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	<title>Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe</title>
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		<title>316. An Schiller</title>
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		<pubDate>Wed, 16 May 2012 22:00:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Giesbert Damaschke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Weimar, am 17. Mai 1797 Es thut mir leid daß Sie vom nahen Bauwesen so viel dulden. Es ist ein böses Leiden und dabei ein reizender Zeitverderb, in seiner Nähe arbeitende Handwerker zu haben. Ich wünsche daß auch diese Ereignisse Sie nicht allzusehr zerstreuen mögen. Ich suche so viel als möglich aufzuräumen, um mir ein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h6>Weimar, am 17. Mai 1797</h6>
<p>Es thut mir leid daß Sie vom nahen Bauwesen so viel dulden. Es ist ein böses Leiden und dabei ein reizender Zeitverderb, in seiner Nähe arbeitende Handwerker zu haben. Ich wünsche daß auch diese Ereignisse Sie nicht allzusehr zerstreuen mögen.</p>
<p>Ich suche so viel als möglich aufzuräumen, um mir ein paar ganz freie Wochen zu verdienen, und wo möglich die Stimmung zum Schluß meines Gedichts zu finden. Von der übrigen lieben deutschen Literatur habe ich rein Abschied genommen. Fast bei allen Urtheilen waltet nur der gute oder der böse Wille gegen die Person, und die Fratze des Parteigeists ist mir mehr zuwider als irgend eine andere Carricatur.</p>
<p>Seitdem die Hoffnung das gelobte, obgleich jetzt sehr mißhandelte, Land zu sehen bei mir wieder aufgelebt, bin ich mit aller Welt Freund und mehr als jemals überzeugt: daß man im Theoretischen und Praktischen, und besonders in unserm Falle im Wissenschaftlichen und Dichterischen, immer mehr mit sich selbst Eins zu werden und Eins zu bleiben suchen müsse. Übrigens mag alles gehen wie es kann.</p>
<p>Lassen Sie uns, so lange wir beisammen bleiben, auch unsere Zweiheit immer mehr in Einklang bringen, damit selbst eine längere Entfernung unserm Verhältniß nichts anhaben könne.</p>
<p>Den Schluß des Cellini will ich in Jena gleich zum Anfange vornehmen; vielleicht findet sich auch sonst noch etwas und vielleicht wird Moses durch die Unterhaltung wieder lebendig. Leben Sie recht wohl, grüßen Ihre liebe Frau und genießen der freien Luft, die Ihnen doch früh oder spät gute Stimmung gewähren wird.</p>
<p>G.</p>
<div class="nummern">H 316 | S 316 | B 316</div>
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		<title>315. An Goethe</title>
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		<pubDate>Tue, 15 May 2012 22:00:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Giesbert Damaschke</dc:creator>
				<category><![CDATA[1797]]></category>

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		<description><![CDATA[Jena, den 16. Mai 1797 Es ist recht schön, daß Sie Ihr Gedicht, das hier angefangen wurde auch hier vollenden. Die Judenstadt darf sich was darauf einbilden. Ich freue mich schon im Voraus, nicht auf das Gedicht allein, auch auf die schöne Stimmung, in welche die Dichtung und die Vollendung Sie versetzen wird. Dadurch, daß [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h6>Jena, den 16. Mai 1797</h6>
<p>Es ist recht schön, daß Sie Ihr Gedicht, das hier angefangen wurde auch hier vollenden. Die Judenstadt darf sich was darauf einbilden. Ich freue mich schon im Voraus, nicht auf das Gedicht allein, auch auf die schöne Stimmung, in welche die Dichtung und die Vollendung Sie versetzen wird.</p>
