651. An Schiller

Weimar, den 14. August 1799

Der erste Bogen des Almanachs ist nun unter der Presse, der Druck nimmt sich ganz artig aus. Der dritte Gesang ist nunmehr in meinen Händen, und ich will auch noch mein Mögliches daran thun. Freilich da ich selbst gegenwärtig an einer strengen Revision meiner eigenen Arbeiten bin, so erscheinen mir die Frauenzimmerlichkeiten unserer lieben kleinen Freundin noch etwas loser und lockerer als vorher, und wir wollen sehen wie wir uns eben durchhelfen. Das Ganze soll überschlagen werden, und es wird sich zeigen daß wir auf alle Fälle noch etwas dazu geben müssen. Lassen Sie sich allenfalls die Glocke nicht reuen, ich will auch mein Mögliches thun einen Beitrag zu schaffen, ob ich gleich bis jetzt weder wüßte was noch wie.

Da die obwaltenden Umstände Ihren Winteraufenthalt in Weimar dießmal sehr zweifelhaft machen, wenigstens in der ersten Zeit nicht daran zu denken ist, so läßt man freilich am besten die Sache vorerst noch auf sich beruhen; denn wäre es möglich gleich mit dem October hier einzutreffen, so sollte es an Moyens Ihren hiesigen Aufenthalt zu erleichtern von keiner Seite fehlen.

Der Aufenthalt im Garten wird von mir auf allerlei Weise so zweckmäßig als möglich benutzt, und ich habe das Vergnügen in manchem Sinne vorwärts zu kommen, wovon mich künftig die Mittheilung herzlich freuen soll.

Lassen Sie es ja an Concentration auf Ihre angefangene Arbeit nicht fehlen. Es ist doch im Grunde nichts wünschenswerther als eine große Masse zu organisiren.

Da ich so eben in das Schloß gehen muß und nicht weiß, ob ich zur rechten Zeit wieder komme, so will ich für dießmal meinen Brief schließen und Ihnen beiderseits recht wohl zu leben wünschen.

G.

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650. An Goethe

Jena, den 12. August 1799

Sie hätten mich durch Ihre Beschreibung des lebhaften Baugeschäftes bald verführt, auf einen Tag hinüber zur reisen, und die Einförmigkeit meiner bisherigen Lebensweise wieder einmal durch etwas ganz Heterogenes zu unterbrechen. Aber so noth es mir auch vielleicht thäte mir eine Zerstreuung zu machen, so sitze ich doch jetzt zu fest in meiner Arbeit und muß mich doppelt zusammennehmen weit darin vorwärts zu kommen, weil ich nicht weiß, wie viel Zeit und Stimmung das häusliche Evenement im Herbst mir rauben kann. Die Reise welche ich, um meiner Frau und mir selbst eine Veränderung zu machen, nach Rudolstadt vorhatte, bleibt auch auf einige Wochen verschoben, weil das Vogelschießen dort gerade jetzt einfällt und meine Schwiegermutter mit dem Hofe bisher entfernt gewesen. Wenn Sie also jetzt kommen können und wollen, so finden Sie uns zu Ihrem Empfange bereit. Wir haben hier die schönsten Tage recht genossen und benutzt.

Daß ich die Wintermonate künftighin in Weimar zubringe, ist bei mir nun eine beschlossene Sache. Die sinnliche Gegenwart des Theaters muß mir eine Menge faux-frais ersparen, die mir jetzt unvermeidlich sind, weil ich die Vorstellung der lebendigen Masse nicht habe, und auch der Stoff soll mir alsdann reichlicher zufließen. Diesen Winter werde ich zwar später dazu kommen, vielleicht erst mit Ende Januars, wegen der Frau und dem Kleinen. Vor der Hand hoffe ich mit der Charlotten wegen des Logis eine Übereinkunft treffen zu können, will mich aber doch auch wegen des Wertherischen Hauses erkundigen, weil es nicht übel für die Komödie gelegen ist. Auf dem Markte wohnte ich am liebsten, so wär ich Ihnen und meinem Schwager gleich nahe.

