630. An Goethe

Jena, den 9. Juli 1799

Ohne Zweifel hat Ihnen der Hofkammerrath seine Noth geklagt, und die Bedingung notificirt, unter welcher ich ihm die Aufführung meiner Stücke zu Lauchstedt accordiren kann. Er wird nun schwerlich mehr Lust dazu haben, aber ich mußte auf diesem Äquivalent bestehen, da die Bequemlichkeit der Hallenser und Leipziger die Stücke in Lauchstedt zu sehen meiner Negotiation mit Opitz nachtheilig werden kann. Die Neugier des Publicums ist das Einzige wovon was zu hoffen ist, und wenn diese abgeleitet ist, ist auf nichts mehr zu rechnen. Übrigens bestehe ich nicht gerade auf der Einnahme für die Vorstellungen, mir ist jede Auskunft lieb, welche zugleich mit der Convenienz des Theaters und der meinen bestehen kann. Ich habe noch einen Wunsch wegen Besetzung der Thekla hinzugesetzt, den Sie ohne Zweifel gut heißen werden, und die Ansprüche die etwa eine andere daran hätte machen mögen, glaube ich dadurch entfernt zu haben.

Übrigens bin ich, seit meiner Zurückkunft von Weimar, nicht viel weiter vorgerückt; die große Hitze wirkte gleich nachtheilig auf meine Stimmung und meine Gesundheit. So viele Anstalten zu Gewittern auch am Himmel indeß gewesen, so hat uns noch kein Regen erquickt; das Gras in meinem Garten ist ganz wie verbrannt.

Ich bin begierig zu erfahren, was Sie in Absicht auf die Propyläen beschließen werden. Alles wohl erwogen und die nöthige Rücksicht auf das von Cotta zugesetzte Geld genommen, hielt ich es doch für’s beste, zu versuchen, ob man die Schrift nicht jetzt noch poussiren und dadurch die erstern Hefte zugleich flott manchen kann. Bei der gehörigen Hinsicht auf dasjenige, was das Publicum vorzüglich wünscht und sucht, sollte dieß, däucht mir, nicht fehlschlagen. Man macht für’s erste kleinere Auflagen, um die Unkosten zu vermindern, Sie lassen vielleicht von dem Preise nach, man sucht dem Journal durch Zeitungen und andere Blätter mehr Publicität zu geben. Bei der ersten Ansicht verlor ich die Hoffnung zu bald; man muß aber doch nicht zu schnell das Feld räumen. Wenn Sie etwas von dem Faust hineinrückten, so würde es viel gute Folgen haben. Gegen Ende des Jahrs, nicht früher, erschiene das fünfte Stück; zu diesem könnte ich vielleicht auch etwas aus der Maria hergeben, wodurch der darstellende Theil, der immer am meisten Liebhaber findet, ein Übergewicht bekäme. Lassen Sie uns das wohl zusammen überlegen, ein festes Beharren gewinnt endlich vielleicht doch den Prozeß. Leben Sie recht wohl. Herzliche Grüße von meiner Frau.

Sch.

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629. An Schiller

Weimar, den 6. Juli 1799

Zwar kann ich heute noch nicht sagen, wann ich kommen werde, doch habe ich mich schon ziemlich losgemacht und hoffe nicht lange mehr zu verweilen.

Die kurzen Augenblicke unsers letzten Zusammenseyns wollte ich Ihnen mit der Geschichte nicht verderben, die Ihnen nun auch einen unangenehmen Eindruck gemacht hat. Unterdessen geht die Sache so natürlich zu, daß man sich darüber gar nicht wundern soll. Denn man sollte ja doch das Ganze, das man nicht kennt, aus den vielen integrirenden Theilen schätzen, die man kennt. Wenn wir zusammen kommen, wird sich näher überlegen lassen was zu thun ist.

Die Bücher und die Liste sollen besorgt werden. Wollten sie doch bad möglichste Wallenstein’s Lage und die Piccolomini’s an Kirms schicken. Den Wallenstein habe ich von dem Prinzen zurück erhalten. Wir wollten die Stücke gern einmal in Lauchstedt geben. Der Souffleur hat sich ad protocollum mit seinem sämtlichen Vermögen verbürgt daß er für die Stücke stehen wolle.

Bei dieser warmen Jahreszeit ist freilich Ihr Gartenhaus den Sonnenstrahlen und der heißen Luft zu sehr ausgesetzt, ich wünsche bald Regen und angenehme Kühlung, nichts aber so sehr als bald wieder in Ihrer Nähe zu seyn. Leben Sie recht wohl, und grüßen Sie Ihre liebe Fraus.