<p>Dadurch, daß Sie eine Woche später kommen, entgehen Sie einem großen Schmutz in meinem Hause, denn ich habe mich doch entschließen müssen, die Gartenseite des Hauses zu unterschwellen, welches heute angefangen worden. Bis jetzt hat mir eigentlich bloß die Neuheit dieser Existenz den Aufenthalt im Garten reizend machen können, denn entweder war das Wetter nicht freundlich oder das Bauwesen raubte mir die Ruhe. Es bekommt mir aber übrigens sehr wohl hier, und an die Arbeit gewöhn&#8217; ich mich auch wieder.</p>
<p>Haben Sie nun die Schlegelische Kritik von Schlossern gelesen? Sie ist zwar in ihrem Grundbegriff nicht unwahr, aber man sieht ihr doch die böse Absicht und die Partei viel zu sehr an. Es wird doch zu arg mit diesem Herrn Friedrich Schlegel. So hat er kürzlich dem Alexander Humboldt erzählt, daß er die Agnes, im Journal Deutschland, recensirt habe und zwar sehr hart. Jetzt aber da er höre sie sey <em>nicht</em> von Ihnen, so bedaure er, daß er sie so streng behandelt habe. Der Laffe meinte also, er müsse dafür sorgen, daß Ihr Geschmack sich nicht verschlimmere. Und diese Unverschämtheit kann er mit einer solchen Unwissenheit und Oberflächlichkeit paaren daß er die Agnes wirklich für Ihr Werk hielt.</p>
<p>Das Geschwätz über die Xenien dauert noch immer fort; ich finde immer noch einen neune Büchertitel, worin ein Aufsatz oder so was gegen die Xenien angekündigt wird. Neulich fand ich in einem Journal: „Annalen der <em>leidenden Menschheit</em>“ einen Aufsatz gegen die Xenien.</p>
<p>Den Schluß des Cellini bitte nicht zu vergessen, und vielleicht fällt Ihnen beim Kramen in Ihren Papieren noch irgend etwas für die Horen oder für den Almanach in die Hände.</p>
<p>Leben Sie recht wohl. Meine Frau empfiehlt sich auf’s beste.</p>
<p>Sch.</p>
<div class="nummern">H 315 | S 315 | B 315</div>
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		<title>314. An Schiller</title>
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		<pubDate>Sat, 12 May 2012 22:00:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Giesbert Damaschke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Weimar, den 13. Mai 1797 Noch etwa acht Tage habe ich hier zu thun, indem sich bis dahin manches entscheiden muß. Ich wünsche sehr wieder einige Zeit bei Ihnen zuzubringen, besonders bin ich jetzt leider wieder in einem Zustande von Unentschiedenheit in welchem ich nichts rechtes thun kann und mag. Von Humboldt habe ich einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h6>Weimar, den 13. Mai 1797</h6>
<p>Noch etwa acht Tage habe ich hier zu thun, indem sich bis dahin manches entscheiden muß. Ich wünsche sehr wieder einige Zeit bei Ihnen zuzubringen, besonders bin ich jetzt leider wieder in einem Zustande von Unentschiedenheit in welchem ich nichts rechtes thun kann und mag.</p>
<p>Von Humboldt habe ich einen weitläufigen und freundschaftlichen Brief, mit einigen guten Anmerkungen über die ersten Gesänge, die er in Berlin nochmals gelesen hat. Auf den Montag schicke ich abermals viere fort und komme nach Jena um den letzten zu endigen. Auch mir kommt der Friede zu statten und mein Gedicht gewinnt dadurch eine reinere Einheit.</p>
<p>Ich wünsche Sie in Ihrem Garten recht vergnügt und thätig zu finden. Leben Sie recht wohl; ich kann in meiner heutigen Zerstreuung von dem vielen was ich zu sagen habe, nichts zu Papiere bringen.</p>
<p>G.</p>
<div class="nummern">H 314 | S 314 | B 314</div>
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		<title>313. An Goethe</title>
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		<pubDate>Wed, 09 May 2012 22:00:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Giesbert Damaschke</dc:creator>
