856. An Schiller

[Jena, den 20. Februar 1802]

Ich kann Ihrem wiederholten Antrag nicht ausweichen und habe in beiliegendem, auf Montag Abends nach der Komödie, das gewöhnliche Abendessen in meinem Hause bestellt. Ich bin überzeugt meine Hausgeister werden es möglich machen, und so wird am schicklichsten dem allgemeinen Convent ausgewichen.

In Absicht auf Gäste dächte ich versteige man sich eben deßhalb nicht weit. Ich dächte: der Erbprinz, von Hinzenstern, von Pappenheim, die Prinzeß und Fräulein von Knebel.

Wollte man Riedeln dazu nehmen, so würde es theils wegen der alten Verhätlnisse schicklich seyn, theils weil er heut ein Gesellschaft jener beiden Männer hier gewesen.

Leben Sie recht wohl; ich freue mich Sie so unverhofft wieder zu sehen. Ich setze voraus daß Sie die Güte haben, die Gesellschaft davon zu avertiren, so wie die einigen Gäste gefällig einzuladen.

G.

H 845 | S 847 | B 848

855. An Goethe

Weimar, den 20. Februar 1802

Es thut uns allen und mir besonders leid, Sie noch auf längere Zeit nicht zu sehen; da Sie aber so gut beschäftigt und so zufrieden sind, so wollen wir uns der Früchte Ihrer Thätigkeit erfreuen. Vielleicht führt Sie der Bücherstaub, mit dem poetischen Geist geschwängert, auch zu dem alten gespenstischen Doctor zurück, und wenn das geschieht so wollen wir Büttners Manen dafür segnen. Ich habe dieser Tage Ihre Elegien und Idyllen wieder gelesen und kann Ihnen nicht ausdrücken, wie frisch und innig und lebendig mich dieser ächte poetische Genius bewegt und ergriffen hat. Ich weiß nichts darüber, selbst unter Ihren eigenen Werken; reiner und voller haben sie Ihr Individuum und die Welt nicht ausgesprochen.

Es ist eine sehr interessante Erscheinung, wie sich Ihre anschauende Natur mit der Philosophie so gut verträgt und immer dadurch belebt und gestärkt wird; ob sich, umgekehrt, die speculative Natur unsers Freundes eben so viel von Ihrer anschauenden aneignen wird, zweifle ich, und das liegt schon in der Sache. Denn Sie nehmen sich von seinen Ideen nur das, was Ihren Anschauungen zusagt, und das Übrige beunruhigt Sie nicht, da Ihnen am Ende doch das Object als eine festere Autorität dasteht, als die Speculation, so lange diese mit jenen nicht zusammen trifft. Den Philosophen aber muß jede Anschauung, die er nicht unterbringen kann, sehr incommodiren, weil er an seien Ideen eine absolute Forderung macht.

Was Sie von Paulus schreiben, wundert mich einigermaßen, da ich ihm nie die Einbildungskraft zugetraut habe, in die Totalität eines Zustandes, den man nothwendig erst productiv anschauen muß, sich zu versetzen. Aber freilich bringt selbst die Gelehrsamkeit und das Vielwissen nach und nach, atomistisch, die Bedingungen zusammen, aus welchen sich durch einen mäßigen Effort der Phantasie ein bestimmtes Concretum zusammen baut. So ist mir, in einer ganz andern Sphäre, in dem Schauspiel Fust von Stromberg, dessen Verfasser ein sehr mittelmäßiger Dichter war, eine ganze und sprechende Vorstellung des Mittelalters entgegen gekommen, welche offenbar nur der Effect einer bloßen Gelehrsamkeit war.

Die Gita Govinda hat mich neulich auch wieder zur Sacontala zurückgeführt, ja ich habe sie auch in der Idee gelesen, ob sich nicht ein Gebrauch für’s Theater davon machen ließe; aber es scheint, daß ihr das Theater direct entgegensteht, daß es gleichsam der einzige von allen zweiunddreißig Winden ist, mit dem dieses Schiff, bei uns, nicht segeln kann. Dieß liegt wahrscheinlich in der Haupteigenschaft derselben, welche die Zartheit ist, und zugleich in einem Mangel der Bewegung, weil sich der Dichter gefallen hat, die Empfindungen mit einer gewissen bequemen Behaglichkeit auszuspinnen, weil selbst das Klima zur Ruhe einladet.

