Weimar, 17. August 1795
Hierbei überschicke ich einige Stücke Horen, die ich überflüssig habe. Können Sie mir dagegen gelegentlich Nr. I. und II. auf Schreibpapier, und Nr. IV. auf holländisch Papier verschaffen, so wären meine übrigen Exemplare complet.
Da Meyer nun sich zur Abreise anschickt, werden wir Sie bald möglichst besuchen, um uns Ihren Rath und Segen zu erbitten.
Grüßen Sie die liebe Frau und leben recht wohl.
G.
H 89 | S 87 | B 87
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Jena, 17. August 1795
Ich nahm Ihre neuliche Zusage nach dem Buchstaben und rechnete darauf, Sie morgen, als den Dienstag, gewiß hier zu sehen: dieß ist Ursache, daß ich den Meister so lange behielt, und Ihnen auch nichts darüber schrieb. Sehr hätte ich gewünscht mit Ihnen über das fünfte Buch mündlich zu sprechen, weil man sich in einem Brief nicht auf alles besinnt, und zu solchen Sachen der Dialog unentbehrlich ist. Mir däucht daß Sie den Gegenstand von keiner glücklichern Seite hätte fassen können, als die Art ist wie Sie den stillen Verkehr der Person mit dem Heiligen in sich eröffnen. Dieses Verhältniß ist zart und fein, und der Gang, den Sie es nehmen lassen, äußerst übereinstimmend mit der Natur.
Der Übergang von der Religion überhaupt zu der christlichen, durch die Erfahrung der Sünde, ist meisterhaft gedacht. Überhaupt sind die leitenden Ideen des Ganzen trefflich, nur, fürchte ich, etwas zu leise angedeutet. Auch will ich Ihnen nicht dafür stehen, daß nicht manchen Lesern vorkommen wird, als wenn die Geschichte stille stände. Hätte sich manches näher zusammenrücken, anderes kürzer fassen, hingegen einige Hauptideen mehr ausbreiten lassen, so würde es vielleicht nicht übel gewesen seyn. Ihr Bestreben durch Vermeidung der trivialen Terminologie der Andacht ihren Gegenstand zu purificiren und gleichsam wieder ehrlich zu machen, ist mir nicht entgangen; aber einige Stellen habe ich doch angestrichen, an denen, wie ich fürchte, ein christliches Gemüth eine zu leichtsinnige Behandlung tadeln könnte.
Dieß wenige über das, was Sie gesagt und angedeutet. Dieser Gegenstand ist aber von einer solchen Art, daß man auch über das was nicht gesagt ist, zu sprechen versucht wird. Zwar ist dieses Buch noch nicht geschlossen, und ich weiß also nicht, was etwa noch nachkommen kann, aber die Erscheinung des Oheims und seiner gesunden Vernunft scheint mir doch eine Krise herbeizuführen. Ist dieses, so scheint mir die Materie doch zu schnell abgethan: denn mir däucht, daß über das Eigenthümliche christlicher Religion und christlicher Religionsschwärmerei noch zu wenig gesagt sey; daß dasjenige, was diese Religion einer schönen Seele seyn kann, oder vielmehr was eine schöne Seele daraus machen kann, noch nicht genug angedeutet sey. Ich finde in der christlichen Religion virtualiter die Anlage zu dem Höchsten und Edelsten, und die verschiedenen Erscheinungen derselben im Leben scheinen mir bloß deßwegen so widrig und abgeschmackt, weil sie verfehlte Darstellungen dieses Höchsten sind. Hält man sich an den eigentlichen Charakterzug des Christenthums, der es von allen monotheistischen Religionen unterscheidet, so liegt er in nichts anderem als in der Aufhebung des Gesetzes, des Kantischen Imperativs, an dessen Stelle das Christenthum eine freie Neigung gesetzt haben will. Es ist also, in seiner reinen Form, Darstellung schöner Sittlichkeit oder der Menschwerdung des Heiligen, und in diesem Sinn die einzige ästhetische Religion; daher ich es mir auch erkläre, warum diese Religion bei der weiblichen Natur so viel Glück gemacht, und nur in Weibern noch in einer gewissen erträglichen Form angetroffen wird. Doch ich mag in einem Brief über diese kitzliche Materie nichts weiter vorbringen, und bemerke bloß noch, daß ich diese Saite ein wenig hätte mögen anklingen hören.