Der Herzog hat mir in diesem Frühjahr seinen Wunsch zu erkennen gegeben, daß ich öfters nach Weimar käme und länger da bliebe. Da ich ihm nun zugleich sehr leicht begreiflich machen kann, wie sehr ich mich selbst dabei besser befinden würde, so will ich mich mit geradem Vertrauen an ihn wenden und ihn bitten, daß er mir für die dadurch zuwachsenden größeren Kosten etwas zulegen möchte. Das Versprechen einer Zulage habe ich ohnehin seit fünf Jahren her von ihm und er ist immer gnädig gegen mich gewesen. Könnte ich übrigens durch meine Gegenwart in Weimar dem Theater Nutzen schaffen, wozu ich mich von ganzem Herzen erbiete, so würde die Sache sich noch einfacher abthun lassen.

Ich wünschte nur ein Wort von dem Gange des Drucks den Almanach betreffend zu erfahren, denn die Zeit bis Michaelis geht nun schon klein zusammen. Auch ist Meyer wohl so gut und läßt die Hexameter des ganzen Gedichtes zählen, daß ich bestimmt weiß wie viel Bogen es gibt. Etwas werde ich wohl für den Almanach geben müssen, um Cotta mein Wort zu halten, wenn auch die Glocke daran müßte.

Leben Sie recht wohl. Die Frau grüßt Sie bestens und sehnt sich auf Ihre Wiederkunft so wie ich.

Sch.

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649. An Schiller

Weimar, den 10. August 1799

Nachdem ich diese Woche ziemlich in der Einsamkeit meines Gartens zugebracht, habe ich mich wieder auf einen Tag in die Stadt begeben und zuerst das Schloß besucht, wo es sehr lebhaft zugeht. Es sind hundert und sechzig Arbeiter angestellt, und ich wünschte, daß Sie einmal die mannigfaltigen Handwerker in so einem kleinen Raume beisammen arbeiten sähen. Wenn man mit einiger Reflexion zusieht, so wird es sehr interessant die verschiedensten Kunstfertigkeiten, von der gröbsten bis zu der feinsten, wirken zu sehen. Jeder thut nach Grundsätzen und aus Übung das Seinige. Wäre nur immer die Vorschrift, wornach gearbeitet wird, die beste! denn leider kann auf diesem Wege ein geschmackvolles Werk so gut als eine barbarische Grille zu Stande kommen.

An den Gedichten wird immer ein wenig weiter gearbeitet und abgeschrieben.

Durch das Steinische Spiegelteleskop habe ich einen Besuch im Monde gemacht. Die Klarheit, mit welcher man die Theile sieht, ist unglaublich; man muß ihn im Wachsen und Abnehmen betrachten, wodurch das Relief sehr deutlich wird. Sonst habe ich noch mancherlei gelesen und getrieben. Denn in einer so absoluten Einsamkeit, wo man durch gar nichts zerstreut und auf sich selbst gestellt ist, fühlt man erst recht und lernt begreifen wie lang ein Tag sey.

Es ist keine Frage daß Sie unendlich gewinnen würden, wenn Sie eine Zeit lang in der Nähe eines Theaters seyn könnten. In der Einsamkeit steckt man diese Zwecke immer zu weit hinaus. Wir wollen gerne das Unsrige dazu beitragen, um das Vorhaben zu erleichtern. Die größte Schwierigkeit ist wegen eines Quartiers. Da Thouret wahrscheinlich erst zu Ende des Septembers kommt, so wird man ihn wohl den Winter über festhalten. Das wegen Gespenster berüchtigte gräflich Wertherische Haus, das für jemanden der das Schauspiel fleißig besuchen will bequem genug liegt, ist so viel ich weiß zu vermiethen; es wäre wohl der Mühe werth das Gebäude zu entzaubern.

Lassen Sie uns der Sache weiter nachdenken. Leben Sie indessen wohl und grüßen Ihre liebe Frau.

G.

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648. An Goethe

Jena, den 9. August 1799

Zu den prosodischen Verbesserungen in den Gedichten gratulire ich. Zu dem letzten Artikel in unserm Schema, zur Vollendung, gehört unstreitig auch diese Tugend, und der Künstler muß hierin etwas vom Punctirer lernen. Es hat mit der Reinheit des Sylbenmaßes die eigene Bewandtniß daß sie zu einer sinnlichen Darstellung der innern Nothwenigkeit des Gedankens dient, da im Gegentheil eine Licenz gegen das Sylbenmaß eine gewisse Willkürlichkeit fühlbar macht. Aus diesem Gesichtspunct ist sie ein großes Moment und berührt sich mit den innersten Kunstgesetzen.