Sie werden von der neuen Schauspielerin Demoiselle Maas viel Gutes gehört haben, denn sie hat bald die Gunst für sich erlangt; auch ist sie so recht aus dem Schooß der Sentimentalität heraufgestiegen. Ihre Stimme ist angenehm, obgleich noch ohne Kraft; sie hat den Ton des Gefühls und spricht mit Sinn und Bedeutsamkeit, wobei man ihr die Schule der Unzelmann, nicht zu ihrem Nachtheile, anmerkt. Nun höre ich aber, daß sie zu ihrem zweiten Debüt das Lottchen im Hausvater gewählt habe; dabei können wir sie schwerlich von einer neuen Seite kennen lernen. Es wäre besser, sie in einer scherzhaften oder lustig naiven Rolle zu sehen, um zu wissen, was von ihr zu hoffen ist. Auch würde ich Sie sehr bitten sie ein ganzes Jahr auf kleinere Rollen und besonders in der Komödie einzuschränken und so stufenweise zu größern Rollen zu führen, die das Unglück aller Schauspieler sind.

Leben Sie recht wohl. Ich hoffe bald wieder von Ihnen zu hören. Mein Schwager empfiehlt sich Ihnen auf’s beste.

Sch.

H 844 | S 846 | B 847

854. An Schiller

Jena, den 19. Februar 1802

Ihrer Einladung werde ich dießmal, mein werther Freund, nicht folgen können. Den Rocken, den ich angelegt habe, muß ich auch gleich abspinnen und abweisen, sonst gibt es von neuem Unordnung und das Gethane muß wiederholt werden. Unserm guten Prinzen will ich ein schriftliches Lebewohl sagen. Grüßen Sie Herrn von Wolzogen vielmals und wünschen ihm eine glückliche Fahrt.

Mein hiesiger Aufenthalt ist mir ganz erfreulich, sogar hat sich einiges Poetische gezeigt, und ich habe wieder ein paar Lieder, auf bekannte Melodien, zu Stande gebracht. Es ist recht hübsch, daß Sie auch etwas der Art in die Mitte des kleinen Zirkels bringen.

Mit Schelling habe ich einen sehr guten Abend zugebracht. Die große Klarheit bei der großen Tiefe ist immer sehr erfreulich. Ich würde ihn öfters sehen, wenn ich nicht noch auf poetische Momente hoffte, und die Philosophie zerstört bei mir die Poesie und das wohl deßhalb, weil sie mich in’s Object treibt, indem ich mich nie rein speculativ erhalten kann, sondern gleich zu jedem Satze eine Anschauung suchen muß und deßhalb gleich in die Natur hinaus fliehe.

Mit Paulus, der mir den dritten Theil seines Commentars über das neue Testament vorlegte, habe ich eine sehr angenehme Unterhaltung gehabt. Er ist in diesem Wesen so von Grund aus unterrichtet, an jenen Orten und in jenen Zeiten so zu Hause, daß so vieles der heiligen Schriften, was man sonst in idealer Allgemeinheit anzustaunen gewohnt ist, nun in einer specifischen und individuellen Gegenwart begreiflich scheint. Er hat einige meiner Zweifel sehr hübsch, in der Totalität seiner Vorstellungsweise, aufgelöst, daß ich recht vernüglich mit ihm übereinstimmen konnte. Auch läßt sich über manche Maximen, die bei so einer Arbeit zu Grunde liegen, mündlich mancher befriedigende Aufschluß geben und am Ende ist ein Individuum immer willkommen, das eine solche Totalität in sich einschließt.

Das englische der Gita Govinda habe ich nun auch gelesen und muß den guten Dalberg leider einer pfuscherhaften Sudelei anklagen. Jones sagt in seiner Vorrede: er habe dieses Gedicht erst wörtlich übersetzt und dann ausgelassen, was ihm für seine Nation zu lüstern und zu kühn geschienen habe. Nun läßt der deutsche Übersetzer nicht allein nochmals aus, was ihm von dieser Seite bedenklich erscheint, sondern er versteht auch sehr schöne, unschuldige Stellen gar nicht, und übersetzt sie falsch. Vielleicht übersetz’ ich das Ende, das hauptsächlich durch diesen deutschen Mehlthau verkümmert worden ist, damit der alte Dichter wenigstens in der Schöne vor Ihnen erscheinen möge, wie ihn der englische Übersetzer lassen durfte.

So viel für heute! Doch füge ich noch hinzu daß von Ihrem Gartenverkauf hier und da gesprochen wird. Man zweifelt daß Sie das gewünschte dafür erhalten werden; doch muß man das Beste hoffen. Die Schlüssel werde ich im nöthigen Falle bei Hufeland holen lassen. Ein freundliches Lebewohl.

G.