				<category><![CDATA[1797]]></category>

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		<description><![CDATA[Jena, den 10. Mai 1797 Ich wurde gestern verhindert, Ihnen ein Wort zu sagen und hole es heute nach. Auch mir hat Voß von Welttafeln geschrieben, die er Ihnen schicke; ich habe aber keine erhalten. Die Übersetzung aus Ovid, die er mitgeschickt, ist sehr vortrefflich, mit der Bestimmtheit und auch mit der Leichtigkeit des Meisters. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h6>Jena, den 10. Mai 1797</h6>
<p>Ich wurde gestern verhindert, Ihnen ein Wort zu sagen und hole es heute nach.</p>
<p>Auch mir hat Voß von Welttafeln geschrieben, die er Ihnen schicke; ich habe aber keine erhalten. Die Übersetzung aus Ovid, die er mitgeschickt, ist sehr vortrefflich, mit der Bestimmtheit und auch mit der Leichtigkeit des Meisters.</p>
<p>Schade nur, daß er sich durch die elenden Streitigkeiten abhalten läßt, hieher zu kommen. Daß er lieber bei seinem Reichardt in Gibichenstein liegt, als zu uns kommt, kann ich ihm doch kaum vergeben.</p>
<p>Ich bin neugierig, auf welche Art Sie seine Übersetzungsweise vertheidigen wollen, da hier der schlimme Fall ist, daß gerade das Vortreffliche daran studirt werden muß, und das Anstößige gleich auffällt.</p>
<p>Es sollte mir leid thun, wenn Sie Ihren Moses zurücklegten. Freilich ist es eine sonderbare Collision, in die er mit den italiänischen Dingen kommt, aber nach dem was Sie mir schon davon sagten, hätten Sie, däucht mir, wenig mehr zu thun, als ihn zu dictiren.</p>
<p>Ich freue mich auf Ihre Ankunft. Hier im Freien werden wir noch einmal so gut unsere Angelegenheiten durchsprechen können. Leben Sie recht wohl. Alles grüßt Sie auf’s beste.</p>
<p>Sch.</p>
<div class="nummern">H 313 | S 313 | B 313</div>
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		<title>312. An Schiller</title>
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		<pubDate>Sat, 05 May 2012 22:00:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Giesbert Damaschke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Weimar, den 6. Mai 1797 Ich bin sehr erfreut daß wir grade zur rechten Stunde den Aristoteles aufgeschlagen haben. Ein Buch wird doch immer erst gefunden, wenn es verstanden wird. Ich erinnere mich recht gut daß ich vor dreißig Jahren diese Übersetzung gelesen und doch auch von dem Sinne des Werks gar nichts begriffen habe. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h6>Weimar, den 6. Mai 1797</h6>
<p>Ich bin sehr erfreut daß wir grade zur rechten Stunde den Aristoteles aufgeschlagen haben. Ein Buch wird doch immer erst gefunden, wenn es verstanden wird. Ich erinnere mich recht gut daß ich vor dreißig Jahren diese Übersetzung gelesen und doch auch von dem Sinne des Werks gar nichts begriffen habe. Ich hoffe mich bald mit Ihnen darüber weiter zu unterhalten. Das Exemplar ist nicht mein.</p>
<p>Voß hat mir einen sehr artigen Brief geschrieben und kündigt mir seine Arbeiten über die alte Geographie an, auf die ich sehr verlange.</p>
<p>Sowohl der Brief als das Couvert versprechen ein paar Homerische Charten, die ich aber nicht finde; vielleicht kommen sie mit den Ovidischen Verwandlungen.</p>
<p>In diesen Tagen, da ich mich seiner Homerischen Übersetzung wieder viel bediente, habe ich den großen Werth derselben wieder auf’s neue bewundern und verehren müssen. Es ist mir eine Tournure eingefallen, wie man ihm auf eine liberale Art könnte Gerechtigkeit wiederfahren lassen, wobei es nicht ohne Ärgerniß seiner saalbaderischen Widersacher abgehen sollte. Wir sprechen mündlich hierüber.</p>