In Rücksicht auf den jetzigen Zeitmoment muß es jeden der für den guten Geschmack interessirt ist, freuen, daß Gedichte, welche einen entschiedenen Kunstwerth haben, sich auch noch diesem Maßstab unterwerfen. So wird die Mittelmäßigkeit am besten bekämpft, denn sowohl der, welcher kein Talent hat als correcte Verse zu machen und bloß für das Ohr arbeitet, als auch der andre, welcher sich für zu original hält, um auf das Metrum den gehörigen Fleiß zu wenden, werden dadurch zum Schweigen gebracht.

Weil aber die prosodische Gesetzgebung selbst noch nicht durchaus im Klaren ist, so werden immer bei dem besten Willen streitige Puncte in der Ausführung übrig bleiben, und da Sie einmal über die Sache so viel nachgedacht, so thäten Sie vielleicht nicht übel, wenn Sie in einer Vorrede oder wo es schicklich ist, Ihre Grundsätze darüber aussprächen, daß man das für keine bloße Licenz oder Übertretung halte, was aus Principien geschieht.

Der Gedanke einige Kupfer zu dem Werke zu geben, ist recht gut. Sie können gut bezahlt und folglich auch gut gemacht werden; aber ich wäre dafür daß Sie der allgemeinen Neigung so weit nachgäben und keine andere als individuelle Darstellungen wählten. Die Katastrophe der Braut ist sehr passend, auch aus Alexis und Dora, aus den römischen Elegien und den venetianischen Epigrammen ließen sich Gegenstände wählen, wofür unser Freund Meyer vorzüglich berufen wäre.

Ich bin recht verlangend zu erfahren, wie weit Sie, wenn Sie hieher kommen, in diesem Redactionsgeschäfte gelangt sind. Einzelne Streitfragen in Absicht auf das metrische werden uns angenehm und lehrreich beschäftigen.

Nicht weniger verlangend bin ich, Ihnen alsdann auch meine bisherigen Acta vorzulegen, worüber ich selbst noch keine gültige Stimme habe. Lebhaft aber fühle ich mit jedem Tage das Bedürfniß theatralischer Anschauungen und werde mich schlechterdings entschließen müssen, die Wintermonate in Weimar zuzubringen. Die ökonomischen Mittel zu Realisirung dieser Sache sollen mich zunächst beschäftigen.

Leben Sie nun recht wohl in Ihrer Einsamkeit. Ob und wann ich meine kleine Reise antrete, kann ich heut noch nicht bestimmen. Die Frau grüßt Sie auf’s beste.

H 641 | S 639 | B 642

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647. An Schiller

Weimar, den 7. August 1799

In meiner Garteneinsamkeit fahre ich an meiner Arbeit recht eifrig fort und die reinliche Abschrift fördert gleichfalls. Noch kann ich selbst nicht sagen wie es mit der Sammlung werden wird, eins fordert das andere. Mein gegenwärtiger Aufenthalt erinnert mich an einfachere und dunklere Zeiten, die Gedichte selbst an mannigfaltige Zustände und Stimmungen. Ich will nur sachtehin immer das nächste thun und eins aus dem andern folgen lassen.

Die Epigramme sind, was das Sylbenmaß betrifft, am liederlichsten gearbeitet und lassen sich glücklicherweise am leichtesten verbessern, wobei oft Ausdruck und Sinn mit gewinnt. Aus den römischen Elegien habe ich manchen prosodischen Fehler, und ich hoffe mit Glück, weggelöscht. Bei passionirten Arbeiten, wie z. B. Alexis und Dora, ist es schon schwerer, doch muß man sehen wie weit man’s bringen kann und am Ende sollen Sie, mein Freund, die Entscheidung haben. Wenn man solche Verbesserungen auch nur theilweise zu Stande bringt, so zeigt man doch immer seine Perfectibilität, so wie auch Respect für die Fortschritte in der Prosodie welche man Vossen und seiner Schule nicht absprechen kann.