H 843 | S 845 | B 846

853. An Goethe

Weimar, den 18. Februar 1802

Wir wünschen zu wissen, ob Sie etwa Lust und Muße haben, vor der Abreise des Prinzen noch hieher zu kommen, weil wir in diesem Fall unsere geschlossene Gesellschaft, wenn es auch (um Ihnen die Unbequemlichkeit zu ersparen) auf dem Stadthause wäre, noch einmal halten wollen. Wenn Sie nicht kommen, so wird mit einem großen Clubb gedroht, den Herr v. Kotezbue jetzt negotiirt und der den Montag nach der Komödie seyn soll. Der Prinz wünschte sehr diesem zu entgehen und würde sich weit lieber in unserm kleinen Kreis befinden. Lassen sie mich doch durch Herrn v. Pappenheim, der Ihnen dieses überbringt, wissen, ob Sie kommen werden oder nicht, und ob wir auf den Montag etwas arrangiren sollen. Wenn Sie uns fehlen, so können wir das Zudringen der unwillkommenen Gäste nicht wohl abhalten.

Leben sie recht wohl. Ich sehne mich wieder ein Wort von Ihnen zu hören.

Sch.

H 842 | S 844 | B 845

852. An Goethe

Weimar, denn 17. Februar 1802

Da Sie heute nichts von sich haben hören lassen, so vermuthe ich, Sie bald selbst wieder hier zu sehen; ohnehin werden sie unsern Prinzen nicht ohne Abschied wegreisen lassen.

Es ist mir eingefallen, daß es doch artig wäre, sich bei dieser Gelegenheit mit etwas einzustellen; ich habe auch schon einige Verse niedergeschrieben, die wir vielleicht in unserm Kränzchen produciren können; nur müßte1 es nicht später als auf den Montag seyn. Ich habe auch noch zwei neue Melodien welche mir Körner zu zwei Liedern gesetzt hat.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen ausgerichtet worden ist, daß die Schlüssel zu meinem Garten bei Hufeland zu finden sind.

Leben sie recht wohl, und lassen uns nicht zu lang auf sich warten.

Sch.

H 841 | S 843 | B 844

851. An Schiller

Jena, den 12. Februar 1802

So angenehm mir’s ist daß Sie sich nun in Weimar durch einen Hauskauf fixiren, so gern will ich hier das Nöthige besorgen.

Goetze wird sein möglichstes thun und ich ersuche Sie nur mir blad die Schlüssel zu Haus und Garten zu schicken, damit man die Liebhaber hineinführen kann.

Ich habe diese Tage nichts vor mich gebracht, als einen kleinen Aufsatz über’s Weimarische Theater, den ich schon an Bertuch abgegeben habe. Es ist ein Wurf, den ich so hinthue; man muß sehen was sich weiter daran und daraus bilden läßt.

Das Bibliotheksgeschäft ist mehr ein unangenehmes als ein schweres, und hauptsächlich darum verdrießlich, weil bloß der Mangel an Raum ein zweckmäßiges Deployiren hindert. Indessen habe ich auch schon meine Maßregeln genommen. Dabei ist abermals das Fatale, daß man niemand von hiesigen Menschen anstellen kann. Sie sind alle ohnehin so sehr geschäftig und ihre Zeit ist so sehr eingetheilt, welches ihnen denn freilich übrigens zum Ruhme gereicht. Ich habe eben nur diese Tage die Sache von allen Seiten überdacht, um das was ich unternehme nicht mit Hoffnung, sondern mit Gewißheit des Erfolgs anzufangen. Leben Sie recht wohl und helfen Sie sich mit mir durch die irdischen Dinge durch, damit wir wieder zu den überirdischen gelangen können.

G.

H 840 | S 842 | B 843

850. An Goethe

Weimar, den 11. Februar 1802

Ich habe mich nun zum Ankauf des Hauses von Mellish entschlossen, da er etwas davon herunter läßt. Obgleich ich noch immer nicht wohlfeil kaufe, so muß ich doch zugreifen, um einmal für allemal dieser Sorge überhoben zu seyn. Unter diesen Umständen ist es mir aber nun doppelt daran gelegen, meinen kleinen Jenaischen Besitz los zu werden, und ich bitte Sie daher, Goetzen diese Angelegenheit aufzutragen.

