765. An Goethe

Weimar, den 30. Juli 1800

Der heitre Ton Ihres Briefs beweist mir, daß es Ihnen in Jena ganz wohl geht, wozu ich Glück wünsche. Ich kann dasselbe von mir nicht rühmen; der Barometerstand, der Ihnen so günstig ist, regt meine Krämpfe auf, und ich schlafe nicht gut. Unter diesen Umständen war mir die Nachricht von Körnern, daß er nicht reisen könne, sehr willkommen. Ich werde also nicht nach Lauchstedt gehen, und mache dadurch einen unverhofften Gewinn an Zeit und auch an Geld; denn so gern ich ihn wieder gesehen hätte, so war es mir gerade jetzt ein wenig lästig.

Ich gratulire zum Fortschritt in Ihrer Arbeit. Die Freiheit, die Sie sich mit dem französischen Original zu nehmen scheinen, ist mir ein sehr gutes Zeichen Ihrer productiven Stimmung; auch augurire ich daraus, daß wir noch einen Schritt weiter vorwärts kommen werden als bei’m Mahomet. Mit Verlangen erwarte ich die Mittheilung des Werks und unsre Gespräche darüber. Wenn Sie den Gedanken mit dem Chor ausführen, so werden wir auf dem Theater ein wichtiges Experiment machen.

Auch von meinem Stück hoffe ich Ihnen, wenn Sie zurückkommen das fertige Schema vorzulegen, um mich, ehe ich an das Ausführen gehe, Ihrer Beistimmung zu versichern. In diesen letzten Tagen hat mich der Schluß meiner Gedichtsammlung noch beschäftigt. Die Stanzen über den Mahoment habe ich auch darin abdrucken lassen. Göpferdt kann Ihnen, wenn Sie neugierig darauf sind, die Bogen R und S zusenden, sobald sie abgedruckt sind.

Kirms hat mir heute eine sehr willkommene Rolle Geld zugesendet, für die ich Ihnen bestens Dank sage.

Meine Frau grüßt Sie auf’s schönste. Leben sie recht wohl, und erfreuen sich der bunten Mannigfaltigkeit, die Sie in Jena umgibt. Mellisch ist gestern hier durchgekommen und wohnt wieder in Dornburg. Er hat mir viel von dem lustigen Leben erzählt, das in Wilhelmsthal geführt wird, wo es sehr utopisch hergeht. Meine Schwägerin hatte ein großes Unglück mit dem Wagen, der entzwei ging, doch hat sie selbst keinen Schaden gelitten.

Leben Sie recht wohl.

Sch.

H 755 | S 756 | B 758

Keine Kommentare

764. An Schiller

Jena, den 29. Juli 1800

Meine Arbeit geht ihren Gang fort, meine Übersetzung schreibe ich des Morgens so viel ich kann, mit Bleistift, und dictire sie dann in ruhigen Augenblicken, wodurch das erste Manuscript schon ziemlich rein erscheinen wird. Zu Ende dieser Woche bin ich mit den drei letzten Acten fertig und will die zwei ersten auf einen frischen Angriff versparen. Ich sage nichts vom Ganzen, das uns zu unsern Zwecken auf alle Weise behülflich sein wird. Es ist eigentlich ein Schauspiel; denn alles wird darin zur Schau aufgestellt, und diesen Charakter des Stücks kann ich noch mehr durchsetzen, da ich weniger genirt bin als der Franzose. Der theatralische Effect kann nicht außen bleiben, weil alles darauf berechnet ist und berechnet werden kann. Als öffentliche Begebenheit und Handlung fordert das Stück nothwendig Chöre, für die will ich auch sorgen, und hoffe es dadurch so weit zu treiben als es seine Natur und die erste gallische Anlage erlaubt. Es wird uns zu guten neuen Erfahrungen helfen.

Zu dieser Arbeit brauch’ ich ohngefähr vier Stunden und zur Übersicht dient folgendes Schema, wie mannigfaltig und mitunter lustig die übrige Zeit benutzt worden.