Ihre Wünsche, die Epigramme betreffend, sollen pünktlich erfüllt werden. Die Druckfehler in den Elegien haben mich auch sehr verdrossen, und ich habe den wichtigsten im Intelligenzblatt der Lit. Z. sogleich anzeigen lassen; es sind aber Fehler des Copisten, nicht des Setzers, und lassen sich also künftig um so eher verhüten.
Mit der Ausführung dessen, was Sie für die restirenden Monate in die Horen versprechen, werden Sie mir große Freude machen, und noch einmal wiederhole ich meine Fürbitte wegen Faust. Lassen Sie es auch nur eine Scene von zwei oder drei Seiten seyn. Das Mährchen wird mich recht herzlich erfreuen, und die Unterhaltung für dieses Jahr schön schließen.
Ich habe in dieser Woche mich zwar körperlich nicht besser befunden, aber doch Lust und Laune zu einigen Gedichten gehabt, die meine Sammlung vermehren werden.
Meine Frau wünscht zu erfahren, ob die Nadeln, in welche Sie das sechste Buch neulich gepackt haben, Symbole von Gewissensbissen vorstellen sollen.
Leben Sie recht wohl. Ich sehne mich Sie bald zu sehen und unsern Freund Meyer.
Schiller.
H 88 | S 86 | B 86
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Weimar, 17. August 1795
Hier schicke ich Ihnen endlich die Sammlung Epigramme, auf einzelnen Blättern, numerirt, und um der bessern Ordnung willen noch ein Register dabei; meinen Namen wünschte ich aus mehreren Ursachen nicht auf dem Titel. Mit den Motto’s halte ich für rathsam auf die Antiquität hinzudeuten.
Bei der Zusammenstellung habe ich zwar die zusammengehörigen hintereinander rangirt, auch eine gewisse Gradation und Mannigfaltigkeit zu bewirken gesucht, dabei aber, um alle Steifheit zu vermeiden, vorn herein unter das venetianische Local Vorläufer der übrigen Arten gemischt. Einige die Sie durchstrichen hatten, habe ich durch Modification annehmlich zu machen gesucht. Nro. 78 wünsche ich, so unbedeutend es ist, an diesem Platze, um die Schule zu reizen und zu ärgern, die, wie ich höre, über mein Stillschweigen triumphirt und ausstreut: ich würde die Sache fallen lassen. Haben Sie sonst noch ein Bedenken, so theilen Sie mir es mit, wenn es die Zeit erlaubt, wo nicht, so helfen Sie ihm selbst ohne Anstand ab.
Ich wünschte einige Exemplare von diesem Büchlein besonders zu erhalten, um sie zum Gebrauch bei einer künftigen neuen Ausgabe bei Seite zu legen.
Wollten Sie wegen der Druckfehler noch besondere Warnung ergehen lassen; in den Elegien sind einige sehr unangenehme eingeschlichen.
Sobald der Almanach heraus ist, könnte man zu den Elegien und Epigrammen kurze Noten machen, dabei der Druckfehler erwähnen und den Aufsatz in die Horen einrücken, welches von mancherlei Nutzen seyn würde; wie leicht könnte man dieser wirklich unentbehrlichen Noten am Ende des Büchleins mit einigen Worten gedenken.
Ich schicke dieses Paket durch einen Boten, damit es Ihnen so früh als möglich zukomme, und damit ich den Roman wieder zurück erhalte, mit welchem ich auch nicht länger zaudern darf.