Überhaupt müßte diese Sammlung in manchem Sinne wenn es mir gelingt als ein Fortschritt erscheinen.

Meyer will ein halb Dutzend Zeichnungen dazu liefern, etwa nur ein Paar unmittelbaren Bezugs, oder wie man sagen möchte historischen Inhalts, z. B. die Katastrophe der Braut von Corinth. Andere müßten einen entfernteren symbolischen Bezug haben.

Indem ich nun dergestalt aus dem Alten nach dem Neuen zu arbeite, ist mir die Hoffnung gar erfreulich daß mich bei Ihnen etwas ganz Neues erwarte, wovon ich so gut als gar keine Idee habe. Seyn Sie fleißig, wenn es die Umstände erlauben wollen, und vollbringen glücklich Ihre Rudolstädter Fahrt. Lassen Sie August manchmal bei sich gut aufgenommen seyn. Da ich nicht nach Jena entweichen konnte, so mußten die Meinigen entweichen; denn dabei bleibt es nun einmal: daß ich ohne absolute Einsamkeit nicht das mindeste hervorbringen kann. Die Stille des Gartens ist mir auch daher vorzüglich schätzbar.

Nochmals ein Lebewohl und einen Gruß an Ihre liebe Frau.

G.

H 640 | S 638 | B 641

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646. An Goethe

Jena, den 6. August 1799

Ich habe mich heut in meiner Arbeit verspätet, und habe nur noch Zeit, Ihnen einen freundlichen Gruß zu sagen. Es freut mich zu hören, daß Sie an Ihre Gedichte gegangen sind, und daß diese Sammlung nun gedruckt wird. Das Fach der Episteln und Balladen ist’s allein, so viel ich weiß, worin Sie noch keine Masse haben, wenn Sie nicht etwa noch die Idyllen zu vermehren wünschen. Die Elegien, Epigramme und Lieder sind aber desto reicher besetzt. Hoffentlich bleiben Sie bei Ihrem Vorsatz, jedes Ihrer Lieder, wo es auch in größern Werken vorkommt, in die Sammlung aufzunehmen. Es wird eine reiche und erfreuliche Sammlung werden, wenn sie auch nicht nach Ihrer eignen höhern Forderung ausgeführt wird, und was jetzt nicht geschieht, kann ein andermal geschehen, da ein solches Werk ohnehin in drei bis vier Jahren vergriffen ist.

Ich hätte gern diesen neuen Almanach auch noch mit einigen Kleinigkeiten begabt, aber es fehlt mir an aller Stimmung dazu, weil die dramatische Arbeit jede andre ableitet. In dieser geht es bis jetzt in seiner Ordnung fort, und wenn meine kleine Reise nach Rudolstadt, die ich projectirt habe, mir keine zu starke Diversion macht, so kann ich den zweiten Act noch in diesem Monat beschließen.

Leben Sie bestens wohl in Ihrer Einsamkeit. August hat vorgestern meinen Kleinen eine recht große Freude mit seinem Besuch gemacht. Die Frau grüßt Sie schönstens. Parny folgt hier mit vielem Dank zurück.

Sch.

H 639 | S 637 | B 640

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645. An Schiller

Weimar, den 3. August 1799

Meine Einsamkeit im Garten wende ich vor allen Dingen dazu an, daß ich meine kleinen Gedichte, die Unger nunmehr zum siebenten Band verlangt hat, noch näher zusammenstelle und abschreiben lasse. Zu einer solchen Redaction gehört Sammlung, Fassung und eine gewisse allgemeine Stimmung. Wenn ich noch ein paar Dutzend neue Gedichte dazuthun könnte, um gewisse Lücken auszufüllen und gewisse Rubriken, die sehr mager ausfallen, zu bereichern, so könnte es ein recht interessantes Ganze geben. Doch wenn ich nicht Zeit finde das Publicum zu bedenken, so will ich wenigstens so redlich gegen mich selbst handeln, daß ich mich von dem überzeuge was ich thun sollte, wenn ich es auch gerade jetzt nicht thun kann. Es gibt für die Zukunft leitende Fingerzeige.

