874. An Schiller

Weimar, am 17. Mai 1802

Indem ich um den Alarkos bitte, sende ich zugleich einige Curiosa.

Mögen Sie heute Abend zu einem fernern Colloquio zu mir kommen, so werden Sie mir viel Vergnügen machen indem ich noch einiges vorzutragen habe.

Morgen zu Mittag wünschte ich auch Ihre Gegenwart; Sie werden noch das geheime Concilium finden.

G.

H 861 | S 863 | B 865

873. An Goethe

Weimar, den 12. Mai 1802

Die Vorstellung der Iphigenie auf den Sonnabend wird keine Schwierigkeit haben, obgleich uns der Titus gestern und heut das Theater wegnahm. Morgen und übermorgen aber werden die Theaterproben mit Ernst vorgenommen werden, und ich hoffe, daß Sie über Ihr Werk nicht erschrecken sollen. Wohl glaube ich, daß die sinnliche Erscheinung dieses Stücks manche vergangene Zustände in Ihnen erwecken wird, sowohl in Formen und Farben Ihres eignen Gemüths, als auch der Welt, mit der Sie sich damals zusammen fühlten, und in letzterer Rücksicht wird es mehreren hiesigen Freunden und Freundinnen merkwürdig seyn.

Mit dem Alarkos wollen wir es also auf jede Gefahr wagen und uns selbst wenigstens dadurch belehren. Ich will es unsern Schauspielern möglichst an’s Herz legen, das Beste daran zu wenden. Der C. K. habe ich das Stück lesen lassen, aus Neugierde wie ein solches Product auf einen solchen Sinn wirken würde. Aber es sind närrische Dinge dabei zum Vorschein gekommen, und ich werde mich hüten, eine solche Probe zu wiederholen. Es ist sonderbar, was für Säfte gewisse Thiere aus gewissen Pflanzen ziehen, und die K. gehört auch zu den Lesern, die glauben ein poetisches Werk, das man ihnen vorsetzt, verspeisen zu müssen anstatt es anzuschauen. Sie meint für den Verfasser der Lucinde, an der sie ein großes Wohlgefallen zu haben schien, sey dieser Alarkos ein sehr religiöses Product. Die passionirteste Natur in dem Stück, die Infantin, fand sie abscheulich und unmoralisch, gerade gegen meine Erwartung; aber es scheint daß die gleichnamigten Pole sich überall abstoßen müssen.

Cotta kam vorigen Sonnabend hier durch; er hofft Sie, bei seiner Zurückkunft welche nächsten Sonnabend über vierzehn Tage seyn wird, hier zu finden. Mir trug er auf, Sie zu bitten, daß Sie ihm erlauben möchten Mahomed und Tancred in Schwaben zu drucken. Gädike hat ihna uf eine undankbare Art sitzen lassen. Den Druck wolle er ganz nach Ihrer Vorschrift einrichten und die strengste Correctur beobachten lassen.

Er ließ mir beigeschlossenen Aufsatz von dem Architekt Weinbrenner für Sie zurück. Der Verfasser wünschte Ihre Mitwirkung bei dem Vorschlage den er darin thut.

Die ersten Zeiten meiner hiesigen Ortveränderung sind mir durch manches verbittert worden, besonders aber durch die Nachricht von dem schweren Krankenlager und Tod meiner Mutter in Schwaben. Aus einem Brief den ich vor einigen Tagen erhielt, erfuhr ich, daß an demselben Tag wo ich mein neues Haus bezog, die Mutter starb. Man kann sich nicht erwehren, von einer solchen Verflechtung der Schicksale schmerzlich angegriffen zu werden.

Leben Sie recht wohl und freuen sich Ihrer wohlgelungenen Geschäfte. Das Geld das Sie so gütig waren mir vorzuschießen, liegt parat und ich erwarte nun Ihre Befehle darüber. Wenn es Sie nicht belästigt, so wollte ich Sie bitten, sich von Niethammer eine Note darüber geben zu lassen, was ich ihm für meine und der Herzogin Bücher, die in der Eckart’schen Auction erstanden wurden, zu bezahlen habe, so wollte ich dann beide Schuldposten auf einmal tilgen, und erwarte nun Ihre Anweisung darüber.

Mit dem Athenor sind Sie mir nur einen Tag zuvorgekommen, denn auch ich habe dieses schreckliche Product erhalten und hatte es schon für Sie beiseit gelegt. Ich lege hier ein anderes bei, das nicht viel erfreulicher ist, besonders die Vorrede.

Leben sie recht wohl.

Elise Bürger werden sie nun wohl selbst gehört haben?

Sch.