Ich sehe voraus, daß ich Anfang Septembers nach Ilmenau muß, und daß ich unter zehn bis vierzehn Tagen dort nicht loskomme; bis dahin liegt noch vielerlei auf mir und ich wünschte noch von Ihnen zu wissen, was Sie zu den Horen bedürfen. Soviel ich übersehe, könnte ich folgendes leisten:
August.
Unterhaltungen, Schluß der letzten Gedichte. Hymnus, den ich mir zu diesem Ende zurück erbitte.
September.
Drama und Roman.
Das Mährchen. Ich würde die Unterhaltungen damit schließen, und es würde vielleicht nicht übel seyn, wenn sie durch ein Product der Einbildungskraft gleichsam in’s Unendliche ausliefen.
October.
Fortsetzung des Mährchens.
Noten zu den Elegien und Epigrammen.
November.
December.
Ankündigung von Cellini, und wenn es möglich wäre, etwas von Faust.
Mit diesem letzten geht mir’s wie mit einem Pulver das sich aus seiner Auflösung nun einmal niedergesetzt hat; so lange Sie dran rütteln, scheint es sich wieder zu vereinigen, sobald ich wieder für mich bin, setzt es sich nach und nach zu Boden.
Schreiben Sie mir vor allem wie Sie sich befinden und wie Ihre Arbeiten gehn, und leben recht wohl.
G.
H 87 | S 85 | B 85
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Jena, 11. August 1795
Die Erwartung steigt noch immer, aber man sieht doch schon von ferne, daß der Wald anfängt lichter zu werden. Die Erinnerung an Marianen thut viel Wirkung und Mignon wächst mit jedem Buch mehr heran. Der düstre Harfenspieler wird immer düstrer und geisterhafter, und Philine gefällt mir noch immer trefflich wohl. Man freut sich wie Sie in diesem Buch vorhergegangene Personen und Scenen wieder in’s Gedächtniß bringen.
Der vielen Schriftstellernamen wegen, auch wegen einiger Ungleichheiten in der Schreibart (bald des Publicums, bald des Publici u.s.w.) ist noch viel Aufmerksamkeit zu empfehlen. In dem Gedicht am Schluß haben Sie ein Wort lang gebraucht, das durch die Stellung nothwendig kurz wird, und ein Zeitwort kurz, das lang bleiben muß.
Verzeihen Sie mein Geschmiere. Ich muß eilen, um das Manuscript nicht länger aufzuhalten.
Bald hoffe ich wieder von Ihnen zu hören und wünsche Glück zur Ankunft in Weimar. Meyern meinen freundlichen Gruß.
Sch.
H 86 | S 84 | B 84
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Karlsbad, Anfang August 1795
[Fehlt, bei Schiller am 7. August 1795 eingegangen.]
Vgl. S S. 880
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Carlsbad, den 29. Juli 1795
Ein Brief kann doch noch früher als ich selbst ankommen, darum will ich Ihnen für Ihr letztes danken. Ihr erster Brief war eilf Tage unterwegs, der zweite fünf und der letzte sieben. So ungleich gehen die Posten hierher.
Es thut mir leid, daß Sie inzwischen aus Noth gefeiert haben, indeß meine Tagedieberei willkürlich genug war. Ich habe mein einmal angefangenes Leben fortgesetzt, nur mit der Gesellschaft existirt und mich dabei ganz wohl befunden. Man könnte hundert Meilen reisen und würde nicht so viel Menschen und so nah sehn. Niemand ist zu Hause, deswegen ist jeder zugänglicher und zeigt sich doch auch eher von seiner günstigen Seite. Das fünfte Buch ist abgeschrieben, und das sechste kann in einigen Tagen fertig seyn. An den Epigrammen ist wenig geschehen und sonst gar nichts.
Ich wünsche Glück zu den neuen Beiträgen und bin neugierig sie zu lesen.
