845. An Goethe

Weimar, den 20. Januar 1802

Ich werde nunmehr die Iphigenia mit der gehörigen Hinsicht auf ihre neue Bestimmung lesen, und jedes Wort vom Theater herunter, und mit dem Publicum zusammen, hören. Das, was Sie das Humane darin nennen, wird diese Probe besonders gut aushalten und davon rathe ich nichts wegzunehmen. Nächsten Sonnabend hoffe ich etwas über den Erfolg berichten zu können.

Schütz hat mir nun auch eine Recension meiner J. v. O. zugeschickt, die aus einer ganz andern Feder kommt als die der Maria und von einem fähigeren Menschen herrührt; man findet darin ganz frisch die Schellingsche Kunstphilosophie auf das Werk angewendet. Aber es ist mir dabei sehr fühlbar geworden, daß von der transcendentalen Philosophie zu dem wirklichen Factum noch eine Brücke fehlt, indem die Principien der Einen gegen das Wirkliche eines gegebenen Falles sich gar sonderbar ausnehmen und ihn entweder vernichten oder dadurch vernichtet werden. In der ganzen Recension ist von dem eigentlichen Werk nichts ausgesprochen, es war auch auf dem eingeschlagenen Wege nicht möglich, da von allgemeinen hohlen Formeln zu einem bedingten Fall kein Übergang ist. Und dieß nennt man nun ein Werk kritisiren, wo ein Leser der das Werk nicht gelesen, auch nicht die leiseste Anschauung davon bekommt. Man sieht aber daraus, daß die Philosophie und die Kunst sich noch gar nicht ergriffen und wechselseitig durchdrungen haben, und vermißt mehr als jemals ein Organon, wodurch beide vermittelt werden können. In den Propyläen war dieses in Absicht auf die bildenden Kunste eingeleitet; aber die Propyläen gingen auch von der Anschauung aus, und unsere jungen Philosophen wollen von Ideen unmittelbar zur Wirklichkeit übergehen. So ist es denn nicht anders möglich, als daß das Allgemeingesagte hohl und leer und das Besondere platt und unbedeutend ausfällt.

Die Turandot denke ich etwa auf den Dienstag vom Theater herab zu hören und werde dadurch erst in den Stand gesetzt sein, zu bestimmen, was noch zu thun ist, und was der Ort und der Zeitmoment an dieser alten Erscheinung verändert. Detouches hat bereits einen Marsch dazu gesetzt und mir heute vorgespielt, der sich ganz gut ausnimmt.

Ich wünsche, daß Sie sich in dem alten productiven Zimmer recht gut befinden und etwas Neues an dem Fensterpfosten zu notiren haben möchten.

Sch.

H 834 | S 836 | B 837

844. An Schiller

Jena, den 19. Januar 1802

In Jena, in Knebels alter Stube, bin ich immer ein glücklicher Mensch, weil ich keinem Raum auf dieser Erde so viel productive Momente verdanke. Es ist lustig daß ich an einen weißen Fensterpfosten alles aufgeschrieben habe was ich, seit dem 21. November 1798, in diesem Zimmer von einiger Bedeutung arbeitete. Hätte ich diese Registratur früher angefangen, so stünde gar manches darauf was unser Verhältniß aus mir heraus lockte.

Eine Schnurre über das Weimarische Theater habe ich zu dictiren angefangen, und mache dabei, wie billig, ein erstaunt ernsthaft Gesicht; da wir die reelle Leistung im Rücken haben, so ist es gut einwenig dämisch auszusehen und sich auf jede Weise alle Wege frei zu halten.

Hiebei kommt die Abschrift des gräcisirenden Schauspiels. Ich bin neugierig was Sie ihm abgewinnen werden. Ich habe hie und da hineingesehen; es ist ganz verteufelt human. Geht es halbweg, so wollen wir’s versuchen, denn wir haben doch schon öfters gesehen daß die Wirkungen eines solchen Wagestücks für uns und das Ganze incalculabel sind.

Indem ich in das Büttnerische und akademische Bibliothekswesen hinein sehe, und die Idee eines virtualen Katalogs der drei im Lande bestehenden Bibliotheken auszuführen trachte, muß ich auch in die ungeheure Empirie des Literaturwesens hineinschauen, wo einem denn doch, wenn man auch die Forderungen noch so hoch spannt, manches respectable Streben und Leisten entgegen kommt.

Im Geiste der immer neuen Jenaischen Jugend werden die Abende gesellig hingebracht. Gleich Sonntags bin ich bei Lodern bis Ein Uhr in der Nacht geblieben, wo die Gesellschaft gerade einige Capitel historischer Kenntnisse aufrief, die bei uns nicht zur Sprache kommen. Bei einiger Reflexion über die Unterhaltung fiel mir auf was man für ein interessantes Werk zusammenschreiben könnte, wenn man das was man erlebt hat, bei der Übersicht, die einem die Jahre geben, mit gutem Humor aufzeichnete.

Die Botenstunde naht; ich eile ein freundliches Lebewohl zu sagen.

G.

H 833 | S 835 | B 836

843. An Schiller

Weimar, den 16. Januar 1802

Indem ich den Aufsatz über die Kunstausstellung einsende, den ich zu geneigter Aufnahme empfehle, frage ich an, ob Sie sich nicht einrichten wollten heute Abend nach der Komödie mit mir nach Hause zu fahren. Es gibt Verschiedenes, worüber ich mir Ihren Rath erbitten möchte, vor meiner Abreise, welche auf morgen früh um zehn Uhr festgesetzt ist. Leben Sie recht wohl.