H 860 | S 862 | B 864

872. An Schiller

Jena, den 11. Mai 1802

Ob noch Sonnabend den fünfzehnten Iphigenie wird seyn können, hoffe ich durch Ihre Güte morgen zu erfahren, und werde alsdann eintreffen, um an Ihrer Seite einen der wunderbarsten Effecte zu erwarten, die ich in meinem Leben gehabt habe: die unmittelbare Gegenwart eines, für mich, mehr als vergangenen Zustandes.

Mit meinem hiesigen Aufenthalt bin ich recht wohl zufrieden. Das Geschäft ist weiter gediehen als ich hoffte, obgleich, wenn man strenge will, noch wenig geschehen ist. Wenn man aber denkt, daß man in solchem Falle eigentlich nur auf Execution liegt und vom handwerksmäßigsten bis zum literarischen Mitarbeiter jeder bestimmt, geleitet, angestoßen, rectificirt und wieder ermuntert seyn will, so ist man zufrieden, wenn man nur einigermaßen vorrückt.

Der Bibliothekssecretär Vulpius hat sich musterhaft gezeigt, er hat, in dreizehen Tagen, 2134 Stück Zettel geschrieben, das heißt Büchertitel, auf einzelne Zettel, ausgeschrieben. Überhaupt sind vier Personen etwa mit 6000 Zetteln in dieser Zeit fertig geworden, wo man ohngefähr sieht was zu thun ist.

Diese Büchermasse war die ungeordnete nachgelassene, und nun kommen wir auch an die schon stehende, ältere. Indessen muß das Ganze doch oberflächlich auf einen wirken, und es ist wie eine Art von Bad, ein schwereres Element, in dem man sich bewegt, und in dem man sich leichter fühlt, weil man getragen wird.

Ich habe in dieser Zeit manches gelernt und einiges gethan. Könnte ich Sie und Meyern, über den andern Abend, mit meinem Neugefundenen unterhalten und dagegen wieder von dem Ihrigen einnehmen, so wüßte ich mir nichts Besseres. Vielleicht wird aber für uns alle dieses dreiwöchentlich Zusammengedrängte nur desto erfreulicher.

Leben Sie recht wohl und sagen mir von sich nur wenige Worte, durch den Boten.

G.

H 859 | S 861 | B 863

871. An Schiller

Jena, am 9. Mai 1802

Ich wünsche daß beikommender Band Sie nicht schon von einer andern Seite her heimgesucht habe, damit Sie diese gereimte Tollhausproduction zuerst als ein Curiosissimum, durch meine Hand, erhalten. So einen, auf der äußern Form des Nächstvergangenen sich herumdrehenden Wahnsinn habe ich doch noch nicht gesehen. Doch wer will ein Wort für so eine Erscheinung finden.

Ihre Sorgfalt für die Iphigenia danke ich Ihnen zum allerbesten. Künftigen Sonnabend werde ich am Schauspielhause anfahren, wie ein anderer Jenenser auch, und hoffe Sie in Ihrer Loge zu treffen.

Über den Alarkos bin ich völlig Ihrer Meinung; allein mich dünkt, wir müssen alles wagen, weil am Gelingen oder nicht Gelingen nach außen gar nichts liegt. Was wir dabei gewinnen scheint mir hauptsächlich das zu seyn, daß wir diese äußerst obligaten Sylbenmaße sprechen lassen und sprechen hören. Übrigens kann man auf das stoffartige Interesse doch auch etwas rechnen.

Im Ganzen geht es mir hier sehr gut, und es würde noch besser gehen und werden, wenn ich meinen Aufenthalt noch einige Wochen hinausdehnen könnte.

Leben Sie recht wohl, richten Sie sich immer besser ein und gedenken unser.

G.

H 858 | S 860 | B 862

Erster Absatz bei S und B als PS

870. An Goethe

Weimar, am 8. Mai 1802.

Für den Alarkos wollen wir unser Möglichstes thun, aber bei einer neuen Durchsicht des Stücks sind mir bedenkliche Sorgen aufgestiegen. Leider ist es ein so seltsames Amalgam des Antiken und Neuestmodernen, daß es weder die Gunst noch den Respect wird erlangen können. Ich will zufrieden seyn wenn wir nur nicht eine totale Niederlage damit erleiden, die ich fast fürchte. Und es sollte mir leid thun, wenn die elende Partei, mit der wir zu kämpfen haben, diesen Triumph erhielte. Meine Meinung ist, die Vorstellung des Stücks so vornehm und ernst als möglich ist zu halten, und alles was wir von dem Anstand des französischen Trauerspiels dabei brauchen können, anzuwenden; können wir es nur so weit bringen, daß dem Publicum imponirt wird, daß etwas Höheres und Strengeres anklingt, so wird es zwar unzufrieden bleiben, aber doch nicht wissen wie es dran ist. Einen Schritt zum Ziele werden wir durch diese Vorstellung nicht thun, oder ich müßte mich ganz betrügen.