<p>Daß wir den Ertrag von Lenzens Mumie auf die Charte von Palästina anwenden wollen, ist mir ganz recht. Doch will ich noch einen Augenblick inne halten, bis ich sehe ob auch mein Moses wirklich fertig wird. Bisher hatte ich mich von der Idee Italiens fast ganz los gemacht, jetzt, da die Hoffnung wieder lebendig wird, so sehe ich wie nöthig es ist meine Collectaneen wieder vorzunehmen, zu ordnen und zu schematisiren.</p>
<p>Den 15ten dieses denke ich wieder bei Ihnen zu sein und eine Zeitlang zu bleiben; heute bin ich von einer zerstreuten Woche noch ganz verstimmt. Leben Sie recht wohl und erfreuen sich der freien Luft und der Einsamkeit.</p>
<p>G.</p>
<div class="nummern">H 312 | S 312 | B 312</div>
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		<title>311. An Goethe</title>
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		<pubDate>Fri, 04 May 2012 22:00:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Giesbert Damaschke</dc:creator>
				<category><![CDATA[1797]]></category>

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		<description><![CDATA[Jena, den 5. Mai 1797 Ich bin mit dem Aristoteles sehr zufrieden, und nicht bloß mit ihm, auch mit mir selbst; es begegnet einem nicht oft, daß man nach Lesung eines solchen nüchternen Kopfs und kalten Gesetzgebers den innern Frieden nicht verliert. Der Aristoteles ist ein wahrer Höllenrichter für alle, die entweder an der äußern [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h6>Jena, den 5. Mai 1797</h6>
<p>Ich bin mit dem Aristoteles sehr zufrieden, und nicht bloß mit ihm, auch mit mir selbst; es begegnet einem nicht oft, daß man nach Lesung eines solchen nüchternen Kopfs und kalten Gesetzgebers den innern Frieden nicht verliert. Der Aristoteles ist ein wahrer Höllenrichter für alle, die entweder an der äußern Form sclavisch hängen, oder die über alle Form sich hinwegsetzen. Jene muß er durch seine Liberalität und seinen Geist in beständige Widersprüche stürzen: denn es ist sichtbar, wie viel mehr ihm um das Wesen als um alle äußere Form zu thun ist; und diesen muß die Strenge fürchterlich seyn, womit er aus der Natur des Gedichts, und des Trauerspiels insbesondere, seine unverrückbare Form ableitet. Jetzt begreife ich erst den schlechten Zustand, in den er die französischen Ausleger und Poeten und Kritiker versetzt hat; auch haben sie sich immer vor ihm gefürchtet, wie die Jungen vor dem Stecken. Shakespear, so viel er gegen ihn wirklich sündigt, würde weit besser mit ihm ausgekommen sein, als die ganze französische Tragödie.</p>
<p>Indessen bin ich sehr froh, daß ich ihn nicht früher gelesen; ich hätte mich um ein großes Vergnügen und um alle Vortheile gebracht, die er mir jetzt leistet. Man muß über die Grundbegriffe schon recht klar sein, wenn man ihn mit Nutzen lesen will; kennt man die Sache die er abhandelt nicht schon vorläufig gut, so muß es gefährlich seyn, bei ihm Rath zu holen.</p>
<p>Ganz kann er aber sicherlich nie verstanden oder gewürdigt werden. Seine ganze Ansicht des Trauerspiels beruht auf empirischen Gründen: er hat eine Masse vorgestellter Tragödien vor Augen, die wir nicht mehr vor Augen haben; aus dieser Erfahrung heraus raisonnirt er, uns fehlt größtentheils die ganze Basis seines Urtheils. Nirgends beinahe geht er von dem Begriff, immer nur von dem Factum der Kunst und des Dichters und der Repräsentation aus; und wenn seine Urtheile, dem Hauptwesen nach, ächte Kunstgesetze sind, so haben wir dieses dem glücklichen Zufall zu danken, daß es damals Kunstwerke gab, die durch das Factum eine Idee realisirten, oder ihre Gattung in einem individuellen Falle vorstellig machten.</p>