Nach Ihnen ist viel Nachfrage und ich antworte je nachdem die Menschen sind. Überhaupt hat das Publicum nur den dunkelsten Begriff vom Schriftsteller. Man hört nur uralte Reminiscenzen; von seinem Gange und Fortschritte nehmen die wenigsten Notiz. Doch muß ich billig seyn und sagen, daß ich einige gefunden habe, die hierin eine merkwürdige Ausnahme machen.
Das sechste Stück der Horen ist noch nicht in diese Gebirge gedrungen; ich habe bei Calve von Prag schon Beschlag darauf gelegt.
Leben Sie wohl, grüßen Sie die liebe Frau.
G.
H 85 | S 83 | B 83
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Jena, den 20. Juli 1795
Daß ich seit den letzten zwölf Tagen mich schlimm befunden, und dadurch abgehalten worden, Ihnen Nachricht von mir zu geben, hat meine Frau Ihnen geschrieben. Hoffentlich haben Sie diesen und einen Brief von mir, der vier Tage nach Ihnen von hier abging, richtig erhalten.
Der Ihrige hat mich sehr erfreut, und ich wünsche herzlich, daß Ihnen die Heinse’sche Maske recht viele freundliche Abenteuer zuwenden möge. Ich halte es für gar nichts schlechtes, sich unter einer solchen Firma bei Damen wohl aufgenommen zu sehen, denn das schwierigste ist alsdann schon abgethan.
Ich bin gleich ungeduldig zu hören, wie Sie mit Ihrer Gesundheit und mit Ihren Beschäftigungen vorwärts gerückt sind. Auf den Rest des fünften Buchs freue ich mich sehr. Was ich indessen von dem Centaur erfahren, klang noch ganz gut. Über die Elegien freut sich alles und niemand denkt daran, sich daran zu skandalisiren. Die eigentlich gefürchteten Gerichtshöfe haben freilich noch nicht gesprochen. Auch ich habe über meinen Antheil an dem Centaur mein Theil Lob weg, ja ich bin noch glücklicher sogar als Sie; denn kaum acht Tage nach Erscheinung dieses Stücks erhielt ich von einem Leipziger Schriftsteller ein förmliches Gedicht zu meinem Lobe.
Es sind unterdessen zwei neue Aufsätze von Orten, wo ich nichts erwartete, für die Horen eingelaufen. Der eine darunter handelt von griechischer und gothischer Baukunst, und enthält, in einem ziemlich vernachlässigten Styl und bei vielem Unbedeutenden, manchen sinnreichen Einfall. Nach langen Deliberationen, ob ich ihn aufnehmen solle, bestimmte mich die Zweckmäßigkeit und Neuheit des Gegenstandes für die Horen, besonders da er nicht groß ist, ihn aufzunehmen. Der zweite, auch nicht einmal einen Bogen stark, untersucht die Ideen der Alten vom Schicksal. Er ist von einem vortrefflichen Kopf und scharfen Denker, und ich werde ihn daher ohne Anstand brauchen können. Erst vor einer Stunde erhielt ich ihn.
Jacobi hat nun seine Abhandlung geschickt. Sie enthält viel Vortreffliches besonders über die Billigkeit in Beurtheilung fremder Vorstellungsarten, und athmet durchaus eine liberale Philosophie. Den Gegenstand kann ich nicht wohl bestimmen. Unter der Aufschrift: Zufällige Ergießungen eines einsamen Denkers (in Briefen an Ernestine), wird von mancherlei Dingen gehandelt.
Von Herdern habe ich weder Manuscript noch Nachricht seit vielen Wochen. Humboldt ist glücklich angelangt, hat aber seine Mutter sehr krank angetroffen.
Meine Poesien rücken sehr langsam vorwärts, da ich ganze Wochen lang zu jeder Arbeit untüchtig war. Etwas sollen Sie aber doch finden, wenn Sie kommen. Von hiesigen Novitäten weiß ich Ihnen gar nichts zu schreiben.