G.

H 622 | S 620 | B 623

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628. An Goethe

Jena, den 5. Juli 1799

Ich fand bei meiner Ankunft in Jena einen Brief von Cotta, worin er mir seine Unruhe über einen Brief zu erkennen giebt, den er der Propyläen wegen an Sie geschrieben habe. Was er von dem Absatz des Journals schreibt, ist zum Erstaunen, und zeigt das kunsttreibende und kunstliebende Publicum in Deutschland von einer noch viel kläglichern Seite, als man bei noch so schlechten Erwartungen je hätte denken mögen. Da man keine Ursache hat, ein Mistrauen in Cotta’s Redlichkeit zu setzen, so möchte freilich an keine Fortsetzung zu denken seyn, denn der Absatz müßte dreimal stärker werden als er ist, wenn Cotta aus dem Verlust kommen sollte. Zwar ist zu hoffen, daß das neuste Stück mehr Käufer anlocken wird, aber bei der Kälte des Publicums für das bisherige, und bei der ganz unerhörten Erbärmlichkeit desselben, die sich bei dieser Gelegenheit manifestirt hat, läßt sich nicht erwarten, daß selbst dieses Stück das Ganze wird retten können, welches übrigens abzuwarten ist. Ich darf an diese Sache gar nicht denken, wenn sie mein Blut nicht in Bewegung setzen soll, denn einen so niederträchtigen Begriff hat mir noch nichts von dem deutschen Publicum gegeben. Man sollte aber von nichts mehr überrascht werden; und wenn man ruhig nachdenkt und vergleicht, so ist leider alles sehr begreiflich.

Ich kann und mag heute von nichts anderm mehr schreiben, habe auch nicht viel zu berichten. Die Hitze ist hier unerträglich und setzt mir so zu, daß ich zu jedem guten Gedanken unfähig bin, auch habe ich zwei Nächte nicht schlafen können.

Ich vergaß neulich anzufragen, an wen ich den Zettel wegen der Bücherpreise für die Auction zu senden habe, und ersuche Sie, solchen nebst den zwei Bänden von Montesquieu, die neulich zurückgeblieben, an die Behörde abgeben zu lassen. Die Preise, die ich auf dem Zettel angemerkt, sind die niedrigsten, unter denen ich die Bücher nicht lasse, doch steht es dem Besorger frei, wenn er ein vorhergegangenes Buch über dem von mir angesetzten Preis angebracht hat, eins der folgenden alsdann auch etwas wohlfeiler zu lassen, wenn nur die Summe im Ganzen herauskommt.

Morgen hoffe ich zu erfahren, wann wir Sie erwarten können. Ich sehne mich recht nach einem längern Zusammenseyn. Meyern viele Grüße. Die Frau empfiehlt sich Ihnen herzlich. Leben Sie recht wohl und heiter.

Sch.

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627. An Schiller

Weimar, den 29. Juni 1799

Da ich die Hoffnung habe Sie morgen zu sehen, so mag Ihnen dieses Blatt auch nur einen Gruß zurückbringen. Sollten Sie sich entschließen bei uns zu bleiben, so könnte ein Bett bald aufgestellt werden, wenn Sie bei mir einkehren und die beiden Tage der königlichen Gegenwart mit uns überstehen wollten. Ich wünsche daß der Juli unsere Wünsche und Zwecke besser befriedigen möge als der abscheidende Monat, und verlange gar sehr Sie über verschiedenes zu sprechen.

Leben Sie beiderseits recht wohl.

G.

H 620 | S 618 | B 621

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626. An Goethe

Jena, den 28. Juni 1799

Ich sage Ihnen für heute bloß einen freundlichen Gruß; ich habe Gesellschaft diesen Abend, auf den Sonntag sehe ich Sie vielleicht selbst. Diese Woche ist nicht viel geschehen, wiewohl sie nicht ganz ohne Frucht war. Die drei nächsten Monate sollen desto ernstlicher benutzt werden, so wie sie auch, hoffe ich, Ihnen förderlich seyn werden. Sind Sie nur erst wieder von Weimar hinweg, so wird der gute Geist über Sie kommen, wenn Sie sich auch in den dicksten Thüringerwald oder auf eine andere Wartburg zurückziehen müßten.

Leben Sie recht wohl. Von meiner Frau die schönsten Grüße an Sie.

Sch.

H 619 | S 617 | B 620

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625. An Goethe

Jena,den 26. Juni 1799

Die Fahrläßigkeit meiner Botenfrau, die meinen Brief gestern liegen ließ, ist Schuld daran, daß Sie heute nichts erhielten. Eben da ich Ihren Brief erhalte, bringt man mir den meinigen zurück.