<p>Wenn man eine Philosophie über die Dichtkunst, so wie sie jetzt einem neuern Ästhetiker mit Recht zugemuthet werden kann, bei ihm sucht, so wird man nicht nur getäuscht werden, sondern man wird auch über seine rhapsodische Manier und über die seltsame Durcheinanderwerfung der allgemeinen und der allerparticularsten Regeln, der logischen, prosodischen, rhetorischen und poetischen Sätze etc. lachen müssen, wie z.B. wenn er bis zu den Vocalen und Consonanten zurückgeht. Denkt man sich aber, daß er eine individuelle Tragödie vor sich hatte, und sich um alle Momente befragte die an ihr in Betrachtung kamen, so erklärt sich alles leicht, und man ist sehr zufrieden, daß man bei dieser Gelegenheit alle Elemente, aus welchen ein Dichterwerk zusammengesetzt wird, recapitulirt.</p>
<p>Ich wundere mich gar nicht darüber, daß er der Tragödie den Vorzug vor dem epischen Gedicht gibt: denn so wie er es meint, obgleich er sich nicht ganz unzweideutig ausdrückt, wird der eigentliche und objective poetische Werth der Epopöe nicht beeinträchtigt. Als Urtheiler und Ästhetiker muß er von derjenigen Kunstgattung am meisten satisfacirt seyn, welche in einer bleibenden Form ruht und über welche ein Urtheil kann abgeschlossen werden. Nun ist dieß offenbar der Fall bei dem Trauerspiel, so wie er es in Mustern vor sich hatte, indem das einfachere und bestimmtere Geschäft des dramatischen Dichters sich weit leichter begreifen und andeuten läßt, und eine vollkommenere Technik dem Verstande weist, eben des kürzern Studiums und der geringeren Breite wegen. Überdem sieht man deutlich, daß seine Vorliebe für die Tragödie von einer kläreren Einsicht in dieselbe herrührt, daß er von der Epopöe eigentlich nur die generisch-poetischen Gesetze kennt, die sie mit der Tragödie gemein hat, und nicht die specifischen, wodurch sie sich ihr entgegensetzt; deßwegen konnte er auch sagen, daß die Epopöe in der Tragödie <em>enthalten</em> sey, und daß einer, der diese zu beurtheilen wisse, auch über jene absprechen könne; denn das allgemein Pragmatisch-poetische der Epopöe ist freilich in der Tragödie enthalten.</p>
<p>Es sind viel scheinbare Widersprüche in dieser Abhandlung, die ihr aber in meinen Augen nur einen hohen Werth geben; denn sie bestätigen mir, daß das Ganze nur aus einzelnen Apperçus besteht und daß keine theoretischen vorgefaßten Begriffe dabei im Spiele sind; manches mag freilich auch dem Übersetzer zuzuschreiben seyn.</p>
<p>Ich freue mich, wenn Sie hier sind, diese Schrift mit Ihnen mehr im Einzelnen durchzusprechen.</p>
<p>Daß er bei der Tragödie das Hauptgewicht in die Verknüpfung der Begebenheiten legt, heißt recht den Nagel auf den Kopf getroffen.</p>
<p>Wie er die Poesie und die Geschichte mit einander vergleicht und jener eine größere Wahrheit als dieser zugesteht, das hat mich auch sehr von einem solchen Verstandesmenschen erfreut.</p>
<p>Es ist auch sehr artig wie er bemerkt, bei Gelegenheit dessen was er von den Meinungen sagt, daß die Alten ihre Personen mit mehr <em>Politik</em>, die Neuen mit mehr <em>Rhetorik</em> haben sprechen lassen.</p>
<p>Es ist gleichfalls recht gescheidt, was er zum Vortheil wahrer historischer Namen bei dramatischen Personen sagt.</p>
<p>Daß er den Euripides so sehr begünstigte, wie man ihm sonst Schuld gibt, habe ich ganz und gar nicht gefunden. Überhaupt finde ich, nachdem ich diese Poetik nun selbst gelesen, wie ungeheuer man ihn mißverstanden hat.</p>
<p>Ich lege Ihnen hier einen Brief von Voß bei, der eben an mich in Einschluß gekommen ist. Er sendet mir auch eine hexametrische Übersetzung von Ovids Phaethon für die Horen, die mir bei meiner großen Detresse sehr gelegen kommt. Er selbst wird auf seiner Reise Weimar und Jena nicht besuchen.</p>