Die Iphigenia soll auf den 15ten einstudirt seyn. Auf den nächsten Dienstag wollen wir mit dem Stück auf das Theater.

Elise Bürger wird Ihnen ihren Besuch nicht schenken. Sie ist jetzt wie ich höre noch hier; was sie hier festhält, weiß ich nicht.

Leben Sie recht wohl. Ich freue mich auf die Producte Ihrer Muse. Bei mir hat sich die gehörige Ruhe noch nicht ganz eingefunden. Ich erwarte heute den Cotta auf seiner Meßreise.

Sch.

H 858 | S 859 | B 861

869. An Schiller

Jena, den 7. Mai 1802.

Madame Bürger hat uns bis jetzt noch verschont, wenn sie nicht etwa morgen noch kommt und auf eine Sonntagsdeclamation Anspruch macht. Auf alle Fälle werde ich mich in eine Ecke des Saals, nicht weit von der Thüre, setzen und nach Beschaffenheit der Umstände aushalten oder auf und davon gehen.

Was Sie mir von Iphigenia sagen, ist mir erfreulich. Könnten und möchten Sie das Werk bis zur Aufführung treiben, ohne daß ich eine Probe sähe, und es Sonnabend den 15ten geben, so bleibe ich noch eine Woche hier und brächte maches vor und hinter mich.

Wie ich höre geht der Theaterbau zu Lauchstedt recht gut von Statten. Ich bin recht neugierig wie dieser Pilz aus der Erde wachsen wird.

Wenn Sie eine Leseprobe von Alarkos gehalten haben, so sagen Sie mir doch ein Wort davon.

Es ist mir diese Tage ein anderes neues dramatisches Product zugeschickt worden, das mir, ich mag wohl so sagen, Kummer macht. Ein unverkennbares Talent, sorgfältiges Nachdenken, Studium der Alten, recht hübsche Einsicht, brauchbare Theile und im Ganzen unzulänglich, indem es weder vor- noch rückwärts Face macht. Den zehnten Theil davon hätte man vielleicht produciren können, aber, so wie es liegt ist es ganz und gar unmöglich. Wie ich zurückkomme, sollen Sie es sehen und werden wahrscheinlich noch größere Klagelieder anstimmen. Sagen Sie aber niemand nichts davon, auch nichts von meiner vorläufigen Anzeige; denn wir müssen es unter uns in der Stille zurecht legen.

Das Bibliothekswesen construirt sich nach und nach, obgleich noch immer langsam genug. Ich halte meine Taktik und suche nur immer von Epoche zu Epoche vorzurücken.

Irgend eine poetische Stunde und sonst ein wissenschaftlicher Gewinn fällt auch mit ab.

Leben Sie recht wohl und richten sich recht behaglich ein.

G.

H 856 | S 858 | B 860

868. An Goethe

Weimar, den 5. Mai 1802

Ich komme in diesem Augenblick aus der Regierung, wo man mich länger warten lassen als ich dachte, und kann Ihnen also, da das Botenmädchen gleich fort will, bloß das Nöthigste schreiben.

Iphigenia wäre auf keinen Fall auf den Sonnabend zu zwingen gewesen, weil die Hauptrolle sehr groß, und schwer einzulernen ist. Es war schlechterdings nöthig der Vohs Zeit dazu zu geben. Ich hoffe übrigens das Beste für dieses Stück; es ist mir nichts vorgekommen, was die Wirkung stören könnte. Gefreut hat es mich, daß die eigentlich poetisch schönen Stellen und die lyrischen besonders auf unsere Schauspieler immer die höchste Wirkung machten. Die Erzählung von den Thyestischen Gräueln, und nachher der Monolog des Orest, wo er dieselben Figuren wieder in Elysium friedlich zusammen sieht, müssen als zwei sich aufeinander beziehende Stücke und als eine aufgelöste Dissonanz vorzüglich herausgehoben werden. Besonders ist alles daran zu wenden, daß der Monolog gut executirt werde, weil er auf der Gränze steht, und wenn er nicht die höchste Rührung erweckt, die Stimmung leicht verderben kann. Ich denke aber er soll eine sublime Wirkung machen.

Den übeln Erfolg der Ariadne wird Ihnen der Hofkammerrath schon berichtet haben. Sie können ihm alles Schlimme glauben, was er Ihnen davon schreiben mag; denn diese Elise ist eine armselige herz- und geistlose Komödiantin von der gemeinen Sorte, die durch ihre Ansprüche ganz unausstehlich wird. Doch Sie werden sie selbst sehen und hören, wenn Sie länger in Jena bleiben, denn sie denkt in etlichen Tagen ein Declamationsconcert dort zu geben.

Wir sind seit sechs Tagen eingezogen und freilich noch in größer Confusion, doch habe ich mich in den Morgenstunden in etwas zur Arbeit sammeln können und hoffe nun bald recht in Gang zu kommen.