Unger hat mir heute geschrieben, aber ohne mir auf den Wink, den ich ihm wegen Ihrer Gedichtsammlung neulich gab, etwas zu antworten. Vielleicht schrieb er Ihnen selbst. Aber meinen Vorschlag, eine Sammlung deutscher Schauspiele herauszugeben, und zwar so, daß des Jahrs zehn Stücke herauskämen und über jedes eine Kritik, nimmt er mit Vergnügen an, und will hundert Carolin Honorar für diese zehn Stücke und deren Beurtheilung zahlen, wenn das Werk von uns herausgegeben würde. Wir können sehr leicht zu diesem Verdienste kommen, wenn wir das kritische Geschäft gesprächsweise unter uns abthun, in zehn bis fünfzehn Abenden ist es abgethan und für jeden sind dreihundert Thaler verdient.

Endlich habe ich auch nach langem Warten etwas von Berlin aus über den Wallenstein gehört. Er ist am 17ten Mai zum erstenmal gespielt worden, also vier Wochen später als in Weimar. Unger lobt die Aufführung so wie die Aufnahme des Stücks bei dem Publicum gar sehr. Auch hat sich schon ein Berliner Schmierer weitläufig in den Annalen der preußischen Monarchie darüber herausgelassen, das Stück zwar sehr gepriesen, aber die Stellen auch recht à la Böttiger herausgezerrt, und seinen Aufsatz damit gespickt.

Leben sie recht wohl; wir machen morgen einen Besuch bei Mellisch; Schade, daß Sie nicht auch daseyn können. Zu den optischen Beschäftigungen wünsche ich Glück. So lang Sie dafür noch etwas thun können, ist Ihre Zeit in Weimar immer wohl angewandt.

Sch.

H 618 | S 616 | B 619

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624. An Schiller

Weimar, den 26. Juni 1799

Ich habe heute keinen Brief von Ihnen erhalten und mich deswegen kaum überzeugen können daß es Mittwoch sey. Möge das Hinderniß aus keiner unangenehmen Ursache entsprungen seyn! Was mich betrifft, so rege ich mich wenigstens, da ich mich nicht bewegen kann.

Ich lasse meine kleinen Gedichte zusammen schreiben, woraus ein wunderlicher Codex entstehen wird.

Ich habe bei dieser Gelegenheit Ihren Taucher wieder gelesen, der mir wieder außerordentlich wohl und, wie mich sogar dünkt, besser als jemals gefallen hat.

Die Phänomene der sogenannten Inflexion waren auch heute wieder, bei dem schönen Sonnenschein, an der Tagesordnung.

Es ist bald gesagt: man solle genau beobachten! Ich verdenke es aber keinem Menschen wenn er geschwind mit einer hypothetischen Enunciation die Erscheinungen bei Seite schafft. Ich will in gegenwärtigem Falle alles was nur an mir ist zusammennehmen und brauchen, es ist aber auch nöthig. Dagegen sehe ich wohl daß es vielleicht der letzte Knoten ist der mich bindet, durch dessen Auflösung wahrscheinlich die schönste Freiheit über das Ganze zu erringen ist.

Leben Sie recht wohl und fleißig.

G.

H 617 | S 615 | B 618

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623. An Goethe

Jena, den 25. Juni 1799

Ich fürchte daß Sie es diesen paar Zeilen ansehen werden, wie penibel es mir jetzt geht.

Mein Schwager ist hier mit meiner Schwester; er ist ein fleißiger, nicht ganz ungeschickter Philister, 60 Jahre alt, aus einem kleinstädtischen Ort, durch Verhältnisse gedrückt und beschränkt, durch hypochondrische Krankheit noch mehr darniedergebeugt, sonst in neuen Sprachen und in der deutschen Sprachforschung, auch in gewissen Literaturfächern nicht unbewandert. Sie können denken wie wenig Conversationspunkte es da zwischen uns gibt, und wie übel mir bei dem wenigen zu Muthe seyn mag; das Schlimmste ist, daß ich in ihm eine nicht ganz kleine und nicht einmal verächtliche Klasse von Lesern und Urtheilern repräsentirt finde, denn er mag in Meiningen, wo er Bibliothekar ist, noch vorzüglich seyn. Diese ganz imperfectible enge Vorstellungsweise könnte einen zur Verzweiflung bringen, wenn man etwas erwartete.

Übrigens raubt mir dieser Besuch, der bis den Sonntag dauert, einen großen Theil meiner Zeit und alle gute Stimmung für den Überrest; ich muß diese Woche rein ausstreichen aus dem Leben.

