihnen wohl nicht mehr schreiben, denn ich denke auf den Mittwoch wieder nach Weimar zu kommen; vielleicht sind Sie dann wieder dort, und unsere Mittheilungen können alsdann wieder eröffnet werden.

Ich danke für die portugiesische Reisebeschreibung; sie ist nicht übel geschrieben, doch etwas dürftig und nicht ohne Ansprüche. Der Verfasser scheint mir zu den Verstandesmenschen zu gehören, die im Herzen feindlicher gegen Philosophie und Kunst gesinnt sind, als sie gestehen. Dieß hat zwar bei dieser Reisebeschreibung nicht viel zu sagen, aber des drückt sich doch aus und wird empfunden.

Leben Sie recht wohl und genießen Sie heitere Tage.

Sch.

H 809 | S 809 | B 811

Keine Kommentare

818. An Schiller

Weimar am 25. März 1801.

Eben bin ich im Begriff auf acht Tage nach Roßla zu gehen, nach deren Verlauf wir uns denn wohl wieder treffen werden, worauf ich mich sehr freue.

Wenn Ihr Aufenthalt in Jena nicht ganz so fruchtbar wird, wie Sie es hofften, so ist das das gewöhnliche Schicksal poetischer Vorsätze; indessen muß man auch das Wenigere mit Dank empfangen.

Ich schicke Ihnen eine portugiesische Reisebeschreibung, welche unterhaltend und lehrreich ist, und den Wunsch dieses Land zu besuchen, wohl schwerlich rege machen wird.

Beim Nachdenken übers Beharrende im Menschen, worauf sich die Phänomene der Cultur beziehen ließen, habe ich bis jetzt nur vier Grundzusätze gefunden:

des Genießens,
des Strebens,
der Resignation,
der Gewohnheit.

Überhaupt geht es bei einer solchen Betrachtung sonderbar, daß nämlich die Differenzen unter den Fällen verschwinden; doch eine gewisse Einheit ist ja was man bezwecken will.

Leben Sie recht wohl. Es hat sich inzwischen manches zugetragen, was Stoff zur Unterhaltung geben wird.

G.

H 808 | S 808 | B 810

Keine Kommentare

817. An Goethe

Jena, den 24. März 1801

Ich schreibe Ihnen nur ein paar Zeilen um das Botenmädchen nicht leer abgehen zu lassen, denn eben da ich mich zum Schreiben niedersetze, kommen meine zwei Philosophen in’s Zimmer. Vorgestern hatte ich Besuch von meiner Frau mit den Kindern und meinem jungen Vetter, der Adjutant bei der holländisch-französischen Armee ist. Er hat mir, für einen blutjungen Militair, der viele Jahre dieses Kriegs mitgemacht hat, sehr gesittet und einfach bescheiden geschienen.

Mit der Arbeit geht es ganz ordentlich, doch fürchte ich wird mich das lange Zögern der guten Jahrszeit und der ewige Wind binnen acht Tagen von hier wegtreiben.

Der vorletzte Act, den ich hier angefangen und fertig mitzubringen hoffe, ist die Ausbeute meines Hierseins.

Leben Sie recht wohl. Viele Grüße an Meyern.

Sch.

H 807 | S 807 | B 809

Keine Kommentare