Leben Sie recht wohl, und der Himmel bringe Sie gesund und heiter zurück.
Sch.
H 84 | S 82 | B 82
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Carlsbad, den 19. Juli 1795
Ihren lieben Brief vom 6ten habe ich erst den 17ten erhalten; wie danke ich Ihnen, daß Sie mir in den Strudel einer ganz fremden Welt eine freundliche Stimme erschallen lassen. Gegenwärtiges nimmt Frl. von Beulwitz mit, ich hoffe es soll bald bei Ihnen anlangen.
Die Cur schlägt sehr gut an, ich halte mich aber auch wie ein ächter Curgast und bringe meine Tage in einem absoluten Nichtsthun zu, bin beständig unter den Menschen, da es denn nicht an Unterhaltung und an kleinen Abenteuern fehlt. Ich werde mancherlei zu erzählen haben.
Dagegen ist aber auch weder das fünfte Buch des Romans abgeschrieben, noch irgend ein Epigramm gelungen, und wenn die andre Hälfte meines Hierseyns der ersten gleich ist, so werde ich an guten Werken arm zurückkehren.
Mir war sehr lieb zu hören, daß das Oßmannstädter Ich sich zusammengenommen hat, und daß auf Ihre Erklärung kein Bruch erfolgt ist; vielleicht lernt er nach und nach Widerspruch ertragen.
Auch mir ist durch Madame Brun die sublime Abhandlung Fernows im Merkur angepriesen und also der Name des Autors entdeckt worden. Leider spukt also dieser Geist anmaßlicher Halbheit auch in Rom, und unsre Freundin wird wahrscheinlicherweise dort mit den drei Stylen näher bekannt werden. Welch eine sonderbare Mischung von Selbstbetrug und Klarheit diese Frau zu ihrer Existenz braucht, ist kaum denkbar, und was sie und ihr Cirkel sich für eine Terminologie gemacht haben, um das zu beseitigen was ihnen nicht ansteht, und das was sie besitzen als die Schlange Mosis aufzustellen, ist höchst merkwürdig.
Doch ausführlich von allem diesem wenn ich zurückkomme. Die Finger erstarren mir vor Kälte; das Wetter ist entsetzlich und die Unbehaglichkeit allgemein.
Leben Sie desto wohler und wärmer und gedenken mein.
G.
H 83 | S 81 | B 81
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Carlsbad, den 8. Juli 1795
Die Gelegenheit Ihnen durch Fräulein von Göchhausen diesen Brief zu übersenden versäume ich nicht. Nach überstandenen leidlichen und bösen Wegen bin ich am vierten Abends angelangt; das Wetter war bis heute äußerst schlecht, und der erste Sonnenblick scheint nur vorübergehend zu seyn. Die Gesellschaft ist zahlreich und gut; man beklagt sich, wie immer, über den Mangel an Harmonie, und jeder lebt auf seine Weise. Ich habe nur gesehen und geschwätzt; was sonst werden und gedeihen wird muß abgewartet werden. Auf alle Fälle habe ich gleich einen kleinen Roman aus dem Stegreife angeknüpft, der höchst nöthig ist um einen Morgens um fünf Uhr aus dem Bette zu locken. Hoffentlich werden wir die Gesinnungen dergestalt mäßigen und die Begebenheiten so zu leiten wissen, daß er vierzehn Tage aushalten kann.
Als berühmter Schriftsteller bin ich übrigens recht gut aufgenommen worden, wo bei es doch nicht an wunderlichen Demüthigungen gefehlt hat; z. B. sagte mir ein allerliebstes Weibchen: sie habe meine letzten Schriften mit dem größten Vergnügen gelesen, besonders habe sie Ardinghello über alle Maßen interessirt. Sie können denken, daß ich mit der größten Bescheidenheit, mich in Freund Heinse’s Mantel einhüllte, und so meiner Gönnerin mich schon vertraulicher zu nähern wagen durfte. Und ich darf nicht fürchten daß sie in diesen drei Wochen aus ihrem Irrthum gerissen wird.