<p>Was die Charte zum Moses betrifft, so wollen wir, wenn es Ihnen recht ist, den Lenzischen Aufsatz, den ich in das fünfte Horenstück einrücken lasse, dazu bestimmen, daß die Ausgabe für jene Charte davon bestritten wird. Ich habe Cotta versprochen, daß ihn kein Bogen mehr als vier Louisdor kosten solle; sonst hätte er die Horen nicht gut fortsetzen können. Auf diese Art aber macht er sich sehr gut. Sorgen Sie nur, daß wir den Moses und auch das Kupfer bald können abdrucken lassen.</p>
<p>Gehört der Aristoteles Ihnen selbst? Wenn das nicht ist, so will ich ihn mir gleich kommen lassen, denn ich möchte mich nicht gern sobald davon trennen.</p>
<p>Hier neue Horen. Auch folgt der Don Juan mit Dank zurück. Ich glaube wohl das Sujet wird sich ganz gut zu einer Ballade qualificiren.</p>
<p>Leben Sie recht wohl. Ich habe mich an die neue Lebensart schon ganz gewöhnt und bringe in Wind und Regen, manche Stunde mit Spazierengehen im Garten zu, und befinde mich sehr wohl dabei.</p>
<p>Sch.</p>
<div class="nummern">H 311 | S 311 | B 311</div>
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		<title>310. An Schiller</title>
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		<pubDate>Wed, 02 May 2012 22:00:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Giesbert Damaschke</dc:creator>
				<category><![CDATA[1797]]></category>

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		<description><![CDATA[Weimar, den 3. Mai 1797 Gestern habe ich angefangen an meinem Moses zu dictiren. Güssefeld verlangt für eine Charte in klein Folio zu zeichnen vier Louisd’or und will den Stich derselben für etwa zwei Carolin in Nürnberg besorgen. Glauben Sie daß der Spaß die Auslage werth sey, so will ich gleich Anstalt machen, es gehen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h6>Weimar, den 3. Mai 1797</h6>
<p>Gestern habe ich angefangen an meinem Moses zu dictiren. Güssefeld verlangt für eine Charte in klein Folio zu zeichnen vier Louisd’or und will den Stich derselben für etwa zwei Carolin in Nürnberg besorgen. Glauben Sie daß der Spaß die Auslage werth sey, so will ich gleich Anstalt machen, es gehen doch immer ein paar Monate hin bis die Charte fertig wird. Mein Aufsatz kann recht artig werden, um so mehr als in der neuern Zeit die Theologen selbst die Bibelchronologie öffentlich verdächtig machen und überall eingeschobene Jahre zu Ausgleichung gewisser Cyklen vermuthen.</p>
<p>Hier schicke ich den Aristoteles, wünsche viel Freude daran und sage für heute nichts weiter.</p>
<p>G.</p>
<p>Auch schicke ich den zweiten Theil des Vieilleville und den verlangten Don Juan. Der Gedanke, eine Romanze aus diesem zu machen, ist sehr glücklich. Die allgemein bekannte Fabel, durch eine poetische Behandlung, wie sie Ihnen zu Gebote steht, in ein neues Licht gestellt, wird guten Effect machen.</p>
<p>Ich wünsche Glück zur neuen Wohnung und werde eilen Sie sobald als möglich darin zu besuchen.</p>
<p>G.</p>
<p><em>[Bei H ist der Nachsatz ein eigener Brief.]</em></p>
<div class="nummern">H 309, 310 | S 310 | B 310</div>
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		<title>309. An Goethe</title>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 22:00:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Giesbert Damaschke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Jena, den 2. Mai 1797 Ich begrüße Sie aus meinem Garten, in den ich heute eingezogen bin. Eine schöne Landschaft umgibt mich, die Sonne geht freundlich unter und die Nachtigallen schlagen. Alles um mich herum erheitert mich, und mein erster Abend auf dem eigenen Grund und Boden ist von der fröhlichsten Vorbedeutung. Dieß ist aber [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h6>Jena, den 2. Mai 1797</h6>