Die Anzeige in das Wochenblatt lege ich bei, wie auch eine kurze Notiz was für das Gartenhaus jährlich an Steuern etc. erlegt wird. Der Ankauf hat mich 1150 Reichsthaler gekostet, und ich habe 500 Reichsthaler darein verbaut, wie ich mit den Rechnungen documentiren kann. Ich möchte nun freilich nicht gern dabei verlieren, und wo möglich noch etwas gewinnen. Da ich aber jetzt gern baares Geld hätte, um mein hiesiges Haus bald von aller Hypothek zu befreien, so bin ich mit 1500 Thalern als dem äußersten Preis für Garten und Gartenhaus zufrieden. Was Goetze mir über diese Summe verschaffen kann, will ich ihm hoch verinteressiren. Auch bin ich zufrieden, wenn mir diese Summe binnen 2 oder 3 Terminen, etwa ⅓ auf Ostern, ⅓ auf Johannis und der Rest auf Michaelis oder Weihnachten bezahlt wird. Kann ich gleich alles baar erhalten, ist es freilich besser.

Verzeihen Sie, daß ich Sie mit dieser Angelegenheit plage; aber da Sie einmal mit Büchertiteln und Nummern beschäftigt sind, so mag auch dieses mechanische Geschäft mit den andern hingehen. Mir hat diese ökonomische Angelegenheit, so wie alle natürliche Dinge zu thun pflegen, alle freie Geistesstimmung verdorben; denn ich mußte mich mit den Mitteln beschäftigen, diesen Besitz mir zu verschaffen, und nun ich ihn als mein ansehe, wachsen mir neue Sorgen zu, wie ich ihn meinen Zuständen anpassen soll. Unter diesen Umständen hat ein kleines Gedicht, Cassandra, das ich in einer ziemlich glücklichen Stimmung angefangen, nicht viel Fortschritte gewinnen können.

Ich erhielt dieser Tage von Stuttgart aus den Antrag eine hinterlassene Oper von dem guten Zumsteeg dem hiesigen Theater für 6 Carolin anzutragen. Da er seine Frau mit einiger als Nichts und mit vielen Kindern hinterlassen, so werden Sie wohl thun, was möglich ist, um der Familie diesen Vortheil zuzuwenden.

Möge Ihnen Ihre herculische Bücherexpedition gut von Statten gehen!

Leben Sie recht wohl.

Sch.

H 839 | S 841 | B 842

849. An Schiller

Weimar, den 2. Februar 1802

Ihre beiden neuen Räthsel haben den schönen Fehler der ersten, besonders des Auges, daß sie entzückte Anschauungen des Gegenstandes enthalten, worauf man fast eine neue Dichtungsart gründen könnte. Das zweite habe ich auf’s erste Lesen, das erste auf’s zweite Lesen errathen. Meo voto würden Sie den Regenbogen an die erste Stelle setzen, welcher leicht zu errathen, aber erfreulich ist; dann käme meins, welches kahl, aber nicht zu errathen ist; dann der Blitz, welches nicht gleich errathen wird und in jedem Fall einen sehr schönen und hohen Eindruck zurückläßt.

Ich wünsche daß Sie morgen Mittag mit mir essen möchten, damit wir einmal mit Meyern wieder in einiger Behaglichkeit zusammen sitzen. Sie sollen mit absonderlichen Saucen bewirthet werden. Ich wünsche es um so mehr, als ich zu Anfang der andern Woche wieder nach Jena zu gehen gedenke.

G.

Ich bemerke noch daß August Ihre beiden Räthsel schon in der Hälfte des Vorlesens gerathen hat.

H 838 | S 840 | B 841

848. An Goethe

Weimar, den 1. Februar 1802

Da mir der Kopf von einer schlecht zugebrachten Nacht verwüstet ist, so ist heute nichts mehr mit mir anzufangen und ich werde mich bald zur Ruhe begeben.

Indessen sende ich Ihnen zwei Räthsel, und wenn Sie glauben, daß sie zu brauchen sind, so wollen wir die drei neuen gegen die alten austauschen. Vielleicht fällt mir auch noch ein besseres ein.

Das Ihrige habe ich noch nicht erbrochen, und ich würde glauben es errathen zu haben, wenn mich die zwei letzten Zeilen nicht irre machten.

Ich werde, wenn Sie beikommende Räthsel genehmigen, das Ihrige erbrechen, und alsdann die nöthigen Worte für Calaf aufsetzen, und den Schauspielern zusenden. Sagen Sie mir also diesen Abend noch ein Wort.

Sch.