Kurze Übersicht derer Gaben, welche mir in dieser Stapelstadt des Wissens und der Wissenschaft, zur Unterhaltung sowohl als zur geistigen und leiblichen Nahrung mitgetheilt worden.

  • Loder gab:
    • fürtreffliche Krebse, von denen ich Ihnen einen Teller zugewünscht habe;
    • köstliche Weine;
    • einen zu amputirenden Fuß;
    • einen Nasenpolypen;
    • einige anatomische und chirurgische Aufsätze;
    • verschiedene Anekdoten;
    • ein Mikroskop und Zeitungen.
  • Frommann:
    • Griesens Tasso;
    • Tiecks Journal erstes Stück.
  • Fr. Schlegel:
    • Ein eignes Gedicht;
    • Aushängebogen des Athenäum.
  • Lenz:
    • Neue Mineralien, besonders sehr schön krystallisirte Chalcedone.
  • Mineralogische Gesellschaft:
    • einige Aufsätze hohen und tiefen Standpuncts;
    • Gelegenheit zu allerlei Betrachtungen.
  • Ilgen:
    • Die Geschichte Tobi’s;
    • verschiedne heitre Philologica.
  • Der botanische Gärtner:
    • Viele Pflanzen nach Ordnungen, wie sie hier im Garten stehen und zusammen blühen.
  • Cotta:
    • Philiberts Botanik.
  • Der Zufall:
    • Gustav Wasa von Brentano.
  • Die Literaturhändel:
    • Lust Steffens kleine Schrift über Mineralogie zu lesen.
  • Graf Veltheim:
    • Seine zusammengedruckten Schriften, geistreich und lustig, aber leider leichtsinnig, dilettantisch, mitunter hasenfüßig und phantastisch.
  • Einige Geschäfte:
    • Gelegenheit mich zu vergnügen und zu ärgern.

Zuletzt sollte ich Ihres Memnons nicht vergessen, der denn auch wie billig zu den merkwürdigen Erscheinungen und Zeichen der Zeit gerechnet werden muß.

Wenn Sie nun alle diese Gespenster durch einander spuken lassen, so können sie denken daß ich weder auf meinem Zimmer noch auf meinen einsamen Promenaden allein bin. Für die nächsten Tage ist mir noch die wunderlichste Mannigfaltigkeit angekündigt, wovon mit nächstem Botentag das Mehrere. Zugleich werde ich auch den Tag meiner Rückkunft bestimmen können. Leben Sie recht wohl und thätig, wenn Ihnen diese Barometerhöhe so gut als mir bekommt.

G.

H 754 | S 755 | B 757

Keine Kommentare

763. An Goethe

Weimar, den 26. Juli 1800

Irgend ein Spiritus familiaris hat mir geoffenbart, daß Sie den Tancred übersetzen, denn ich habe es, eh’ ich Ihren Brief erhielt, als bekannt angenommen. Für unsere theatralischen Zwecke ist das Unternehmen gewiß sehr förderlich, ob ich gleich herzlich wünsche, daß der Faust es verdrängen möchte.

Übrigens beneide ich Sie darum, daß Sie doch etwas wirklich entstehen sehen. In diesem Fall bin ich noch nicht, weil ich über das Schema meiner Tragödie noch immer nicht in Ordnung bin, und noch große Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen habe. Ob man gleich bei jedem neu zu producirenden Werk durch eine solche Epoche hindurch muß, so gibt es doch stets das peinliche Gefühl, als ob nichts geschähe, weil am Abend nichts kann aufgezeigt werden.