<p>Ich begrüße Sie aus meinem Garten, in den ich heute eingezogen bin. Eine schöne Landschaft umgibt mich, die Sonne geht freundlich unter und die Nachtigallen schlagen. Alles um mich herum erheitert mich, und mein erster Abend auf dem eigenen Grund und Boden ist von der fröhlichsten Vorbedeutung.</p>
<p>Dieß ist aber auch alles was ich Ihnen heute schreiben kann, denn über den Arrangements ist mir der Kopf ganz wüste geworden. Morgen hoffe ich endlich mit rechter Lust wieder an die Arbeit zu gehen und dabei zu beharren.</p>
<p>Wenn Sie mir den Text von Don Juan auf einige Tage schicken wollten, werden Sie mir einen Gefallen erweisen. Ich habe die Idee, eine Ballade draus zu machen, und da ich das Mährchen nur vom Hörensagen kenne, so möchte ich doch wissen, wie es behandelt ist.</p>
<p>Leben Sie recht wohl. Herzlich freue ich mich drauf, bald wieder eine Zeit lang mit Ihnen zu verleben.</p>
<p>Sch.</p>
<div class="nummern">H 308 | S 309 | B 309</div>
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		<title>308. An Goethe</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Apr 2012 22:10:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Giesbert Damaschke</dc:creator>
				<category><![CDATA[1797]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.briefwechsel-schiller-goethe.de/?p=1287</guid>
		<description><![CDATA[Jena, den 28. April 1797 Eben als ich mich den Abend hinsetzte um Ihre beiden lieben Briefe zu beantworten, stört mich der Besuch des Rudolstädter Fürsten, der wegen der Inoculation seiner Kinder hier ist, und wie ich von diesem befreit bin, erhalte ich eine Humboldtische Visite. Es ist Nachts um 10 Uhr und ich kann [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h6>Jena, den 28. April 1797</h6>
<p>Eben als ich mich den Abend hinsetzte um Ihre beiden lieben Briefe zu beantworten, stört mich der Besuch des Rudolstädter Fürsten, der wegen der Inoculation seiner Kinder hier ist, und wie ich von diesem befreit bin, erhalte ich eine Humboldtische Visite. Es ist Nachts um 10 Uhr und ich kann Ihnen bloß einen freundlichen Gruß schicken. Sonntag Abends ein Mehreres.</p>
<p>Leben Sie recht wohl.</p>
<p>Sch.</p>
<div class="nummern">H 307 | S 308 | B 308</div>
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		<title>307. An Schiller</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Apr 2012 22:00:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Giesbert Damaschke</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Weimar, den 28. April 1797 Gestern, als ich der Fabel meines neuen Gedichtes nachdachte, um sie für Sie aufzusetzen, ergriff mich auf’s neue eine ganz besondere Liebe zu diesem Werke, welche nach allem was indeß zwischen uns verhandelt worden ist, ein gutes Vorurtheil für dasselbe gibt. Da ich nun weiß daß ich nie etwas fertig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h6>Weimar, den 28. April 1797</h6>
<p>Gestern, als ich der Fabel meines neuen Gedichtes nachdachte, um sie für Sie aufzusetzen, ergriff mich auf’s neue eine ganz besondere Liebe zu diesem Werke, welche nach allem was indeß zwischen uns verhandelt worden ist, ein gutes Vorurtheil für dasselbe gibt. Da ich nun weiß daß ich nie etwas fertig mache, wenn ich den Plan zur Arbeit nur irgend vertraut, oder jemanden offenbart habe, so will ich lieber mit dieser Mittheilung noch zurückhalten; wir wollen uns im allgemeinen über die Materie besprechen, und ich kann nach dem Resultate im Stillen meinen Gegenstand prüfen. Sollte ich dabei noch Muth und Lust behalten, so würde ich es ausarbeiten, und fertig gäbe es immer mehr Stoff zum Nachdenken, als in der Anlage; sollte ich daran verzweifeln so ist es immer noch Zeit auch nur mit der Idee hervorzutreten.</p>