Milton’s verlornes Paradies, das ich Nachmittags lese, gibt mir zu vielen Betrachtungen Stoff, die ich Ihnen bald mitzutheilen wünsche. Der Hauptfehler den er begangen hat, nachdem er den Stoff einmal gewählt hatte, ist daß er seine Personen, Götter, Engel, Teufel, Menschen, sämmtlich gewissermaßen unbedingt einführt und sie nachher, um sie handeln zu lassen, von Zeit zu Zeit, in einzelnen Fällen, bedingen muß, wobei er sich denn, zwar auf eine geschickte, doch meistens auf eine witzige Weise zu entschuldigen sucht. Übrigens bleibt’s dabei daß der Dichter ein fürtrefflicher und in jedem Sinne interessanter Mann ist, dessen Geist des Erhabenen fähig ist, und man kann bemerken daß der abgeschmackte Gegenstand ihn bei dieser Richtung oft mehr fördert als hindert, ja dem Gedicht bei Lesern, die nun einmal den Stoff gläubig verschlucken, zum großen Vortheil gereichen muß.

Übrigens hat es noch manches gegeben wovon ich schweige, weil der Brief in die Stadt soll. Wann ich kommen kann, darüber will ich lieber nichts sagen, weil ich es noch nicht genau bestimmen kann. Lassen Sie sich daher von Ihrer kleinen Reise nicht abhalten. Leben Sie recht wohl und grüßen Ihre liebe Frau.

G.

H 638 | S 636 | B 639

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644. An Goethe

Jena, den 2. August 1799

Ich wünsche Ihnen Glück zum Auszug in den Garten, von dem ich mir gute Folgen für die productive Thätigkeit verspreche. Nach der langen Pause die Sie gemacht, wird es nur der Einsamkeit und ruhigen Sammlung bedürfen, um den Geist zu entbinden.

Indem Sie Milton’s Gedicht vor die Hand genommen, habe ich den Zeitraum in dem es entstanden und durch den es eigentlich wurde, zu durchlaufen Gelegenheit gehabt. So schrecklich die Epoche war, so muß sie doch für das dichterische Genie erweckend gewesen seyn; denn der Geschichtschreiber hat nicht unterlassen mehrere in der englischen Poesie berühmte Namen unter den handelnden Personen aufzuführen. Hierin ist jene Revolutionsepoche fruchtbarer als die französische gewesen, an die sie einen sonst oft erinnert. Die Puritaner spielen so ziemlich die Rolle der Jakobiner, die Hülfsmittel sind oft dieselben und eben so der Ausschlag des Kampfs. Solche Zeiten sind recht dazu gemacht Poesie und Kunst zu verderben, weil sie den Geist aufregen und entzünden, ohne ihm einen Gegenstand zu geben. Er empfängt dann seine Objecte von innen und die Mißgeburten der allegorischen, der spitzfindigen und mystischen Darstellung entstehen.

Ich erinnere mich nicht mehr, wie Milton sich bei der Materie vom freien Willen heraushilft, aber Kant’s Entwicklung ist mir gar zu mönchisch, ich habe nie damit versöhnt werden können. Sein ganzer Entscheidungsgrund beruht darauf, daß der Mensch einen positiven Antrieb zum Guten, so wie zum sinnlichen Wohlseyn habe; er brauche also auch, wenn er das Böse wählt, einen positiven innern Grund zum Bösen, weil das Positive nicht durch etwas bloß Negatives aufgehoben werden könne. Hier sind aber zwei unendlich heterogene Dinge, der Trieb zum Guten und der Trieb zum sinnlichen Wohl völlig als gleiche Potenzen und Quantitäten behandelt, weil die freie Persönlichkeit ganz gleich gegen und zwischen beide Triebe stellt wird.

Gottlob, daß wir nicht berufen sind, das Menschengeschlecht über diese Frage zu beruhigen, und immer im Reich der Erscheinung bleiben dürfen. Übrigens sind diese dunkle Stellen in der Natur des Menschen für den Dichter und den tragischen insbesondre nicht leer, und noch weniger für den Redner, und in der Darstellung der Leidenschaften machen sie kein kleines Moment aus.