H 837 | S 839 | B 840

847. An Goethe

Weimar, den 22. Januar 1802

Ich habe, wie Sie finden werden, weniger Verheerungen in dem Manuscript angerichtet, als ich selbst erwartet hatte vornehmen zu müssen; ich fand es von der einen Seite nicht nöthig und von einer andern nicht wohl thunlich. Das Stück ist an sich gar nicht zu lang, da es wenig über zweitausend Verse enthält, und jetzt werden die zweitausend nicht einmal voll seyn, wenn Sie es zufrieden sind, daß die bemerkten Stellen wegbleiben. Aber es war auch nicht gut thunlich, weil dasjenige, was den Gang des Stücks verzögern könnte, weniger in einzelnen Stellen, als in der Haltung des Ganzen liegt, die für die dramatische Forderung zu reflectirend ist. Öfters sind auch diejenigen Partien, die das Loos der Ausschließung vor andern getroffen haben würde, nothwendige Bindungsglieder, die sich durch andere nicht ersetzen ließen, ohne den ganzen Gang der Scene zu verändern. Ich habe da, wo ich zweiflte, einen Strich am Rande gemacht; wo meine Gründe für das Weglassen überwiegend waren, habe ich ausgestrichen, und bei dem Unterstrichenen wünschte ich den Ausdruck verändert.

Da überhaupt in der Handlung selbst zu viel moralsiche Casuistik herrscht, so wird es wohl gethan seyn, die sittlichen Sprüche selbst und dergleichen Wechselreden etwas einzuschränken.

Das Historische und Mythische muß unangetastet bleiben, es ist ein unentbehrliches Gegengewicht des Moralischen, und was zur Phantasie spricht, darf am wenigsten vermindert werden.

Orest selbst ist das Bedenklichste im Ganzen; ohne Furien ist kein Orest, und jetzt da die Ursache seines Zustands nicht in die Sinne fällt, da sie bloß im Gemüth ist, so ist sein Zustand eine zu lange und zu einförmige Qual, ohne Gegenstand. Hier ist eine von den Grenzen des alten und neuen Trauerspiels. Möchte Ihnen etwas einfallen, diesem Mangel zu begegnen, was mir freilich bei der jetzigen Ökonomie des Stücks kaum möglich scheint; denn was ohne Götter und Geister daraus zu machen war, das ist schon geschehen. Auf jeden Fall aber empfehle ich Ihnen die Orestischen Scenen zu verkürzen.

Ferner gebe ich Ihnen zu bedenken, ob es nicht rathsam seyn möchte, zur Belebung des dramatischen Interesse, sich des Thoas und seiner Taurier, die sich zwei ganze Acte durch nicht rühren, etwas früher zu erinnern und beide Actionen, davon die eine jetzt zu lange ruht, in gleichem Feuer zu erhalten. Man hört zwar im zweiten und dritten Act von der Gefahr des Orest und Pylades, aber man sieht nichts davon, es ist nichts Sinnliches vorhanden, wodurch die drangvolle Situation zur Erscheinung käme. Nach meinem Gefühle müßte in den zwei Acten, die sich jetzt nur mit Iphigenien und dem Bruder beschäftigen, noch ein Motiv ad extra eingemischt werden, damit auch die äußere Handlung stätig bliebe und die nachherige Erscheinung des Arkas mehr vorbereitet würde; denn so wie er jetzt kommt, hat man ihn fast ganz aus den Gedankenverloren.

Es gehört nun freilich zu dem eigenen Charakter dieses Stücks, daß dasjenige, was man eigentlich Handlung nennt, hinter den Coulissen vorgeht, und das Sittliche, was im Herzen vorgeht, die Gesinnung, darin zur Handlung gemacht ist und gleichsam vor die Augen gebracht wird. Dieser Geist des Stücks muß erhalten werden, und das Sinnliche muß immer dem Sittlichen nachstehen; aber ich verlange auch nur soviel von jenem, als nöthig ist, um dieses ganz darzustellen.

Iphigenia hat mich übrigens, da ich sie jetzt wieder las, tief gerührt, wiewohl ich nicht läugnen will, daß etwas Stoffartiges dabei mit unterlaufen mochte. Seele möchte ich es nennen, was den eigentlichen Vorzug davon ausmacht.

Die Wirkung auf das Publicum wird das Stück nicht verfehlen, alles Vorhergegangene hat zu diesem Erfolge zusammen gewirkt. Bei unsrer Kennerwelt möchte gerade das, was wir gegen dasselbe einzuwenden haben, ihm zum Verdienste gerechnet werden, und das kann man sich gefallen lassen, da man so oft wegen des wahrhaft Lobenswürdigen gescholten wird.

Leben Sie recht wohl und lassen mich bald hören, daß das verfestete Produkt anfängt sich unter Ihren Händen wieder zu erweichen.

Sch.

H 836 | S 838 | B 839