Was mich bei meinem neuen Stücke besonders incommodirt, ist, daß es sich nicht so wie ich wünsche in wenig große Massen ordnen will, und daß ich es, in Absicht auf Zeit und Ort in zu viel Theile zerstückeln muß, welches, wenn auch die Handlung selbst die gehörige Stetigkeit hat, immer der Tragödie widerstrebend ist. Man muß, wie ich bei diesem Stück sehe, sich durch keinen allgemeinen Begriff fesseln, sondern es wagen, bei einem neuen Stoff die Form neu zu erfinden, und sich den Gattungsbegriff immer beweglich erhalten.

Ich lege ein neues Journal bei, das mir zugeschickt worden, woraus Sie den Einfluß Schlegel’scher Ideen auf die neuste Kunsturtheile zu Ihrer Vewunderung ersehen werden. Es ist nicht abzusehen was aus diesem Wesen werden soll, aber weder für die Hervorbringung selbst, noch für das Kunstgefühl kann dieses hohle leere Fratzenwesen ersprießlich ausfallen. Sie werden erstaunen darin zu lesen: daß das wahre Hervorbringen in Künsten ganz bewußtlos seyn muß, und daß man es besonders Ihrem Genius zum großen Vorzug anrechnet, ganz ohne Bewußtseyn zu handeln. Sie haben also sehr unrecht, sich wie bisher rastlos dahin zu bemühen, mit der größtmöglichen Besonnnenheit zu arbeiten, und sich Ihren Proceß klar zu machen. Der Naturalism ist das wahre Zeichen der Meisterschaft, und so hat Sophokles gearbeitet.

Wann ich nach Lauchstedt gehen werde, hängt von einem Brief ab, den ich noch von Körnern erwarte. Sollte das Project nicht zu Stande kommen, so werde ich auf einige Zeit nach Ettersburg gehen, und mich dort für den Anfang meiner Arbeit zu sammeln suchen.

Mögen Ihnen die Musen günstig sein. Meine Frau grüßt Sie.

Sch.

H 752 | S 754 | B 756

Keine Kommentare

762. An Schiller

Jena, den 25. Juli 1800

In Betrachtung der Kürze und Vergänglichkeit des menschlichen Lebens (ich fange meinen Brief wie ein Testament an) und in Ermangelung des Gefühls eigner Production, habe ich mich, gleich Dienstag Abends, als ich ankam, in die Büttnerische Bibliothek verfügt, einen Voltaire herausgeholt und den Tancred zu übersetzen angefangen. Jeden Morgen wird etwas daran gearbeitet und der übrige Tag verschleudert.

Diese Übersetzung wird uns wieder in manchem Sinne fördernd helfen. Das Stück hat sehr viel theatralisches Verdienst und wird in seiner Art gute Wirkung thun. Ich will etwa noch acht Tage hier bleiben und, wenn mich der Genius nicht auf etwas anders führt, so werde ich gewiß mit zwei Drittheilen fertig. Übrigens habe ich noch viele Menschen gesehen und mich einigemale ganz wohl unterhalten.

Schreiben Sie mir auch, was Ihrer Thätigkeit gelungen ist und wann Sie nach Lauchstedt zu gehen gedenken?

Grüßen Sie Ihre liebe Frau und gedenken Sie mein.

G.

H 751 | S 753 | B 755

Keine Kommentare

761. An Goethe

[Weimar, den 22. Juli 1800.]

Ich bin ganz verwundert und erstaunt über den schnellen Entschluß, den Sie gefaßt, und ob ich gleich recht viel Gutes davon für Ihre Arbeiten hoffe, so ist mir doch Ihre Abwesenheit nicht erfreulich. Mögen Ihnen die alten Wände im Schloß viel Glück bringen, und mögen Sie sich dort der guten und bösen Tage erinnern, die wir zu Jena miteinander lebten.

Ich hoffe, bald gute Nachrichten von Ihren Sukzessen zu erhalten, und werde nicht ermangeln Sie von meinen Zuständen zu benachrichtigen. Meine Frau empfiehlt sich Ihnen auch aufs beste.

Leben Sie recht wohl.

Sch.

H – | S 752 | B 754

Nicht bei H, zitiert nach S

Keine Kommentare