Sagen Sie mir doch in Ihrem nächsten Brief, wann man uhngefähr den Herzog in Weimar zurück erwartet und also Ihre eigene Hieherkunft in Jena bestimmen kann. Ich wünschte es darum zu wissen, weil eine kleine Riese davon abhängen könnte, die ich vielleicht mit meiner Frau auf ein paar Tage mache, und um derentwillen ich nicht gern einen Tag Ihres Hierseyns versäumen möchte.

Die Frau dankt Ihnen herzlich für Ihren Antheil.

Leben Sie recht wohl und erfreuen sie mich bald mit der Nachricht, daß die poetische Stunde geschlagen hat.

Sch.

H 637 | S 635 | B 638

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643. An Schiller

Weimar, den 31. Juli 1799

Es ist recht hübsch daß ich Ihnen, in dem Augenblick da ich die Production ausschließlich preise und anempfehle, auf eine doppelte Weise dazu Glück wünschen kann. Möge in beiden Fällen alles glücklich von Statten gehen.

Ich konnte voraussehen daß Parny Ihnen Vergnügen machen würde. Er hat aus dem Sujet eine Menge sehr artiger und geistreicher Motive gezogen, und stellt auch recht lebhaft und hübsch dar. Nur ist er, dünkt mich, in Disposition und Gradation der Motive nicht glücklich, daher dem Ganzen die Einheit fehlt. Auch scheint mir der äußere Endzweck, die christkatholische Religion in den Koth zu treten, offenbarer als es ich für einen Poeten schicken will. Es kam mir vor als wenn dieses Büchlein expreß von den Theophilanthropen bestellt seyn könnte.

Allerdings passen diese und ähnliche Gegenstände besser zu komischen als zu ernsthafen Epopöen. Milton’s verlornes Paradies, das ich diese Tage zufällig in die Hand nahm, hat mir zu wunderbaren Betrachtungen Anlaß gegeben. Auch bei diesem Gedichte, wie bei allen modernen Kunstwerken, ist es eigentlich das Individuum das sich dadurch manifestirt, welches das Interesse hervorbringt. Der Gegenstand ist abscheulich, äußerlich scheinbar und innerlich wurmstichig und hohl. Außer den wenigen natürlichen und energischen Motiven ist eine ganze Partie lahme und falsche, die einem wehe machen. Aber freilich ist es ein interessanter Mann der spricht, man kann ihm Charakter, Gefühl, Verstand, Kenntnisse, dichterische und rednerische Anlagen und sonst noch mancherlei Gutes nicht absprechen. Ja der seltsame einzige Fall daß er sich als verunglückter Revolutionair besser in die Rolle des Teufels als des Engels zu schicken weiß, hat einen großen Einfluß auf die Zeichnung und Zusammensetzung des Gedichts, so wie der Umstand daß der Verfasser blind ist auf die Haltung und das Colorit desselben. Das Werk wird daher immer einzig bleiben, und, wie gesagt, so viel ihm auch an Kunst abgehen mag, so sehr wird die Natur dabei triumphiren.

Unter andern Betrachtungen bei diesem Werke war ich auch genöthigt über den freien Willen, über den ich mir sonst nicht leicht den Kopf zerbreche, zu denken; er spielt in dem Gedicht, so wie in der christlichen Religion überhaupt, eine schlechte Rolle. Denn sobald man den Menschen von Haus aus für gut annimmt, so ist der freie Willen das alberne Vermögen aus Wahl vom Guten abzuweichen und sich dadurch schuldig zu machen; nimmt man aber den Menschen natürlich als bös an, oder, eigentlicher zu sprechen, in dem thierischen Falle unbedingt man seinen Neigungen hingezogen zu werden, so ist alsdann der freie Wille freilich eine vornehme Person, die sich anmaßt aus Natur gegen die Natur zu handeln. Man sieht daher auch wie Kant nothwendig auf ein radicales Böse kommen mußte und woher die Philosophen, die den Menschen von Natur so scharmant finden, in Absicht auf die Freiheit desselben so schlecht zu rechte kommen, und warum sie sich so sehr wehren wenn man ihnen das Gute aus Neigung nicht hoch anrechnen will. Doch mag das bis zur mündlichen Unterredung aufgehoben seyn, so wie die Reinholdischen Erklärungen über dne Fichte’schen Atheismus.