G.

H 832 | S 833 | B 835

842. An Schiller

Weimar, den 1. Januar 1802

Wir haben Sie gestern sehr vermißt und um so mehr Ihre Abwesenheit bedauert, da wir denken mußten, daß Sie sich nicht ganz wohl befinden.

Ich wünsche daß Sie morgen der Vorstellung beiwohnen können.

Hier schicke ich den verlangten Theil des Euripides; es ist recht gut daß Sie das Original lesen, ich habe es dießmal noch nicht angesehen, ich hoffe die Vergleichung soll uns manche Betrachtung gewähren.

Mit Freuden werde ich Sei auch im neuen Jahre bald wieder mündlich begrüßen und die Fortdauer unseres Verhältnisses zur guten Stunde feiern.

Ich lege auch die Umrisse der Preisstücke bei, die ganz leidlich gerathen sind.

G.

H 831 | S 832 | B 834

841. An Goethe

Weimar, den 1. Januar 1802

Lassen Sie uns das neue Jahr mit den alten Gesinnungen und mit guter Hoffnung eröffnen.

Es that mir sehr leid daß ich den gestrigen Abend versäumen mußte; aber so kurz mein neulicher Anfall von Fieber und Cholera war, so hart hat er mich angegriffen, und die Schwäche, die er zurückließ hat alle meine Krämpfe wieder rege gemacht.

Doch geht es jetzt viel besser, und ich hoffe der morgenden Vorstellung beiwohnen zu können. Haben Sie die Güte mir den Euripides, wenn Sie ihn jetzt nicht brauchen, wenigstens den Band welcher Jon enthält. zu schicken. Er wird mir, da ich heute nichts anders unternehmen kann, eine angenehme Beschäftigung geben, und mir das morgende Stück geläufiger machen.

Sch.

H 830 | S 831 | B 833

840. An Schiller

[Weimar, den 30. oder 31. Dezember 1801]

Mir ist herzlich leid Sie bei dem kleinen Feste nicht zu sehen.

Auf eine oder die andere Weise sehen wir uns bald. Möchten Sie bald völlig genesen!

G.

H – | S 830 | B 832

839. An Goethe

[Weimar, den 18. Dezember 1801]

Ich habe das Manuscript heute mit aller Besonnenheit durchlesen und wüßte nichts davon und dazu zu thun; wegen der kleinen Weglassung, wovon Sie gestern sprachen, bin ich noch Ihrer Meinung. Sie finden an einigen Stellen Striche mit dem Bleistift; sie betreffen bloß den Ausdruck, den ich, wie ich schon gestern erinnerte, wo möglich von allem was nicht die allgemeine Sprache ist, befreit wünschte, da der Aufsatz an die eigentliche Lesermasse des ungeweihten Publicums adressirt wird.

Mit meinen Kranken bessert es sich zusehends. Ich sehe Sie vielleicht morgen, wenn uns das Wetter begünstigt entweder im Freien oder Abends in der Komödie. Leben sie recht wohl.

Sch.

H 824 | S 829 | B 831

838. An Goethe

[Weimar, 17. Dezember 1801.]

Ich glaube daß wir jetzt auf gutem Wege sind. Das Fieber hat sich ganz gelegt und die schlimmen Zufälle sind bei meiner Frau auch verschwunden. Mit den Kindern ist alles bis jetzt gut abgelaufen. So hoffe ich also mit einer schlimmen Woche wegzukommen.

Wenn Sie für August nichts fürchten, so wäre es für meinen Carl eine große Freude, ihn zu sehen.

Haben Sie selbst keine Scheu vor der Krankheit und mögen nach Tische eine Stunde ausfahren, so machte mir’s große Freude, Sie zu begleiten und einen Augenblick wieder zu sehen. Auch würde mir die frische Luft gut thun, denn ich habe nun fünf Tage bloß im Lazareth gelebt.

Sch.

H 823 | S 827 | B 830

837. An Schiller

Weimar, den 15. Dezember 1801

Indem ich mich erkundige wie es mit den Ihrigen steht, schicke ich den Aufsatz über die Kunstausstellung, der leider zu einem großen Volum anwächst; doch macht Gegenwärtiges ungefähr Dreiviertel vom Ganzen aus. Das letzte Viertel, das noch bevorsteht, bezieht sich auf die nächste Preisausgabe und die künftige Einrichtung überhaupt.

Mögen Sie wohl die Gefälligkeit haben beim Lesen einen Bleistift in die Hand zu nehmen und, was Ihnen beifällt, an der Seite zu notiren. Einen Theil der Handschrift habe ich, wie Sie sehen werden, noch gar nicht corrigirt und ich gehe überhaupt das Ganze noch einmal durch.

Am Ende von Langers Lucretia fehlt noch die Darstellung, was man denn eigentlich auf dem Bilde sehe.

Leben Sie recht wohl und halten Sie sich gut, bis das allgemeine Übel sich von Ihnen und unsern Freunden zurückzieht.

G.

H 829 | S 828 | B 829

836. An Schiller

Weimar, den 27. November 1801

Da es wohl Zeit seyn möchte daß wir einander wieder einmal sähen, so komme ich, wenn es Ihnen recht ist, heute Abend um Sieben mit dem Wagen Sie abzuholen.

Haben Sie besondere Neigung zur Redoute, so soll Ihnen nach dem Abendessen das Fuhrwerk auch dazu bereit stehen.

G.

H 828 | S 826 | B 828