Zu der lyrischen Ausbeute gratulire ich. Genießen Sie die schöne Jahrszeit auf’s beste und denken unser.

Sch.

H 855 | S 857 | B 859

867. An Hofrath Kirms

Weimar, den 4. Mai 1802

Madame B. hat freilich gestern so allgemein mißfallen, daß man sich durch eine zweite Rolle die man ihr gestattet, bei dem Publicum schlecht empfehlen wird. Ariadne ist zwar keine Rolle gewesen, um das Verdienst einer Schauspielerin ins Licht setzen zu können, aber ihr Unverdienst hat sie leider dadurch vollkommen an den Tag gelegt. Außerdem also, daß Sie, wenn sie den Sonnabend noch einmal auftritt, ihr ein doppeltes Viaticum auf den Weg geben müssen, riskiren Sie auch ein leeres Haus und kommen in Schaden. Diese Gründe, nebst der wirtschaftlichen Unbrauchbarkeit der Dame zum Theater, dürften wohl hinreichend seyn, auch den Hrn. Geheimen Rath zu überzeugen, daß es besser gethan war sich derselben bald auf eine gute Art zu entledigen.

Eh. Wohlgeboren
geh. Diener
Schiller

H 854 | S | B

866. An Schiller

Jena, den 4. Mai 1802

Zuerst meinen herzlichen Wunsch daß die Veränderung des Quartiers möge glücklich abgelaufen seyn! Es soll mich sehr freuen Sie in einer neuen, freundlichen, gegen die Sonne und das Grüne gerichteten Wohnung gesund thätig anzutreffen.

Nun wünscht’ ich aber auch von Ihnen über unsere theatralischen Angelegenheiten etwas zu vernehmen. Was auguriren Sie von Iphigenien, die sich, wie voraus zu sehen war, etwas verspätet? Was sagen Sie vom Madame Bürger, deren Erscheinung ich wohl gern selbst mit abgewartet hätte.

Bei der Bibliothekseinrichtung steht mir die Art der Jenenser, die sich nahezu mit der Italiäner göttlichem Nichtsthun vergleicht, auf eine verdrießliche Weise entgegen. Ich gebe die Bemerkung zum besten, daß das Arbeiten nach vorgeschriebener Stunde, in einer Zeitenreihe regelmäßig vorgenommen, solche Menschen hervorbringt und bildet, die auch nur das Allernothdürftigste, stundenweis und stundenhaft möchte man sagen, arbeiten. ich werde so lange als möglich hier bleiben, weil ich überzeugt bin, daß, wie ich weggehe, das Ganze wieder mehr oder weniger stocken wird.

Was mich übrigens selbst und mein Näheres betrifft, so geht mir manches von statten. Einiges Lyrische hat sich wieder eingefunden und ich habe die Urquelle der nordischen Mythologie, weil ich sie eben vor mir fand, in ruhigen Abenden durchstudirt, und glaube darüber ziemlich im Klaren zu seyn; wie ich mich deßhalb, wenn ich wieder komme, legitimiren werde. Es ist gut auch in einem solchen Felde nur einmal einen Pfahl zu schlagen und eine Stange aufzustellen, nach der man sich gelegentlich orientiren kann.

So spricht auch ein solches Bibliothekswesen uns andere lebhaft an, selbst wenn man nur minutenweis in die Bücher hineinsieht. Sehr günstig finde ich die Wirkung meiner physischen, geognostischen und naturhistorischen Studien. Alle Reisebeschreibungen sind mir als wenn ich in meine flache Hand sähe.

Daß die Gegend in dieser Blüthenzeit außerordentlich schön sey, darf ich Ihnen nicht sagen; ein Blick aus Ihrer obern Gartenstube, mit der Sie, wie ich höre, einen Philosophen beliehen haben, würde jetzt sehr erquicklich seyn.

Leben Sie recht wohl und sagen mir ein Wort.

G.

Daß Loder seinen Schwiegervater, Frau und Kind nach Warschau bringt, daß die Krankheit unserer Freundin Paulus sich in einen gesunden Knaben aufgelöst hat gehört wohl für Sie nicht unter die Neuigkeiten.

H 853 | S 856 | B 858

865. An Schiller

Weimar, den 25. April 1802

Hiebei übersende die verlangte Summe und die beiden ersten Hogarthischen Lieferungen, die ich eben vorfinde.

Dabei frage ich an wie Sie es heute halten wollen. Wenn Sie Abends nicht gern ausgehen, so könnten Sie ja früher kommen und vor Sonnenuntergang wieder zu Hause seyn. Wollen Sie mir hierüber Ihren Entschluß wissen lassen, so bestelle ich Ehlers wegen einiger musikalischen Späße.

G.

H 852 | S 855 | B 857