Was der Sammler für eine Wirkung machen wird, bin ich in der That neugierig. Da man einmal nicht viel hoffen kann zu bauen und zu pflanzen, so ist es doch etwas, wenn man auch nur überschwemmen und niederreißen kann. Das einzige Verhältniß gegen das Publicum, das einen nicht reuen kann, ist der Krieg, und ich bin sehr dafür, daß auch der Dilettantism mit allen Waffen angegriffen wird. Eine ästhetische Einkleidung, wie etwa der Sammler, würde diesem Aufsatz freilich bei einem geistreichen Publicum den größten Eingang verschaffen, aber den Deutschen muß man die Wahrheit so derb sagen als möglich, daher ich glaube, daß man wenigstens den Ernst, auch in der äußern Einkleidung, vorherrschen lassen muß. Es fänden sich vielleicht unter Swift’s Satyren Formen, die hiezu passen, oder müßte man in Herder’s Fußstapfen treten und den Geist des Pantagruel citiren.

Wahrscheinlich bringe ich meine Gäste auf den Sonntag selbst auf die nächste Station nach Weimar, und bleibe dann wohl die zwei folgenden Tage dort, wo ich Sie, trotz des Getümmels, doch einige Stunden zu sehen hoffe. Auch ich freue mich herzlich auf unser hiesiges Zusammensein.

Die Frau grüßt Sie bestens. Leben Sie bis dahin wohl.

Sch.

H 616 | S 614 | B 617

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622. An Schiller

Weimar, den 22. Juni 1799

Ich freue mich, daß Sie so viel Gutes von dem Sammler sagen mögen. Wie viel Antheil Sie an dem Inhalt und an der Gestalt desselben haben wissen Sie selbst, nur hatte ich zur Ausführung nicht die gehörige Zeit und Behaglichkeit, so daß ich fürchtete das Ganze möchte nicht genug gefälliges Ansehen haben. Auch hätte man bei mehrerer Muße die scharfen Ingredienzien mit etwas mehr Syrup einwickeln können. Indessen thut vielleicht dem Ganzen diese skizzirte Manier nur um so viel besser. Wir selbst haben dabei viel gewonnen, wir haben uns unterrichtet, wir haben uns amusirt, wir machen Lärm und das gegenwärtige Propyläenstück wird gewiß doppelt so viel gelesen als die vorigen. Der wahre Nutzen aber für uns steht noch eigentlich bevor. Das Fundament ist gut und ich bitte noch recht streng darüber zu denken. Meyer hat die Idee mit Neigung aufgefaßt und es sind sehr wichtige Resultate zu erwarten. Ich sage davon vorläufig nur so viel.

Alle neuern Künstler gehören in die Klasse des Unvollkommenen, und fallen also mehr oder weniger in die getrennten Rubriken. So hat Meyer erst gestern, zu seiner größten Zufriedenheit, entdeckt daß Julius Roman zu den Skizzisten gehört. Meyer konnte mit dem Charakter dieses Künstlers, bei großen Studien über denselben, nicht fertig werden, nunmehr glaubt er aber daß durch diese Enunciation das ganze Räthsel gelöst sey. Wenn man nun den Michel Angelo zum Phantasmisten, den Correggio zum Undulisten, den Raphael zum Charakteristiker macht, so erhalten diese Rubriken eine ungeheure Tiefe, indem man diese außerordentlichen Menschen in ihrer Beschränktheit betrachtet und sie doch als Könige, oder hohe Repräsentanten ganzer Gattungen, aufstellt. Nachahmer werden wohl die Deutschen bleiben und Nebulisten giebt es in der ältern Kunst gar keinen; Öser wird hingegen als ein solcher wohl aufgeführt werden. Wer hindert uns, wenn wir diese Materie noch recht durchgedacht haben, eine Fortsetzung des Sammlers auszuarbeiten? Diese Production wird uns immer reizen, da sie das Kunsterforderniß von Ernst und Spiel selbst so redlich vereinigt.