Die vielen Menschen, unter denen sehr interessante sind, lerne ich nach und nach kennen und werde Ihnen manches zu erzählen haben.
Indem ich auf meiner Herreise einige alte Mährchen durchdachte, ist mir verschiedenes über die Behandlungsart derselben durch den Kopf gegangen. Ich will eh’stens eins schreiben, damit wir einen Text vor uns haben. Leben Sie recht wohl mit den Ihrigen und denken mein.
G.
H 82 | S 80 | B 80
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Jena, den 6. Juli 1795
Eine große Expedition der Horen, die ich heute habe, läßt mir nur einige Augenblicke frei, um Sie zu Ihrer Ankunft im Karlsbad, welche wie ich hoffe glücklich gewesen ist, zu begrüßen. Ich freue mich, daß ich von den dreißig Tagen Ihrer Abwesenheit vier wegstreichen darf.
Von Fichte habe ich einen Brief erhalten, worin er mir zwar das Unrecht, das ich ihm gethan, sehr lebhaft demonstrirt, dabei aber sehr bemüht ist, nicht mit mir zu brechen. Bei aller nicht unterdrückten Empfindlichkeit hat er sich sehr zu mäßigen gewußt, und ist bemüht den Raisonnablen zu spielen. Daß er mir Schuld giebt, seine Schrift ganz mißverstanden zu haben, ist eine Sache die sich von selbst versteht. Daß ich ihm aber Verworrenheit der Begriffe über seinen Gegenstand Schuld gab, das hat er mir kaum verzeihen können. Er will mir seinen Aufsatz, wenn er ganz fertig ist, zum Lesen schicken und erwartet daß ich alsdann mein übereiltes Urtheil widerrufen werde. So stehen die Sachen, und ich muß ihm das Zeugniß geben, daß er sich in dieser kritischen Situation noch ganz gut benommen hat. Sie sollen seine Epistel lesen, wenn Sie zurück kommen.
Von hiesigen Novitäten weiß ich Ihnen nichts zu schreiben, als daß die Tochter vom Hofr. Schütz wirklich gestorben ist, er selbst aber sich erträglich befindet.
Woltmann, der mich vor einigen Tagen besuchte, versicherte mir, daß nicht Fichte, sondern ein gewisser Fernow (ein junger Maler, der hier studirte, auch Gedichte macht und mit Baggesen eine Zeit lang reiste) Verfasser des Aufsatzes im Merkur über den Styl in den bildenden Künsten sey. Baggesen selbst erzählte dieses, und erklärte dabei, daß jener Aufsatz das sublimste sey, was je über diesen Gegenstand geschrieben worden. Ich hoffe also Sie werden dem großen Ich in Osmannstädt im Herzen Abbitte thun, und wenigstens diese Sünde von seinem Haupte nehmen.
Woltmann sagt mir, daß er angefangen habe, an einem Roman zu arbeiten, welches ich freilich mit seiner übrigen historischen Activität nicht recht reimen kann.
Von Humboldt habe ich noch keine Nachricht. Daß Ihr Aufenthalt im Karlsbad recht fruchtbar für Ihre Gesundheit und für die mitgenommenen Beschäftigungen seyn möchte, wünsche ich von Herzen. Sollte sich eine Gelegenheit finden, mir den Rest des fünften Buches zu schicken, so würden Sie mir eine große Freude damit machen.
Von den Horen habe ich zwei Exemplarien nach Ihrer Vorschrift verschickt.
Meine Frau empfiehlt sich Ihnen bestens. Leben Sie recht wohl und behalten uns in freundschaftlichem Angedenken.
Sch.
H 81 | S 79 | B 79
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