Den Brief an Lavatern hierüber habe ich angefangen zu lesen. Reinhold’s Ausführung scheint mir überhaupt psychologisch sehr unterrichtend und läuft wie mir scheint am Ende auf das alte Dictum hinaus: daß sich jeder seine eigne Art von Gott macht und daß man Niemand den seinigen weder nehmen kann noch soll.

Um meiner von allen Seiten geräuschvollen Nachbarschaft zu entgehen, habe ich mich entschlossen in den Garten zu ziehen, um dort die Ankunft des Herzogs und Geheimen Rath Voigt’s zu erwarten, welche mich öffentlich von meinem gegenwärtigen Posten ablösen wird.

Ob die Einsamkeit des Ilmthals zu dem Einzigen was Noth ist viel helfen wird, muß die Zeit lehren.

Leben Sie recht wohl und grüßen Ihre liebe Frau. Unsere nächste Zusammenkunft wird desto erfreulicher werden, je mehr sie bisher gehindert worden ist; denn wir haben indeß jeder für sich doch wieder manches erfahren dessen Mittheilung interessant genug seyn wird.

G.

H 636 | S 634 | B 637

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642. An Goethe

Jena, den 30. Juli 1799

Ich habe Sie am Sonnabend mit fester Zuversicht erwartet, und deßwegen auch den Philosophenklubb absagen lassen, um den ersten Abend desto ungestörter mit Ihnen zuzubringen. Desto betrübter war ich als ich aus Ihrem Brief meine Hoffnung zerrinnen und ganz in’s Unbestimmte sich wieder verlieren sah.

Mir bleibt nun nichts übrig, als mich, so lang es gehen will, in das Produciren zu werfen, weil die Mittheilung mangelt. Ich bin auch schon ganz ernstlich im zweiten Acte bei meiner königlichen Heuchlerin. Der erste ist abgeschrieben und erwartet Sie bei Ihrer Ankunft.

Sie haben wohl recht, daß man sich der theoretischen Mittheilung gegen die Menschen lieber enthalten und hervorbringen muß. Das Theoretische setzt das Praktische voraus und ist also schon ein höheres Glied in der Kette. Es scheint auch daß eine selbstständigere Imagination dazu gehört, als um die wirkliche Gegenwart eines Kunstwerks zu empfinden, bei welchem der Dichter und Künstler der trägern oder schwächern Einbildungskraft des Zuhörers und Betrachters zu Hülfe kommt, und den sinnlichen Stoff liefert.

Auch ist nicht zu läugnen, daß die Empfindung der meisten Menschen richtiger ist als ihr Raisounement. Erst mit der Reflexion fängt der Irrthum an. Ich erinnre mich auch recht gut mehrerer unserer Freunde, denen ich mich nicht schämte durch eine Arbeit zu gefallen, und mich doch sehr hüten würde ihnen Rechenschaft von ihrem Gefühl abzufordern.

Wenn dieß auch nicht wäre, wer möchte ein Werk ausstellen mit dem er zufrieden ist? Und doch kann der Künstler und Dichter dieser Neigung nicht Herr werden.

Die zwei Damen haben mich neulich wirklich besucht und für sie zu Hause gefunden. Die kleine hat eine sehr angenehme Bildung, die selbst durch ihren Fehler am Aug nicht ganz verstellt werden konnte. Sie gaben mir den Trost, daß die Furcht vor der Schnecke die alte Großmutter wohl von der Herreise abschrecken würde. Von dem eleganten Diner bei Ihnen wußten sie viel zu erzählen. Der Relation, welche Meyer von diesen Erscheinungen machen wird, seh’ ich mit Begierde entgegen.

Die Frau grüßt Sie auf’s beste. Sie ist auch in einer Krisis, auf ihre Weise, und wird mir um einige Monate zuvorkommen. Leben Sie recht wohl und möge ein guter Geist und bald zusammen führen.

Ich vergaß von den neulich überschickten Sachen zu schreiben. Das Jacobische Werk habe ich noch nicht recht betrachtet, aber das Gedicht ist lustig genug und hat scharmante Einfälle.

Sch.

H 635 | S 633 | B 636

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