<p>Haben Sie Schlegels Abhandlung über das epische Gedicht, im 11ten Stück Deutschlands vom vorigen Jahr gesehen? Lesen Sie es ja! Es ist sonderbar, wie er, als ein guter Kerl, auf dem rechten Wege ist und sich ihn doch gleich wieder selbst verrennt. Weil das epische Gedicht nicht die <em>dramatische Einheit</em> haben kann, weil man eine solche absolute Einheit in der Ilias und Odyssee nicht gerade nachweisen kann, vielmehr nach der neuern Idee sie noch für zerstückelter angibt als sie sind; so soll das epische Gedicht keine Einheit haben, noch fordern, das heißt, nach meiner Vorstellung: es soll aufhören ein Gedicht zu seyn. Und das sollen reine Begriffe seyn, denen doch selbst die Erfahrung, wenn man genau aufmerkt, widerspricht. Denn die Ilias und Odyssee, und wenn sie durch die Hände von tausend Dichtern und Redacteurs gegangen wären, zeigen die gewaltsame Tendenz der poetischen und kritischen Natur nach Einheit. Und am Ende ist diese neue Schlegel’sche Ausführung doch nur zu Gunsten der Wolfischen Meinung, die eines solchen Beistandes gar nicht einmal bedarf. Denn daraus, daß jene großen Gedichte erst nach und nach entstanden sind, und zu keiner vollständigen und vollkommenen Einheit haben gebracht werden können (obgleich beide vielleicht weit vollkommner organisirt sind als man denkt), folgt noch nicht: daß ein solches Gedicht auf keine Weise vollständig, vollkommen und Eins werden könne noch solle.</p>
<p>Ich habe indessen über unsere bisherigen Verhandlungen einen kleinen Aufsatz aus Ihren Briefen gemacht; arbeiten Sie doch die Sache weiter aus, sie ist uns beiden in theoretischer und praktischer Hinsicht jetzt die wichtigste.</p>
<p>Ich habe die Dichtkunst des Aristoteles wieder mit dem größten Vergnügen durchgelesen; es ist eine schöne Sache um den Verstand in seiner höchsten Erscheinung. Es ist sehr merkwürdig wie sich Aristoteles bloß an die Erfahrung hält, und dadurch, wenn man will, ein wenig zu materiell wird, dafür aber auch meistens desto solider auftritt. So war es mir auch sehr erquickend zu lesen, mit welcher Liberalität er die Dichter gegen Grübler und Krittler in Schutz nimmt, immer nur auf’s Wesentliche dringt und in allem andern so lax ist, daß ich mich an mehr als Einer Stelle verwundert habe. Dafür ist aber auch seine ganze Ansicht der Dichtkunst und der besonders von ihm begünstigten Theile so belebend, daß ich ihn nächstens wieder vornehmen werde, besonders wegen einiger bedeutenden Stellen, die nicht ganz klar sind und deren Sinn ich wohl erforschen möchte. Freilich über das epische Gedicht findet man gar keinen Aufschluß in dem Sinne wie wir ihn wünschen.</p>
<p>Hier schicke ich die zwei letzten Verse eines Gedichts, <em>die empfindsame Gärtnerin</em>. Es sollte ein Pendant zu den Musen und Grazien in der Mark geben; vielleicht wird es nicht so gut, eben weil es ein Pendant ist.</p>
<p>Ich erhole mich in diesen Stunden erst wieder von der Zerstreuung des vergangenen Monats, bringe verschiedene Geschäftssachen in Ordnung und bei Seite, damit mir der Mai frei werde. Wenn es mir möglich wird so besuche ich Sie. Leben Sie indessen recht wohl.</p>
<p>G.</p>
<div class="nummern">H 306 | S 307 | B 307</div>
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