Was aber auch dieß seyn und wirken mag, so wird doch die Arbeit über den Dilettantismus eine weit größere Breite einnehmen. Sie ist von der größten Wichtigkeit und es wird von Umständen und vom Zufall abhängen, auf welche Weise sie zuletzt producirt wird. Ich möchte ihr gar zu gern auch eine poetische Form geben, theils um sie allgemeiner, theils um sie gefälliger wirken zu machen. Denn wie Künstler, Unternehmer, Vorkäufer, Käufer und Liebhaber jeder Kunst im Dilettantism ersoffen sind, das sehe ich erst jetzt mit Schrecken, da wir die Sache so sehr durchgedacht und dem Kinde einen Namen gegeben haben. Wir wollen mit der größten Sorgfalt unsere Schemata nochmals durcharbeiten, damit wir uns des ganzen Gehaltes versichern, und dann abwarten, ob uns das gute Glück eine Form zuweist, in der wir ihn aufstellen. Wenn wir dereinst unsere Schleusen ziehen, so wird es die grimmigsten Händel setzen, denn wir überschwemmen geradezu das ganze liebe Thal, worin sich die Pfuscherei so glücklich angesiedelt hat. Da nun der Hauptcharakter des Pfuschers die Incorrigibilität ist und besonders die von unserer Zeit mit einem ganz bestialischen Dünkel behaftet sind, so werden sie schreien, daß man ihnen ihre Anlage verdirbt, und wenn das Wasser vorüber ist, wie Ameisen nach dem Platzregen alles wieder in alten Stand setzen. Doch das kann nichts helfen, das Gericht muß über sie ergehen. Wir wollen unsere Teiche nur recht anschwellen lassen und dann die Dämme auf einmal durchstechen. Es soll eine gewaltige Sündfluth werden.

Gestern sahen wird die neuen Blätter der chalkographischen Gesellschaft. Es ist unglaublich was auch diese zu pfuschen anfängt, und der Dünkel der Unternehmer ist dem Unbegriff gleich. Die Wahl des Kunstwerks, das sie in Kupfer bringen ist schon unglücklich, die Art wie es nun übersetzt werden soll, falsch gewählt. Das wissen sie freilich beides nicht, aber, wo sie sich’s nicht verbergen können, helfen sie sich dadurch daß sie sich ihrer Sparsamkeit erfreuen, weil die schlechten Originale nichts kosten.

So habe ich auch neulich eine poetischen Dilettanten bei mir gesehen, der mich zur Verzweiflung gebracht hätte, wäre ich nicht in der Stimmung gewesen ihn naturhistorisch zu betrachten, um mir einmal von dem Gezücht einen recht anschaulichen Begriff zu machen.

Damit sey es für heute genug. Es bleibt uns nun einmal nichts übrig als auf dem eingeschlagenen Wege fortzugehen; dabei soll es aber auch treulich verbleiben. Ich nutze meine Tage so gut ich kann, und setze wenigstens immer einige Steine im Brette vorwärts. Thun Sie das Gleiche, bis zu unserm erfreulichen Wiedersehn. Grüßen Sie Ihre liebe Frau und danken ihr für den Antheil den sie an der letzten Arbeit nimmt. Ich gehe nun dem Schicksal des übrigen Tages entgegen.

G.

H 615 | S 613 | B 616

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621. An Goethe

Jena, den 20. Juni 1799

Der Franzose, der neulich mit Mellisch bei mir war und sich heut wieder einstellte hat mir die Zeit und Stimmung genommen, um Ihnen heute so viel über das Propyläenstück zu sagen als ich Willens war.

Es hat mir in der Gestalt, worin es jetzt ist, noch viel reicher und belebter geschienen, als je vorher bei’m einzelnen Lesen, und es muß als das heiter und kunstlos ausgegossene Resultat eines langen Erfahrens und Reflectirens auf jeden irgend empfänglichen Menschen wundersam wirken. Der Gehalt ist nicht zu übersehen, eben weil so vieles Wichtige nur zart, nur im Vorbeigehen angedeutet ist.

Die Aufführung der Charaktere und Kunstrepräsentanten hat dadurch noch sehr gewonnen, daß unter den Besuchfratzen keine in das Fachwerk paßt, welches nachher aufgestellt wird. Nicht zu erwähnen, daß der kleine Roman dadurch – poetisch – an Reichthum und Wahrheit gewinnt, so wird auch dadurch philosophisch der ganze Kreis vollendet, welcher in den drei Klassen des Falschen, des Unvollkommenen und des Vollkommenen enthalten ist.

Die letztern Ausführungen, die ich noch nicht kannte, sind sehr glücklich und unterhalten die geistreiche Heiterkeit bis an’s Ende.

Indeß zweifle ich nicht, daß dieß Propyläenstück tüchtigen Lärm machen und auch wieder an die Xenien erinnern wird.

Meine Frau, die Sie herzlich grüßt, hat sich an dem fröhlichen Humor und Leben das darin herrscht sehr ergötzt, und besonders hat ihr der Besuch der Fremden gefallen.

Leben Sie recht wohl für heute und genießen der schönen Witterung, der auch ich eine gute und productive Stimmung verdanke.

Sch.

H 614 | S 612 | B 615

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